Schwedische Vulkanasche

Rokkikellari Bei Zygmunt saß jeder Schlag ins Kissen. Hausarbeit war für ihn etwas Buddhistisches.
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Es musste skandinavische Vulkanasche sein. Vlad tat so, als gäbe es die bei Ikea. Ich hörte mich um, kein Mensch bot Vulkanasche zum Verkauf. Ich fragte Ulrike Masande-Ntshanga. Sie erinnerte an unsere Genossin Lavina Danger, von Insidern auch das dekorierte Elend genannt, die mit Zygmunt Z. und Cavallo Juantorena in einer neogotisch-postsozialistischen Wohngemeinschaft lebte. Ich dachte nicht gern an sie, wir waren uns zu nahegekommen, ohne dass es gepasst hätte.

Lavina hatte in ihrer populistischen Phase skandinavische Landschaften fotografiert, ich rief sie an. Sie gab vor, erfreut zu sein, und behauptete, schwedische Vulkanasche in ihrer langwierig renovierten Brandenburger Bauernkate zu haben – und zwar in einem Blumenkübel als Souvenir.

Inzwischen betrieb Lavina ein Schwarzweißkunstgewerbe von verspielter Peinlichkeit. Sie fotografierte Ü40-Paare in SM-Posen und schrieb dazu erotischen Unrat.

Ich nahm Ulrike mit nach Brandenburg. Ich hegte den Verdacht, dass sie für Inszenierungen mit Rosenblättern und Gummihandschuhen zu haben sei. Ich hatte so eine Ahnung. Lavina fing gleich an, Ulrike zu bearbeiten. Ihre Gerissenheit machte sich unauffällig hinter puffmütterlichem Gehabe.

Ich legte zehntausend Euro auf den Tisch des Hauses und packte alsdann den Kübel ins Auto, im Gegenzug sollte für Lavina außerdem ein Auftritt in Vlads Bärendisco Grizzly Park herausspringen.

Lavina bat uns, zu bleiben. Sie spielte einen Konzertmitschnitt der Hellblonde Moonshiner Devision ab, aufgenommen im Rokkikellari von Seinäjoki. Lavina war selbst im Rokkikellari von Seinäjoki aufgetreten. Seitdem hatte sie einen finnischen Fanclub; gegründet von einem Tangoliebhaber.

Bei Zygmunt saß jeder Schlag ins Kissen. Hausarbeit war für ihn etwas Buddhistisches. Er war in der DDR Fachassistent der Pathologie gewesen, wäre aber lieber Turnhallenwart geworden. Er hatte mit Leichen gekegelt und ihnen die Zähne gezogen. Die Zähne waren von der Verwandtschaft noch gebraucht geworden. Die Assistenten waren mit ihren Zahnarztbestecken wie Klempner über die Friedhöfe gelaufen. Ich kannte Zygmunts Geschichte aus diversen Quellen. Seine Eltern hatten ihn nach Zygmunt Zabierzowski genannt, aus Bewunderung für den masurischen Wunderläufer. Zygmunt war sein Leben lang von einer Anfälligkeit für Anstrengungen weit entfernt geblieben.

Die Sphinx von Pankow

Auf der Rückfahrt fing Ulrike von Hamid an, einen syrischen Musiker, in den sie sich gerade verliebt hatte. Er besuchte sie ständig an ihrem Arbeitsplatz, dem Café Jamal. Ulrike studierte Geschichte und war von daher zu ungewöhnlichen Vergleichen und Voraussagen in der Lage. Sie war Sphinx und Kassandra, und so sprach sie prophetisch auf dem Beifahrersitz:

„Das gallische Westgotenreich ging 507 binnen Stunden unter. Der erste Frankenkönig Chlodwig griff durch bis nach Burgund, schliff Tolosa und drückte die Verlierer auf die iberische Halbinsel, wo sie noch zweihundert Jahre schalten konnten. Dann kamen die Mauren und hielten das Territorium über siebenhundert Jahre fest.

Es gibt immer einen Augenblick, da stehen die Dinge auf Messers Schneide. Chlodwig stand auf der Ebene von Vouillé kurz davor, verprügelt zu werden. Er hatte Alarich eigenhändig kaltgemacht und war in tollkühner Flucht entkommen. Seine Verfolger wurden zu Verlierern der Geschichte vielleicht nur deshalb, weil ihre Pferde in einer Stunde der Wahrheit nicht schnell genug liefen. Hätte Chlodwig auf der Strecke das Zeitliche gesegnet, wer weiß, vielleicht wäre die Fortsetzung des römischen Imperiums sowie die Geburt Europas im Geist freundlicher Vielfalt ein westgotischer Triumph geworden.“

Ulrike seufzte, ich wusste, sie war in Gedanken bei Hamid, der offiziell noch als Liebhaber von Thaïs auftrat, obwohl das Verhältnis zerrüttet war. Ich übergab den Kübel einem Leibwächter, der den Kübel wie eine Monstranz übernahm. Ich war nie weiter vorgedrungen in Vlads Reich als bis zu dem Parkplatz weit vor der Residenz. Wollte er etwas von mir, ließ Vlad mich an einer Straßenecke auf ihn warten. Manchmal durfte ich mich zu ihm ins Auto setzen. Meistens nahm ich seine Befehle stehend entgegen. Nun bekam ich einen Anruf.

„Der Chef ist zufrieden.“

Was wollte ich mehr. Das Tolosanische Reich der Westgoten verschwand beinah spurlos. Die Forscher*innen halten sich an ein paar etymologische Spezialitäten. Das Übrige entstammt nicht zuletzt dem Mythenhunger der Bauern in den Pyrenäen, die bis heute Reliquien und den Schmuck der Westgoten in verschlossenen Höhlen vermuten. Dan Brown nährte die Vorstellung, Maria Magdalena könnte, von Jesus schwanger, auf ihrem Europatrip in eine westgotische Dynastie eingeheiratet haben.

12:18 08.01.2019
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