Schockwellen der Repression

Joshua Wong Ai Weiwei erkennt in Joshua Wong einen Repräsentanten der Versachlichung von Widerstandsakten einer weltweit vitalen außerparlamentarischen Straßenopposition.
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Rational und präzise führt Joshua Wong die Aktivist*innen im Kampf um mehr Demokratie in Hongkong. Ai Weiwei erkennt in Wong einen Repräsentanten der Versachlichung von Widerstandsakten einer weltweit vitalen außerparlamentarischen Straßenopposition.

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Chris Patten, der letzte britische Gouverneur von Hongkong, spricht vom „Patriotismus einer ganzen Generation“. Er lobt Wong für seinen mit den Mitteln der Zivilgesellschaft geführten Kampf gegen die festlandchinesischen Interventionen in Hongkong.

Eingebetteter Medieninhalt

Joshua Wong, „Unfree speech. Nur wenn alle ihre Stimme erheben, retten wir die Demokratie“, auf Deutsch von Irmengard Gabler und Karl Picher, S. Fischer Verlag, 16,-

Im August 2017 wird Wong wegen seiner Rolle in der Regenschirm-Bewegung* (konkret zur Last legt man ihm Verstöße gegen das Versammlungsgesetz) zu einer Haftstrafe verurteilt. Dies geschieht in der Konsequenz einer Umwandlung einer leichteren in eine härtere Strafe. Diese Erfahrung stellt Wong an den Anfang seiner Aufzeichnungen.

Softe Radikalisierung

*In den ersten Morgenstunden des 28. September 2014 begann Occupy ein Sonntags-Sit-in im Hongkonger Regierungsviertel. Im Verlauf des Tages ging die Polizei dazu über, mit Tränengas auf die Demonstrant*innen einzuwirken. Die Traktierten schützten sich mit Regenschirmen. Das war der Anfang des Umbrella Movement.

Zur Welt kommt Wong 1996 neun Monate bevor Hongkong an die Volksrepublik zurückfällt. Seine erste Rede hält er als Baby. „Redseligkeit“ sei ihm in die Wiege gelegt worden.

„Durch selbstbewusstes Sprechen konnte ich meine Schwächen ausgleichen.“

Wongs Sozialisation vollzieht sich im Widerspruch zu Deng Xiaopings Versprechen „Ein Land, zwei Systeme“. Die Wettbewerbshochburg Hongkong soll zwar ihre Totalisatoren nicht verlieren, aber trotzdem nach Pekinger Direktiven funktionieren.

Narrative über die Geschichte Hongkongs beginnen stets mit dem Bild eines Fischerdorfs, aber an den Ufern der Stadt ist die Erinnerung an diese Melodien längst verblasst. Zu Jesus‘ Lebzeiten erntete man im Schärenverbund an der Mündung des Yuejiang Salz und Perlen. Ein chinesisches Tortuga bot sich Briganten als An- und Auslauffläche an. Dann kamen schon die ersten Flüchtlinge, die ein Leben unter mongolischer Herrschaft vermeiden wollten. In der Neuzeit machten Portugiesen Hongkong zu einem Außenposten ihres Imperiums, bis sie von den Briten verdrängt wurden. Hongkong war 157 Jahre britische Kronkolonie.

Wong erzählt von seinem ersten Besuch in der Volksrepublik 1991. Da steht alles auf Anfang. Viele Internetseiten sind blockiert. Das ist schwerstes Mittelalter für den Sohn britisch geborener Bürger, die sich am Fortschritt und nicht an der Herkunft orientieren. Folglich gilt ihre Aufmerksamkeit dem japanischen Turbulenzbarometer.

Japan dient Hongkong als Referenzgesellschaft. Die Bevölkerung der Sieben-Millionen-Metropole ballt sich auf einem Bruchteil des Territoriums von Hongkong. In einer Analyse erklärt der Architekt Eric Lye die Basis des massenhaften Zusammenlebens auf engstem Raum. Individualität sei in Hongkong auf das Geschehen am Küchentisch beschränkt. Die Leute besäßen die innere Freiheit, außerhalb der eigenen vier Wände viel für sich behalten zu können.

Schneller Leerlauf

Die Veränderungen, die Wong in seiner Geburtsstadt ansaugen, sind Verwerfungen in einer konformistischen Gesellschaft. Da ist viel führungslose Energie. Wong und seine Freund*innen lehnen sich nicht gegen ein reaktionäres Bildungssystem auf, in dem „die Sekundarschule das Schicksal“ eines jeden Anwärters auf ein erwachsenes Leben bestimmt. Die Aktivist*innen starten vielmehr eine restaurative Revolution. Sie bemühen sich um den Erhalt von Pittoresken und kombinieren traditionelle Elemente mit dem stadteigenen Pop in Opposition gegen volksrepublikanische Störungen. Ihr Ansehen ist auch deshalb so hoch, weil der Aktionismus vom Charakter der Gutwilligkeit eingekleidet und der Identitätsdiskurs eher konservativ geführt wird.

Der totalitäre große Bruder schafft mit seiner Einverleibungs- und Gleichschaltungsradikalität kaum Identifikationsmöglichkeiten. Die Volksrepublik setzt auf Maos kulturrevolutionäres Konzept. Man ersetze eine Gleichförmigkeit durch eine andere, und nenne die ursprüngliche Gleichförmigkeit Abweichung.

Kein Wunder, dass Wong weltweit als Hoffnungsträger wahrgenommen wird.

Bald mehr.

Kristallklar

Wahre Freiheit definiert sich über harte Arbeit und Entschlossenheit. Ai Weiwei

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Bücher kann man nicht erschießen. Ideen lassen sich nicht besiegen. Und wenn eine Zeit gekommen ist, dann geht sie steil, unabhängig von den persönlichen Potentialen ihrer Akteure. Aktivismus ist eine Himmelsmacht. Darüber spricht Ai Weiwei unter der Überschrift „Eine neue Generation von Rebellen“ in seiner Einführung zu Joshua Wongs „Unfree speech. Nur wenn alle ihre Stimme erheben, retten wir die Demokratie“.

Wong ist der Rudi Dutschke des Hongkonger Widerstands gegen den harten volksrepublikanischen Koloss in seinem Unfriendly-Takeover-Flow. Ai Weiwei erkennt in Wong den Protagonisten der Zukunft par excellence. Der Aktivist*innenführer ist ein Produkt der transkontinental vernetzten Wissensgesellschaft. Er ordnet Hongkong anti-ethnisch der demokratischen Staatengemeinschaft zu, als einer globalen Gegenkraft im Verhältnis zu den totalitären Kraken. Wong repräsentiert die neuen Macher*innen im mathematischen Modus, „präzise wie Zahlen“.

Ai Weiwei charakterisiert den Typus der neuen Rebellin als superrational und kristallklar.

Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern stets und unter allen Umständen ein Kampfresultat. Das erklärt Ai Weiwei den zum Nachsitzen bestellten Klippschüler*innen in der Schule des Lebens.

11:59 25.03.2020
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