Bürgerliche Wahrheit

Helon Habila Portia, von ihrem Shakespeare ehrgeizig liebenden Vater so genannt nach einer Protagonistin des elisabethanischen Großmeisters, checkt ungerührt in Europa ein
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Portia, von ihrem Shakespeare ehrgeizig liebenden Vater so genannt nach einer Protagonistin des elisabethanischen Großmeisters, checkt ungerührt in Europa ein. Die in Sambia geborene und auf zwei Kontinenten sozialisierte Lehrerin reißt in Berlin bei der ersten Gelegenheit einen schönen Bettgenossen auf. In Basel trennt sich das Paar zur Probe.

Müdigkeit macht ihn wehrlos. Portias zurückhaltender Verehrer, der namenlose Ehemann der Künstlerin Gina, ein akademischer Jetsetter, temporärer Wahlberliner und Ich-Erzähler, verliert seine komfortable Existenz vorübergehend in einem süditalienischen Flüchtlingslager. Er strandet in Tunesien, zunächst unfähig seine Doktoranten-Identität zu beweisen. In den Mahlströmen des Elends erscheint nichts weniger plausibel als die bürgerliche Wahrheit. Der Namenlose begegnet dem Altruisten Matteo, für den eine Liebesgeschichte zum Gebirge geworden ist, über das er nicht hinwegkommt.

Einst fand Matteo am Strand eine Geflüchtete mit Kind. Er nahm die unter Amnesie leidenden und unter Schock stehenden Gestrandeten auf, verliebte sich in die Frau und heiratete sie. Sie nannte sich Sophia. Eines Morgens erwachte die Gerettete mit ihrem richtigen Namen im Gedächtnis. Basma erinnerte furchtbare Dinge. Ich erzähle die Einzelheiten nicht nach. Auf dem Scheitelpunkt des Grauens wurde Basma von ihrem Mann Manu und ihrer Tochter Rachida (auf hoher See im Wasser treibend) getrennt.

Erinnern Sie sich? Kinderlose Frauen schließen sich mutterlosen Kindern an. Man spielt Familie mit heimlichen Vorbehalten. Den auf der Flucht zerstörten Bindungen hält kein Vergleich stand. Darunter leidet der nigerianisch-libysche Mediziner Manu, der von seiner Frau Basma, nicht jedoch von seiner Tochter Rachida abgesprengt wurde. Manu und Rachida verschlägt es nach Berlin. Manu vermisst Basma bis zum Wahnsinn. Trotzdem erschöpft er sich in friedlosen Verstrickungen mit Hannah aus Eritrea sowie mit der deutschen Angela, die Rachida gern auf einer ihrer Pferde reiten lassen möchte. Manu kennt Angela aus dem Nachtleben. Der Arzt arbeitet vor einem Clubportal. Er hilft Verfeierten, ihre Autos zu finden und einzusteigen.

Bei Basma ist Rachidas Bruder Omar.

*

Der Namenlose findet zurück in die Wohlbestallheit seines akademischen Etuis. Er trifft Gina, die Ehe ist zu Ende. Die beiden kultivieren ein arrangiertes Verhältnis. Es gibt einen Moment der Verständigung, der mir besonders gut gefällt.

Gina war in Dresden. Man hatte sie da über die Zerstörung der Stadt im II. Weltkrieg aufgeklärt. Dubios erscheint ihr in der Nachbetrachtung, dass die Stadt nach ihrem zerstörten Bild wiederaufgebaut wurde. Man habe eine Großchance, sich von der Vergangenheit zu lösen, verpasst. Der Exkurs mäandert bis zu dem Punkt, wo Gina feststellt, dass nicht jeder eine Vergangenheit besitzt. Das Programm der Schwarzen in den Vereinigten Staaten rafft sie so: Da sind Martin Luther King und Rosa Parks. Und dann kommt schon die Plantage und der unüberwindbare Atlantik. Dieser Ausblick passt wunderbar zu einem Berliner Abend unter Gebildeten. Die Mehrheitsgesellschafter memorieren historische Ereignisse als Eckpfeiler biografischer Angaben. Amerikanische Antagonisten zucken indigniert die Achseln. Ihre Geschichte ist Sklavengeschichte bis zu den Namen und der genetischen Sendung.

