Sehnsucht nach Istanbul

#disPlaced #rePlaced 2 Wer hat keine Migrationsgeschichte? - Berlin ist das Eldorado der türkischen Exilkunst. Das zeigt der Film „Apartment Project“. Das Apartment Project wurde 1999 ...
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Wer hat keine Migrationsgeschichte? - Berlin ist das Eldorado der türkischen Exilkunst. Das zeigt der Film „Apartment Project“. Das Apartment Project wurde 1999 von der Videokünstlerin Selda Asal in Istanbul gegründet. Seit 2012 residiert die Kollaborationsplattform in Berlin-Neukölln. Die artistische Dokumentation der transkontinentalen Projektbasis war gestern im Rahmen von #disPlaced #rePlaced 2 - Creating spaces and reflections between Berlin & Istanbul - im Berliner Radialsystem zu sehen.

Eingebetteter Medieninhalt

Vom 11. bis 13. April 2019 fanden im Berliner Radialsystem ein von İpek İpekçioğlu kuratiertes, genreübergreifendes Festivalwochenende statt, das türkeistämmige Künstler*innen vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Lage in ihrer Heimat präsentierte. Ein Fazit: Die türkische Diaspora in Deutschland ist eine Bastion des Heimwehs. Die Türken haben keinen abgehalfterten Heimatbegriff. Heimat ist für sie nichts Heruntergerocktes und auf den rechten Hund Gekommenes, dass nur noch auf einem Misthaufen der Geschichte kompostiert werden kann. Ihre Sehnsucht nach Istanbul äußerte sich bei vielen Festivalgelegenheiten. Es sprach sich aus in der Dokumentation „Apartment Project“.

Das Apartment Project wurde 1999 von der Videokünstlerin Selda Asal in Istanbul gegründet. Seit 2012 residiert die Kollaborationsplattform in Berlin-Neukölln. Die artistische Dokumentation der transkontinentalen Projektbasis war gestern Abend ein Höhepunkt des Veranstaltungsmarathons. Viele Künstler*innen fühlen sich in Neukölln an Istanbul erinnert. Ein Künstler verdichtet sein Berlinbild mit Istanbuler Dunst, Möwen und einer Brise vom Bosporus. Er sieht Kinder auf deutschen Straßen: ergriffen von Spielen seiner Kindheit.

Gesichter des Widerstands

Hüma Utku, eine bekennende Istanbulerin, die seit Jahren in Berlin elektronische Musik performt und produziert, fühlt sich in Neukölln mitunter wie in Kadıköy, dem Viertel ihrer Herkunft.

„Burası Kadıköy burdan cıkış yok - Das ist Kadıköy, kein Weg führt hier heraus.“

Utku kommt mir vor wie eine akustische Malerin; spezialisiert auf schwarze Wellen. Sie nimmt das Publikum mit unterschwelligen Suggestionen gefangen, wie nach ihr Korhan Erel und Mikail Yakut. Während Erel Informationen chiffriert vertont, gibt Yakut am Akkordeon den Spielmann alter Schule. Die Kombination von begreifbar (kodifiziert) und unfassbar wurde gewiss längst kanonisiert.

„Ich habe jetzt keinen Ort mehr, den ich Heimat nennen könnte“, sagt eine Künstlerin in „Apartment Project“. Der Film zeigt Gesichter des Widerstands. Wie ein Refrain wiederholt sich im Text der Vielen:

„Jeder ist Migrant.“

„Migration ist ein Vollzeitjob.“

Man sieht Picassos Guernica auf einem Display – der spanische Bürgerkrieg als Referenz. In ihren besten Momenten erinnern die Aufzeichnungen an Jim Jarmuschs Frühwerk.

Das Apartment Project - Selbstdarstellung

Der politische Druck, Zensur und Gewalt nehmen in der Türkei Tag für Tag zu, so dass die Künstler*innen dort gezwungen sind, ihre künstlerischen Praktiken zu ändern oder ihr Land zu verlassen. Berlin ist schon lange Anzugspunkt für internationale Künstler*innen, seit drei bis vier Jahren zieht es jedoch immer mehr Künstler*innen von Istanbul nach Berlin, um sich hier einen neuen Lebensraum zu schaffen und ohne Angst, Druck und Zensur ihrem künstlerischen Schaffen nachgehen zu können. Die Ausstellung situational dictionary: NOW greift die aktuelle Situation auf und zeigt Arbeiten von Ceren Oykut, Özlem Sarıyıldız, Ezgi Kılıncaslan, Mustafa Pancar, Lerna Babikyan und Ece Gökalp, um neue Ausdrucksformen zu entwickeln, da die konzeptionellen und visuellen Werkzeuge, wie sie in der Kunst Verwendung finden, heute nicht mehr ausreichen, um wichtige zeitgenössische Themen wie Migration, der Vormarsch konservativer und nationalistischer Strömungen und die damit einhergehende Zensur, Gewalt und Intoleranz sowie existenzialistische Fragen zu verarbeiten. Apartment Project fungiert als wichtige Anlaufstelle für die türkische Kunstcommunity in Berlin und Schnittstelle mit der kunstinteressierten Berliner Öffentlichkeit und der Neuköllner Nachbarschaft. Das Apartment Project wurde 1999 als einer der ersten unabhängigen Kunsträume in der Türkei von Videokünstlerin Selda Asal in Istanbul gegründet. Seit 2012 agiert das Apartment Project als eingetragener Kunstverein und Projektraum in Berlin-Neukölln. Von Anfang an förderte das Apartment Project künstlerische Kollaborationen, die die Grenzen zwischen Kunst- und Alltagswelten herausfordern. Dies spiegelt sich im Residenzprogramm, dem Werkstatt-Ausbau von onoff sowie in der Zusammenarbeit der Kollektive wider. Der dazugehörige Ausstellungsraum dient als Plattform für Einzel- und Gruppenausstellungen, Workshops, interdisziplinäre Gemeinschaftsprojekte, Performances, Diskussionen und Treffen türkischer und internationaler KünstlerInnen, insbesondere aus den Nachbarstaaten der Türkei. In diesem Zusammenhang hat das Apartment Project unter anderem KünstlerInnen aus der zeitgenössischen Kunst- und Kulturszene eingeladen an mobilen Workshops im Südkaukasus und in den Balkanstaaten teilzunehmen.

Das Apartment Projekt beschäftigt sich primär mit TRANSDISZIPLINARITÄT UND EXPERIMENTALITÄT, KUNST IM POLITISCHEN KONTEXT und KUNST UND KULTURELLE BILDUNG.

TRANSDISZIPLINARITÄT UND EXPERIMENTALITÄT

Management und Koordination:
→ Selda Asal

Verbundene Kollektive:

→ SiS Project Team:
Selda Asal, Belkis Işik, Borga Kantürk, Elmas Deniz, Evrim Kavcar, Gökçe Suvari, Gümüş Özdeş, Merve Ünsal, Sevgi Ortaç

13:18 14.04.2019
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