Schwule Richter

Kino Marlow im Herz der Finsternis von Nymph()maniac 2
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Auf dem Zaun seines Leichtsinns hockt Marlow vor einer Backwarenverkaufsstelle. Vor ihm kollidieren Welten auf einer Wiese. Vermummte kampieren neben Studenten in Badesachen. Der Sommer kam plötzlich. Ein kaltes Frühjahr übernahm er wie eine Besatzungsmacht. In der Verkaufsstelle sorgt er für einen gereizten Ton.

Der zugezogene Konvent erhebt sich zum Schwarm, in Bewegung gesetzt von militant vorgefahrenen Diplomatenlimousinen. Schau an, laufende Zelte auf einer internationalen Umlaufbahn. Marlow kehrt in die Akademie zurück, er ist allein im klimatisierten Lesesaal.



Marlow belauscht ein Gespräch über angeschwemmte Leichen. An Urlaubsstränden aus dem Wasser gezogen. Namenlose einer Völkerwanderung von der Dritten in die Erste Welt, die es nicht geschafft haben, in europäischen Küchen und Kellern dem Wohlstand nah zu verelenden.

Vor der Bar vagabundieren aufgeblasene Möbel. Die Zeit gähnt, Tauben rücken auf. Fahrräder fallen um. Eine Fahne weht über die Kreuzung. Der Nebentisch unterhält sich über Undercut: Glamour und Kahlschlag in einer Frisur. Viele Sätze bleiben unvollendet. Die Geläufigkeit jedes Gedankens steht außer Frage.

Ein Anzug in fiebriger Erwartung fällt neben Marlow auf einen Stuhl. Neugier hält Marlow auf seinem Platz. Er möchte wissen, auf wen man so intensiv warten kann, wenn man über vierzig und so entschlossen bürgerlich ist. Auch der Erwartete rußt vor Begeisterung. Er intoniert Paragrafen. Es geht um Abschiebung, vorbeugende Haft und Aufenthaltsbeschränkungen, klingt aber wie verliebtes Zwitschern. Der Rassismus in den Formulierungen ist so banal wie basal. Die Aushöhlung des Asylrechts stellt sich den Leidenschaftlichen als amtliche Angelegenheit dar.

Nymph()maniac 2

Die schwulen Richter brechen auf, bald sitzt Marlow wie ein Blinder im Plunder eines unterirdischen Programmkinos und wundert sich nicht. Nicht über den akkuraten Einzelgänger (Solitär in sportlichem Leder) dessen Anschrift Marlow bei der Mutter vermutet. Nicht über die Freundinnen mit den zusammengesteckten Köpfen, für die in der Welt zu sein ständige Überwindung und Besprechung der Überwindung bedeutet. Nicht über Schlaff im Bierkastenstil, ein Herr Lehmann wie er im Buch steht. Ferner wundert sich Marlow nicht über das Paar, das ergreifend gut in die Gegend passt – lockere Leute. Doch dann tritt ein Hüne im rosa Hemd auf und an seiner Seite schwebt ein Modell ein. Wahrscheinlich gibt es kein größeres rosa Hemd auf Erden, es platzt trotzdem gleich.

Die Frau ist so schön, dass Marlow nicht hinsehen kann. Was machen solche Menschen hier? fragt er sich. Er erkennt seinen Neid und begrüßt ihn als alten Pappkameraden.

Vol 1 siehe: http://hardsensations.com/2014/02/nymphomaniac-volume-1/

Der Film verlängert die Erzählung des ersten Teils in Szenen einer Ehe. Man sieht Joe als unzufriedene Gattin und unzulängliche Mutter (von Marcel). Sie hat den Mann geheiratet, der sie im ersten Kapitel wie einen Sack Kartoffeln deflorierte. Jerôme ((Shia LaBeouf) vergleicht sie mit einer Tigerin, er unterstellt Joe eine Großartigkeit, die über seine Kraft geht. Sie erschöpft ihn, ohne selbst noch Erfüllung zu finden (nach einer erfüllten Zeit). Jerôme bleibt noch lange ein Gefangener seiner Liebe. Er wendet sich erst ab, als Joe den Sohn schon vernachlässigt. Doch auch ihn überfordert das Kind so sehr, dass er Marcel in ein Heim steckt. Auf der Gegenwartsleiste erzählt das Joe dem alten Seligman (Stellan Skarsgård), einem Weltfremden, der viel weiß. Er bietet Joe Erklärungen, die ihr zu helfen scheinen. Ihr zu helfen, scheint seine Funktion zu sein. Er hat Joe buchstäblich von der Straße gelesen, wo Seligman sie blutüberströmt fand. Seither pflegt er sie bei sich daheim. Der Film steuert Katharsis an, während in Rückblenden Joes Vergangenheit als grausames Geschehen gezeigt wird. Grausam in der Verständnislosigkeit, die Joe allein für sich übrig hat. Wie eine Irre wehrt sie sich gegen konventionelle Aussagen über Sexualität, Joe gestattet sich keine Zurückhaltung. Gereizt reagiert sie auf Lügen zum Thema. Es kommt ihr auf die Wahrheit (vom Wesen ihrer Sexualität) an, das ist Joes Projekt. Das erkennt sie ausgerechnet in einer Runde anonymer Sexsüchtiger.

Stacy Martin spielt Joe in ihrer Blüte, Charlotte Gainsbourg übernimmt die Figur im gebrochenen Zustand. Joe behauptet Seligman gegenüber eine Souveränität bei ihren Experimenten, die sich dem Zuschauer nicht erschließt. Marlowe sieht keine Tigerin auf der Leinwand, sondern eine Verirrte.

Der Film verfolgt sie in Kapiteln. In „The Eastern and the Western Church (The Silent Duck)“ konsultiert sie einen Spezialisten, der seine Klientinnen systematisch schlägt. In besonderen Stimmungen begünstigt er Joe mit der schweigenden Ente. Eine manuelle Stimulation von äußerster Herzlosigkeit. Joe beansprucht eine besondere Beziehung zu diesem Herrn, der genau das verweigert und so die Abhängigkeit verstärkt. Nun zerbricht die Ehe. Körperlicher Verfall setzt Joes Obsessionen Grenzen. Sie kann keinen normalen Job mehr machen und wird deshalb Geldeintreiberin. Willem Dafoe spielt ihren Mentor, es ist immer eine Freude, ihn spielen zu sehen. Der Meister führt seiner Meisterschülerin eine Novizin zu, die einmal ihre Nachfolgerin werden soll. Eine Weile schimmert das Verhältnis in freundlichen Farben, die Jüngere zeigt sich in jeder Hinsicht aufgeschlossen. Sie erscheint nicht so bedrängt wie Joe. Eines Tages führt ein Auftrag die beiden Frauen und ihre muskuläre Verstärkung zu Jerôme. Joe überlässt den Job dem Nachwuchs, das führt in eine Katastrophe, die dem Film ein schlüssiges Ende gibt. Dabei gelangt die Walther PPK burlesk ins Spiel, auf die James Bond schwor, nach einer Enttäuschung von seiner Beretta.

Der Film ist vorbei. Marlow lugt nach der Exzellenzverbindung, das Elitepaar rollt wie eine Welle weg. (Mit doppeltem Hüftschwung.)



16:17 05.06.2014
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