Auf der anderen Seite des Ozeans treibt Portia die Adresse des Namenlosen auf und verabredet sich mit ihm in London. Hinter ihr liegt eine Ehe, aus der ihr Sohn David hervorgegangen ist. Sie bietet sich unumwunden dem Schatten eines Begehrens an und wackelt dabei sogar mit den Hüften. Come and take it.

Gleich mehr.

Fußnote der Landesgeschichte

Portia, von ihrem Shakespeare ehrgeizig liebenden Vater so genannt nach einer Protagonistin des elisabethanischen Großmeisters, checkt ungerührt in Europa ein.

"We do pray for mercy."

Laura Carmichael speaks Portia’s lines from The Merchant of Venice, Act IV, Scene 1.

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Was zuvor geschah

Portia Kariku recherchiert die Todesumstände ihres Bruders David. Er wurde von seiner Frau, der Schweizerin Katharina, auf dem Baseler Bahnhof vor einen Zug geschubst. Gleichwohl bereist die Schwester Europa mit einem über das Verbrechen hinausragenden Interesse. Es gefällt mir, dieses Interesse ethnologisch zu nennen.

So geht es weiter

„Die Beziehung eines Schwarzen zu Europa bedarf stets einer Qualifizierung.“

Für Portia ist das eine neue Erfahrung. Die Tochter eines Schriftstellers mit der Attitüde des (im Verhältnis zum Despoten kongenialen) Dissidenten begreift Europa als den Groß(t)raum, in dem ihr Vater eine donnernde Identität aus dem Exil destillierte. Jahre hat die Familie in England gelebt. Die Vorbehalte der Diaspora-allergischen Mutter prägten Portias Wahrnehmung. Ungefragt beschrieb sie mit der Unzufriedenen die Rolle rückwärts nach Sambia.

Ein politischer Umschwung erklärte die vehemente Kritik des Vaters an vormals in Sambia herrschenden Verhältnissen zur Fußnote der Landesgeschichte. Niemand gleich wo in Afrika zeigte mehr auch nur das leiseste Interesse daran. In Europa behielt James Kariku seinen Rang als Kenneth Kaundas schärfstem Kritiker.

Kaunda besteht noch in seiner Leibhaftigkeit, während (der erfundene) Kariku nach einer verspäteten Heimkehr die Gleichgültigkeit des Regimes mit seinem beleidigten Tod quittierte. Seither erscheint der interessierten Öffentlichkeit Portia als tüchtige Tochter einer historischen Persönlichkeit. Sie selbst geht verspielt mit intellektuellen Avancen um. Sie hat ein leichtes Herz und einen guten Schritt (mit dem sie Berlin abmisst). In der deutschen Kapitale versorgt sie sich mit Abwechslung im Easyjet-Airbnb-Netflix-Spektrum. Sie kommt von einem anderen Stern, sobald es darum geht, zu begreifen, dass viele Weiße reisende Schwarze für prekäre Migranten halten.

„Warum gehen Weiße stets davon aus, dass jeder Schwarze, der unterwegs ist, ein Flüchtling ist?“

Portia reagiert mittelständig-versnobt auf die global standardisierten Konsumchancen. Ihre Performance definiert die Verwerfungslinie. Konkludent klärt die Akteurin den Status quo ab. Die Lektion: Finanzielle Spielräume bestimmen die Daseinskurse ohne Ansehen der Staaten und Personen.

Exotisch erscheinen Portia „Afrodeutsche, die keine Erinnerung an Afrika haben“, und von denen die Lehrerin bislang nur gehört hat. Attraktiv findet sie den Schwarzen Nachbarn ihrer Berliner Airbnb-Wohnung. Portia fängt sofort an zu flirten und zieht ihn in ihren Bann. Der Leser erkennt in dem Gefeierten Ginas Mann wieder. Sie erinnern sich: Viel Zeit verbrachte das alle Erwartungen auf Academia richtende und den männlichen Hemmungen zum Trotz verheiratete Paar in einer Zweiraumwohnung über einem Parkplatz in Arlington, Virginia. Bis Gina „das renommierte Berliner … Kunststipendium“ erhielt und die Eheleute sich in der deutschen Hauptstadt als arrivierte Zaungäste etablieren.

Gleich mehr.

„Schreiben ist ... ein politischer Akt“, sagt Helon Habila.

