Seelischer Brand

Roma und Sinti Dotschy Reinhardt macht sich als Vorsitzende des neugegründeten Landesrates der Roma und Sinti - Romnokher Berlin-Brandenburg - für ihre Minderheit stark
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Sindh ist eine pakistanische (vormals indische) Provinz. Dort vermutet man den Ursprung der seit sechshundert Jahren in Deutschland beheimateten Sinti, denen vor mehr als tausend Jahren das Schicksal der Diaspora zufiel. Sie zerstreuten sich bis nach Japan und Brasilien. Die Zerstreuung führte zur Verbergung. Lange vermied man kulturelle Preisgaben. “Das war ein Schutzmechanismus”, erklärt Dotschy Reinhardt.

Ich treffe die Vorsitzende des neugegründeten Landesrates der Roma und Sinti - Romnokher Berlin-Brandenburg e.V. - in einem Pankower Café. Wir siedeln am Rand eines Gipfeltreffens von Milchschaumfanatikerinnen.

Der Landesrat versteht sich als “fähiger Ansprechpartner für Behörden, Politik und Gesellschaft” und selbstverständlich auch für Sinti und Roma nicht-deutscher Herkunft.

Er ist es die erste Selbstorganisation, die sich auf Landesebene für alle in Deutschland lebenden Roma und Sinti zuständig erklärt.

"Wir möchten eine Versachlichung und Deethnisierung des bisherigen Diskurses, eine konstruktive und differenzierte Auseinandersetzung mit Entscheidungsträger und mit der Gesellschaft. Wir wollen die Vorteile und den Mehrwert eines gedeihlichen Zusammenlebens mit gleichberechtigtem Dialog zwischen Minderheit und Mehrheit herausstreichen. Menschen mit Romno-Hintergrund sind oft heimatverbunden und haben in ihren angestammten Ländern wesentlich zur gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung beigetragen. Es gibt eine starke, meist unsichtbare Mittelschicht. Wir haben Wissenschaftler, Anwälte, Journalisten, Kaufleute, Künstler und Polizisten in unseren Reihen. Trotzdem werden sie von der Mehrheitsgesellschaft oft nicht als gleichberechtigte Bürger wahrgenommen. - Vor allem dann nicht, wenn sie sich zu ihrer Herkunft bekennen.”

Reinhardts Formulierungen balancieren auf Spitzen der Behutsamkeit. Diplomatisch spricht sie über eine “bewusste Unwissenheit” der Mehrheitsgesellschaft. Die wolle sich ihr “Zigeunerschnitzel” und die Vorurteile nicht nehmen lassen, nachdem es nur noch in einer Résistance vorsätzlicher Tabubrecher “Mohrenköpfe” und “Negerküsse” gibt.

“Antiziganismus findet im Vergleich mit den Abwertungen anderer Minderheiten die größte Zustimmung”, weiß Reinhardt. Er hat die geringste Latenz in der Gesellschaft. Es gibt eine rasch durchgreifende Bereitschaft antiziganistisch zu argumentieren. Die Ventilfunktion liegt offen zu Tage.

„Alte Stereotype und Feindbilder, die in der europäischen Tradition tief verwurzelt sind, finden weiterhin ihre gesellschaftlichen Allgemeinplätze, in den Medien genauso wie in der Rhetorik populistischer Politiker. Missstände wie Armut oder Kriminalität werden häufig ethnisiert und so zum Stigma eines jeden Menschen mit Romno-Hintergrund. Sinti und Roma sind indes keine homogene Gruppe. Ihre Jahrhunderte währende Verfolgungsgeschichte wird in der Berichterstattung und bei wichtigen Entscheidungsfindungen in Gesellschaft und Politik kaum berücksichtigt. So ist es nur schwach im öffentlichen Bewusstsein verankert, dass Sinti und Roma im Dritten Reich als „Zigeuner“ verfolgt, in Konzentrationslager verschleppt und vielfach ermordet wurden.”

Ich frage mich, was es bedeutet, kein eigenes Land zu haben? Nie Mehrheit gewesen zu sein? So wie der lautstarke Kaffeekranz im Café. Stattdessen sprachliche und religiöse Anpassungen an eine feindliche, im besten Fall gleichgültige Umgebung. Die verfehlte Anpassung infolge mangelnder Annahme.

Ein Buch* von Dotschy Reinhardt öffnete mir die Augen. Bis dahin war für mich “Zigeunersoße” ein anderes Wort für Paprikagemüse (pikant). Reinhardt stammt aus der Dynastie des weltberühmten Django R. Ihr Urgroßvater überlebte Konzentrationslager und sogar eine Gaskammer. Im letzten Augenblick bewahrte ihn sein Talent. Die Tür zum Tod wurde noch einmal aufgerissen, ein Kapo kam der Verzweiflung nah. Das Lagerorchester brauchte einen Streicher.

In der Familie hieß es: Die Geige rettete den Patriarchen. Wiedergutmachung gab es für ihn kaum. Auf den Ämtern saßen die nationalsozialistischen Schreibtischtäter und vertraten die Interessen der Bundesrepublik mit faschistischen Begründungen.

Ich höre die Posaunen der Ansprüche und Erwartungen an den Nebentischen. Ein hegemoniales Entzücken herrscht, das uns isoliert.

*https://www.freitag.de/autoren/jamal-tuschick/die-manouches-von-new-orleans

07:31 01.08.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 1