Seniorendelinquenz

RAF-Terrorismus Die Journalistin Patrizia Schlosser erzählt in ihrem autobiografisch angereicherten und mit Spannungselementen aufgeladenen Recherchebericht „Im Untergrund. Der Arsch ...
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Die Journalistin Patrizia Schlosser erzählt in ihrem autobiografisch angereicherten und mit Spannungselementen aufgeladenen Recherchebericht „Im Untergrund. Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich“ von gemeinsam mit ihrem Vater, einem ehemaligen Polizisten, durchgeführten Privatermittlungen im Zusammenhang mit den letzten Flüchtigen der Roten Armee Fraktion.

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Da steht sie und da ist sie und deshalb ist sie. Noch mal zum Mitschreiben. Da steht die Journalistin Patrizia Schlosser (in ihrer Münchner Küche) und da ist die große Geschichte, die sich im Berufswunsch ankündigte, und deshalb ist sie Journalistin geworden.

Patrizia Schlosser, „Im Untergrund. Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich“, Hoffmann und Campe, 255 Seiten, 18,-

Juni 2016. Schlosser bekommt Wind von drei Greisen im Untergrund - Geiseln ihrer eigenen Geschichte. Es geht um versprengte Protagonist*innen blutiger Ereignisse, die in der alten Bundesrepublik einen gesellschaftlichen Mehrwert generierten, der enorme Deutungsspielräume eröffnet. Das Kontextvolumen entscheidet über die Relevanz. Wie gravierend war die Radikalisierung der Gruppe um Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin für Deutschland?

Sie nannten sich Rote Armee Fraktion (RAF) und betrachteten sich als Verbündete weltweiter antikolonialer Befreiungskampfallianzen. Ihre Dekade waren die Siebziger. Schon vor Anbruch des neuen Jahrzehnts erlahmte das revolutionäre Stehvermögen. Die legalen Filialen schlossen. Die „repressive Toleranz“ des Staates zeigte Wirkung. Motivations- und Legitimationsfragen lösten Krisen aus. Es begann die Ära der Ausstiege und neuer Identitäten in der Deutschen Demokratischen Republik. An die Stelle bekennender Militanz trat der Feierabendterrorismus der Revolutionären Zellen. Man hatte dazugelernt und blieb formal legal. 1998 erklärte der RAF-Rest das Ende seines bewaffneten Kampfes. Die im Untergrund Verbliebenen fröstelten einem prekären Lebensabend entgegen; bedroht von uralten Haftbefehlen.

Sie sind wieder da

Das gilt allemal für Burkhard Garweg, Daniela Klette und Ernst-Volker Staub. Gemeinschaftlich soll das Terrorist*innen-Trio der dritten RAF-Generation Geldtransporter, Kassenbüros und Supermärkte überfallen haben, vor allem nah der Wasserkante. „Das Landeskriminalamt Niedersachsen“, so schreibt Schlosser, rekonstruierte „eine Serie von zwölf Rauben“, begangen ab 1999. Die Täter*innen trumpften mit Schnellfeuergewehren und einer Panzerfaust auf.

Die armierten Oldtimer werden im Zusammenhang mit der Ermordung des Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen (1989) und des Treuhand-Chefs Detlev Karsten Rohwedder (1991) gesucht. Schwerste Straftaten stehen im Raum … „ich trockne mir die Hände ab, klappe den Laptop auf und lese mich durch die Schlagzeilen“.

„Sie sind wieder da (mutiert zur) RAF-Rentner-Fraktion“.

Schlosser memoriert die Terrorstationen. Sie spricht darüber mit ihrem Vater am Telefon. Der pensionierte Polizist war bei dem Olympia Attentat von München im Einsatz.

Anfang der 1970er Jahre pflanzten Palästinenser, die in Jordanien nicht mehr willkommen waren, im Libanon einen PLO-Ableger und benannten ihn nach einer Niederlage. Der historische „Schwarze September“ (1970–1971) stellte sich in ihrer Sicht als verlorene Auseinandersetzung zwischen der jordanischen Armee und palästinensischer Guerilla dar. Mit dem Terrorlabel „Schwarzer September“ verbindet man zuerst das Münchner Olympia-Attentat vom 5. September 1972. Palästinensische Terroristen brachten die israelische Mannschaft in ihre Gewalt. Sie begannen als Geiselnehmer und endeten als Mörder.

Lange war man sich nicht grün, die jugendbewegte Tochter, oft ohne festen Wohnsitz, und der bodenständige, früh erwachsen gewordene Bauernsohn und „Spießbeamte“ in der Vaterrolle. Inzwischen weiß Schlosser, dass der Apfel nicht weit vom Baum fällt. „Praktisch und wetterfest“ findet sie jetzt die Tarnanzüge, in denen ihre Eltern Deckung in der Normalität suchen.

Die Tochter treibt den Vater auf den Dachboden ihres Elternhauses, wo Schlosser Senior „Fahndungsunterlagen zur RAF“ aufbewahrt. Die Journalistin lernt ein Aktualisierungsprinzip aus der Zeit vor der Digitalisierung der Polizeiwachen kennen. Sie betrachtet lauter junge Menschen auf angegammelten Schwarzweißfotos. Manche Aufnahmen wurden erzwungen – von Leuten, die sich vor einer kritischen Öffentlichkeit sicher wähnten. Das Material war und ist vielleicht immer noch „nicht pressefrei“.

Schlosser überredet den Vater, mit ihr gemeinsam nach den Raubrentnern mit terroristischem Hintergrund zu fahnden. Die Recherche beginnt in einem niedersächsischen „Nicht-Ort“ direkt an der Autobahn. Ein Überfallopfer äußert sich ausführlich, vielleicht angeregt von der Vertrauen einflößenden Jedermanns-Persönlichkeit des alten Schlosser. Den treibt eine stille, längst historische Wut. Die RAF-Terrorist*innen haben mehr kleiner Lichter auf dem Gewissen als große Namen. Sie haben viele Tote billigend in Kauf genommen.

Wir glauben die RAF-Opfer namentlich zu kennen und kennen doch nur die die ermordete Prominenz. Allein wegen solcher späten Einsichten lohnt es sich Schlossers Buch zu lesen.

Schnell bewährt sich die Tochter-Vater-Konstellation. Im Grunde ist/war man im gleichen Business. Investigativer Journalismus unterscheidet sich nicht wesentlich von Polizeiarbeit. So oder so muss man über das Faktische hinausgehen und den psychologischen Schlüssel finden.

Der Leser ahnt väterlichen Stolz. Der im gehobenen Dienst einst Ausgeschiedene wird von der neuen Aufgabe angehoben.

„Er steht jetzt kerzengerade da.“

Die Schlossers sind hartnäckig. Sie kombinieren, ergänzen und korrigieren sich. Sie fühlen sich in die Perücken-Theatralik der Illegalen ein. Die RAF erneuerte sich in drei Generationen monoton. Die meisten Täter*innen kamen aus den Mittelschichten. Da spielen junge Leute Theater und lesen Bücher. Sie können sich von Edgar Allen Poe inspirieren lassen und auf Abdeckungsideen kommen, die den gemeinen Polizisten überfordert. Erscheint jemand annähernd verwahrlost am Tatort, weil ihn der Untergrund zersetzt hat, oder um den (die Aufhebung der Ringfahndung abwartenden) Aufenthalt im engsten Dunstkreis einer Zweisterneküche besonders unwahrscheinlich erscheinen zu lassen?

Bald mehr.

13:42 11.09.2019
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