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Prison Dialogues

Portia Kariku recherchiert die Todesumstände ihres Bruders David. Er wurde von seiner Frau, der Schweizerin Katharina, auf dem Baseler Bahnhof vor einen Zug geschupst. Gleichwohl bereist sie Europa mit einem darüber hinausragenden Interesse. Es gefällt mir, dieses Interesse ethnologisch zu nennen.

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Exotisch erscheinen Portia „Afrodeutsche, die keine Erinnerung an Afrika haben“, und von denen die aus Sambia gebürtige Lehrerin bislang nur gehört hat. Attraktiv findet sie den Schwarzen Nachbarn ihrer Berliner Airbnb-Wohnung. Portia fängt sofort an zu flirten und zieht ihn in ihren Bann. Der Leser erkennt in dem Gefeierten Ginas Mann wieder. Sie erinnern sich:Viel Zeit verbrachte das alle Erwartungen auf Academia richtende und den männlichen Hemmungen zum Trotz verheiratete Paar in einer Zweiraumwohnung über einem Parkplatz in Arlington, Virginia. Bis Gina „das renommierte Berliner … Kunststipendium“ erhielt und die Eheleute sich in der deutschen Hauptstadt als arrivierte Zaungäste etablieren.

Inzwischen ist Gina in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Der namenlose Erzähler des Romananfangs spiegelt sich glänzend in Portias Wahrnehmung.

„‘Can I help …?‘, wiederholte er. Er sah gut aus, nicht auf die goldige, gefühlvolle Denzel-Washington-Art, sondern zurückhaltender, vor allem wenn er … lächelte.“

Portia schnappt sich den Zurückgebliebenen und bummelt mit ihm durch Berlin und Basel. In einem Antiquariat lassen sich die Akteure so vernehmen:

“He looked at the title:Prison Dialogues, by James Kariku. ‘I remember this book. I had to study it for my secondary school finals’.” “’My father’, she said.”

Das Gewissen Afrikas

Der Namenlose übernimmt die Rolle, die ihm angetragen wurde. Das heißt, er flirtet zurück und kauft einer fliegenden Blumenhändlerin die Rose zum Drink in einer Bar direkt am Mauerpark ab.

Portia stammt aus einer Familie von Kenneth Kaunda*-Gegnern. Sie genoss ihre Erziehung im englischen Exil. Dem Vater gefiel das Nebelland besser als der Mutter, die es nach Sambia zog. Der akademisch gepolsterte Publizist klapperte die Vergabestellen von Stipendien und die Schauplätze der Begünstigungen in Europa ab. Während in seiner ersten Heimat niemand mehr wusste, wer er war, reüssierte er in der weißen Welt als „das Gewissen Afrikas“.

*„Kenneth David Kaunda (*1924) war von 1964 bis 1991 erster Präsident Sambias und einer der wichtigsten … (Akteure) der Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika.“

Trauma der Ungewissheit

“I guess for most migrants nostalgia isn’t only for a past. It can also be for the future. They miss the present that they can't share with their families.”

„Mein Bild vom Migranten ist eine Person, die aus dem Koffer lebt, mit einem Fuß immer vor der Tür“, egal, wie lange sie schon da ist, wo es sie hin verschlagen hat. Jede Migration stiftet ein Trauma der Ungewissheit.

Helon Habila sagt das irgendwo.

Portia Kariku, Protagonistin in Habilas Roman „Reisen“, ist eine Tochter des Exils. Sie wurde in England gezeugt und kam im Ursprungsland der Eltern zur Welt; während der Vater als expatriierter Widerstandskämpfer in Europa eine akademisch-sentimentale Grand Tour nach der nächsten absolvierte.

James Kariku stilisierte sich zum beinah überlebensgroßen Gegenspieler von Kenneth Kaunda*. Für den Superoppositionellen war die Diaspora süß; eine Abfolge angenehmer Gelegenheiten. Ständig wurde Kariku gefragt und gebeten.

*„Kenneth David Kaunda (*1924) war von 1964 bis 1991 erster Präsident Sambias und einer der wichtigsten … (Akteure) der Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika.“ Wikipedia

Helon Habila, „Reisen“, Roman, herausgegeben von Indra Wussow, auf Deutsch von Susann Urban, AfrikAWunderhorn, 320 Seiten, 25,-

Vorübergehend kam es zu einer Familienzusammenführung in Kopenhagen. Portias Mutter ging da kaum je vor die Tür. Der Vater entpuppte sich als schwadronierender Säufer. Mir geht es aber gerade nur um die Erfahrungsspielräume, die Portia als Heranwachsende hatte. In der Gegenwart des Romans bezieht die Absolventin der School of Oriental and African Studies in Berlin eine Airbnb-Wohnung und verkostet Rotwein aus den Hauptmieter-Beständen gemeinsam mit dem ursprünglich aus Nigeria gebürtigen, US-amerikanisch-attraktiven Nachbarn.

