Schnütchen und Schnäuzchen

Premiere Christoph Winklers “La Fille - Portrait eines Kindes” zeigt Stadien der Protestform Selbstzersetzung im Berliner Ballhaus Ost
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La Fille mal gardée entstand im Nachgang arkadischer Dichtung. Das 1789 uraufgeführte Ballett von Ferdinand Hérold bedient sich bei der Pastourelle und dem Schäferstück. Es spielt in der französischen Landwirtschaft. Die alleinerziehende Bäuerin Simone will ihre Tochter glänzend unter die Haube bringen, Lisa verweigert sich zuerst den mütterlichen Absichten. Hähne eröffnen den Tanz, Schnitter lösen sie ab. In Christoph Winklers privatisierender Abwandlung “La Fille - Portrait eines Kindes” überleben die Hähne als Attrappen. An die Schnitter erinnern Heuballen. Der Choreograf nutzt das klassische Ballett als Folie für eine autobiografische Schilderung. Emma Daniel tanzt seinen Blick auf eine Familienkatastrophe.

Was, wenn man das nicht weiß? Was sieht man ohne weiteres? Daniel hat Schwielen an den Füßen, die an Verstümmelungen denken lassen. Sie kommt im drapierten Trikot an. Tututravestie. Mit einem eher athletischen Repertoire markiert sie kindliche Mimikry. Man sieht dem Kindchenschema bei der Arbeit zu. Schnütchen und Schnäuzchen - ein Überlebensprogramm. Daniel zeigt die Entwicklung eines Mädchens, das in Obhut der Großmütter und einer (vermutlich zweifelhaften) Mutter heranwächst. Die Großväter sind tot, der Vater abwesend. Das wird graphisch dargestellt und erscheint so weit gewöhnlich. Die Anzeigen familiärer Zusammenhänge auf einer Tafel schließen dem Verständnis ein paar Türen auf. Ansonsten folgt Daniel einer alten Musik, im Zeitraffer älter werdend. Sie experimentiert mit ihrer Weiblichkeit, nimmt halbstarke Formen an. Ihre Rolle ist nahezu textfrei. Allerdings hat sie einen Satz, der ihr alles abverlangt im Spektrum zwischen Anpassung und Widerstand. Das ist ein fabelhafter Augenblick. Die kaum Adoleszente entschuldigt sich herausfordernd und dementiert zugleich die Entschuldigung mit Zeichen der Ratlosigkeit. Sie hat Pubertät, das heißt Rauchen auf der Bühne. Sich aufmotzen mit einem Krönchen. Dem Haar die Kämme und Nadeln nehmen. ... Auf der Anzeigetafel sind alle leiblichen Verbindungen unterbrochen. Kein Anschluss unter den vitalen Nummern. Stattdessen erscheint ein Pflegevater rätselhaft auf der Bildfläche. Stationen einer seelischen Destabilisierung geben der Situation einen klinischen Charakter. Die pathologischen Zuschreibungen digitalisieren sich als Menetekel auf einer Wand. Zum Schluss bittet das zersetzte Ich um Aufnahme in einer geschlossenen Einrichtung. Daniel liefert ihre Figur mit einer Karteikarte ab. Ihr Tanz ist zu Ende.

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Wir arrangieren uns vor dem Ballhaus, als Helden eines Stücks von “Theaterscoutings Berlin”. https://www.facebook.com/events/608901689275867/ Marie Golüke leitet den Versuch, das Publikum aus verdunkelter Passivität in die kritische Phase zu führen.

“Wie nehmen Sie die Beziehung zwischen Tochter und Pflegevater in dem Stück wahr?” lautet eine Frage.

Da sitzt der Vater, grau geworden in den letzten Vorhöfen der Jugendhöllen. Neben ihm verschlingt sich Daniel. Den Feierabend begeht sie wie auf einem Sportplatz fast noch im Nachwuchsmodus. Die Haarwand bestimmt den Neigungswinkel des Kopfes. Die Hände gehen durch das Haar wie über Harfensaiten. Jede Bewegung ist dem Programm eingeschrieben.

Die Leute suchen Identifikation in ihren Antworten. Sie verbinden eigene Erfahrungen mit der Inszenierung. Winkler reagiert technisch-theatralisch mit doppelter Distanzierung auf den biografischen Schmerzpunkt. Seine Pflegetochter zog früh in eine therapeutische Wohngemeinschaft, man kann sich vorstellen, was dem Auszug an Zores vorangangen ist. Sie ließ Winklers Traum von einer Kleinfamilie platzen.

Das sagt Winkler einfach so.

Ich finde es unglaublich, dass das so einfach zur Sprache kommt. Die Sachlichkeit der organigrammatischen Auffassung des Desasters - Daniel tanzt eine reale Krankengeschichte. Akte in action. Die Ärzte errechneten die Gesundheit des Mädchens förmlich. Die Krankheitsverlaufsmeldungen erinnern an den Begleittext einer Autoinspektion.

Jemand fragt, ob Winkler erwogen habe, mit der Kranken auf die Bühne zu gehen. Winkler gibt akkurat Auskunft. Er wollte mit den Modulen seiner Kunstform eine wahre Geschichte erzählen und keinen affektiven Budenzauber hochfahren.

Die Tochter bewies ein allenfalls arrangiertes Verhältnis zu der Verarbeitung. “Sie hätte mir das Stück nicht verbieten können”, erklärt Winkler. “Die verwandelten Erfahrungen gehören auch zu meinem Leben.”

09:34 05.06.2016
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