Schwache Performance

Der Namenlose kämpft mit sich. Portias Avancen sind nicht von schlechten Eltern. Andererseits wähnt sich der Beflirtete glücklich verheiratet. Die Gattin lebt nach einem Berliner Stipendiumsaufenthalt wieder in den Vereinigten Staaten.

Der Namenlose lässt sich erst einmal halb hinreißen. Er geht mit Portia aus, bewährt sich als Restaurantkenner und angenehmer Barbegleiter. Wie die Quecksilbersäule eines Fieberthermometers steigt die Lust in ihm auf. Machen wir uns nichts vor. Portia fördert den Prozess, vereitelt aber den Vollzug. Sie verirrt sich in ihrer Widersprüchlichkeit, ohne sich von dem Namenlosen zu lösen. Sie kassiert die Hittingpointpower der Aufmerksamkeit und des schwelenden Begehrens. Sie heizt die Wärmequelle an.

Portia lässt sich von dem Namenlosen nach Basel begleiten, wo sie die Frau trifft, die ihren Bruder umgebracht hat. Die Reisenden schlafen in einem Hotelzimmer, wenn auch in verschiedenen Betten. Portia versteht nicht, warum der Namenlose nicht energischer aufrückt. Sobald er sich in aller Halbherzigkeit zu einem sexuellen Gehversuch veranlasst sieht, blockt Portia. Sie verzichtet darauf, ihre Motive zu ergründen. Dabei ist es ganz einfach. Die schwache Performance düpiert sie.

Familie und Erfahrung

Die Faszination, die David auslöste, löste ihn aus

Beschreiben wir noch einmal den Reigen zwischen Begehren, Schuld, Gleichgültigkeit und Fremdheit.

„Die Geister zur Ruhe betten. Nach dem Tod ihres Vaters letztes Jahr hatte ihre Mutter immer häufiger von David gesprochen. Was sie falsch gemacht und warum er …“

David, so heißt Portias Bruder. Er ging in die Schweiz und ertrug da zuerst einen Asylantenstatus, einem gewaltigen Erbhof aus Familie und Erfahrung zum Trotz. Die Faszination, die David auslöste, löste ihn aus.

In ihren Nachbetrachtungen fragt sich Portia, woher die Faszination rührt. Eine Antwort findet sie nicht. Sie tändelt mit dem Namenlosen wie zur Ablenkung von allen möglichen Informationen, die wie Staub anhaften.

Wollte sie das wirklich wissen?

Portia erkennt, dass sie ihren Bruder nicht gekannt hat. Mehr noch. David hatte es vorgezogen, sich eine andere Familie anzudichten. Den Schweizer*innen präsentierte er sich als Sohn eines muslimischen Geistlichen aus Mali. Nach dieser Legende hieß er Moussa.

Diskret übergeht Portia David-Moussas Abkehr von seiner christlichen Herkunft. Sie begreift die Verleugnung ihrer Familie nicht. Unverständlich bleibt, dass David-Moussa den selbstgewählten Vater finanziell rückhaltlos bis zur Verschuldung und der Ausbeutung seiner Frau unterstützt hatte.

Portia schaut in einen Abgrund. Sie sieht den Irrsinn ihres Bruders lodern.

Schweizer Schwägerin

Was zuvor geschah

Portia, Tochter eines in der europäischen Diaspora glücklich gewordenen sambischen Dissidenten, reist via Berlin, wo sie einen Nigerianer mit US-Pass aufreißt, nach Basel, um da die Frau ihres verstorbenen Bruders David erstmals zu treffen. In den Gesprächen mit Katharina erkennt Portia, dass sie ihren Bruder nicht gekannt hat. Mehr noch. David hatte es vorgezogen, sich eine andere Familie anzudichten. Den Schweizer*innen präsentierte er sich als Sohn eines muslimischen Geistlichen aus Mali. Nach dieser Legende hieß er Moussa. Diskret übergeht Portia David-Moussas Abkehr von seiner christlichen Herkunft. Sie begreift die Verleugnung ihrer Familie nicht. Unverständlich bleibt, dass David-Moussa den selbstgewählten Vater finanziell rückhaltlos bis zur Verschuldung und der Ausbeutung seiner Frau unterstützt hatte.

Portia schaut in einen Abgrund. Sie sieht den Irrsinn ihres Bruders lodern.

So geht es weiter

Die Witwe trägt sich als reizende kleine Person. Auf Anhieb erkennt Portia, was Männer an Katharina reizt.

Die Konstellation ist komplex.

Katharina saß im Gefängnis, weil sie David auf dem Baseler Hauptbahnhof von einem Gleis und vor eine Lokomotive geschubst hat. Sie erklärt das Verbrechen, ohne sich zu entschuldigen mit einem, von ihrem Mann ausgelösten Gefühl der Bedrohung.

Die Totschlägerin wohnt in einem Knusperhäuschen, dass sie von einer harten, ihr Leben lang alleinstehenden, in allen möglichen Gewerken bewanderten Tante geerbt hat. Die Einrichtung wurde von der Tante komplett zusammengeschreinert. Mit dem Holzorkan assoziiert sich etwas zwischen Schrank und Sarg.

Helon Habila, „Reisen“, Roman, herausgegeben von Indra Wussow, auf Deutsch von Susann Urban, AfrikAWunderhorn, 320 Seiten, 25,-

Die Resozialisierte existiert in der fürsorglichen Reichweite des Mannes, den zu heiraten den Normalverläufen vor Ort entsprochen hätte. Die Art und Weise, wie die Überlebenden diverser Katastrophen sich unter die Haut greifen, zeigt, was richtig gewesen wäre. Ihre Vertrautheit überspült die experimentell erzeugten Varianten. So erlebt das Portia in feiner Einfühlung.

Es gibt eine wüste Mikroszene. Sie spielt in einem Restaurant nahe dem Baseler Tinguely-Brunnen. Portia erklärt, sie esse kein Fleisch. Katharina wundert das in rassistischer Weise. Alle Afrikaner etc. Das ist nicht mein Punkt. Portia bestellt ein Filet vom Wolfsbarsch.

Die Rückkehr der Wolfsbarsche

Bevor das Mittelmeer zum Massengrab wurde, gab es vor Lampedusa keine Wolfsbarsche mehr. Die Rückkehr des Branzino, sein starkes Aufkommen in Küstennähe, zeigt an, was auf Lampedusa keinem entgehen kann: dass ein paar Kilometer vor dem europäischen Festland stündlich Menschen ertrinken und diese Ernte einige Kreisläufe beschleunigt. Das erzählt Davide Enia in „Schiffbruch vor Lampedusa“, aus dem Italienischen von Susanne Van Volxem und Olaf Matthias Roth, Wallstein, 238 Seiten, 20,-.

Davide Enia unterstellt seine Recherchen den Anspielungen eines wortkargen Fischers. So spielt der Autor auch das Leitmotiv des Textes an. Vielen Zeug*innen sind schon Anspielungen zu viel. Die Zurückhaltung des Fischers koinzidiert mit dem, so suggeriert es Enia, vielsagenden Schweigen des italienischen Südens.

Man müsse Sizilianer sein, um das Evokationspotential des Inselidioms begreifen, das historische Echo vernehmen und das Schweigen deuten zu können. Enia bezeichnet den Inseldialekt als „Muttersprache“. Die Register des Dringlichen würden für Fremde hinter verschlossenen Sprachtüren gesichtet. Das Schweigen vervollständige die Muttersprache.

„Ich bin in diesem Schweigen aufgewachsen.“

Bereits die Gesprächsaufnahme mit Fremden entspräche dem Bruch eines kulturellen Tabus.

Menschenfleisch

Habila deutet einen Tabubruch an, der sich in der Unbefangenheit ergibt, die sich zwischen Portia und der schuldhaft Verantwortlichen für den Tod ihres Bruders einschleicht. Die beiden laufen kurz zueinander über. Außerdem stellt der Verzehr des Wolfsbarschfilets einen beinah kannibalischen Akt dar, jedenfalls im vorgezeichneten Rahmen. Die erklärte Vegetarierin Portia isst einen mit Menschenfleisch gemästeten Fisch.

04:55 29.11.2020
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