Septemberstimmung

Stephen Crane Heute beginnt ein ausschweifendes Nachdenken über Andreas Kollenders literarische Annäherung an den amerikanischen Ausnahmeschriftsteller Stephen Crane.
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"Was für ein großartiger Artikel. Respekt. Der Jamal Tuschick hat selber Kunst geschaffen!" Pendragon Verleger Günther Butkus über meine Stephen Crane Besprechung.

Heute beginnt ein ausschweifendes Nachdenken über Andreas Kollenders literarische Annäherung an den amerikanischen Ausnahmeschriftsteller Stephen Crane. Kollender ist ein Spezialist für Lebenslauferzählungen. Siehe hierzu auch seinen Carl Schurz-Roman.

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Mr. Crane - Der Roman öffnet sein Portal in eine Septemberstimmung hinein. Gerade verdunstet die Belle Époque und mit ihr eine lange Friedenszeit. Die Leute sind friedensmüde, so wie sie vier Jahre später kriegsmüde sein werden. Der Überdruss ergeht sich auf den Zauberbergen der Epoche.

Andreas Kollender, „Mr. Crane“, Roman, Pendragon, 256 Seiten, 24,-

Die Krankenschwester Elisabeth tanzt auf den Schattenfeldern in einem Sanatoriumkorridor zu Badenweiler im Schwarzwald. Der kurze Ausflug in das ungestörte Selbst datiert auf den 25. September 1914. Südlich von Verdun fällt gerade das Sperrfort Camp des Romains. Kaiserliche Truppen setzen über die Maas. Eine Kollegin reißt die Träumerin in den Realitätsschlund. Ein Soldat wurde mit einem Buch von Stephen Crane im Tornister eingeliefert. Der Titel löst in der Zurückgeworfenen einen Erinnerungssturm aus.

Arglos fragt Victoria:

„Kanntest du den nicht? War der nicht irgendwann einmal hier? So ein Amerikaner?“

Der Mann mit dem Rost auf den Stimmbändern/Inkorporiertes Genie

Und ob sie ihn kannte. Das war ihr Mr. Crane. Das ist er noch. Elisabeth hat ihn inkorporiert.

*

Von Haus ist Elisabeth handfest. Sie besitzt ein Sturmfeuerzeug, Modell Hurricane. Dem Krebs zeigt sie ihren Raucherinnenfinger. Tritt sie „mit der Schuhspitze die Kippe tief in den Kies tritt“, stampft sich ihre Entschlossenheit aus dem Boden. Die Entschlossenheit richtet sich nun auf Leutnant Fischer, dem Verursacher der seelischen Aufwallung. Als Crane-Leser etabliert er sich auf der Staubschicht, die das höchste Fach von Elisabeths Neugier überzieht. Wann zuletzt war ihr Interesse an einer Person so groß?

Bernhard Fischer erscheint als schwerverletzter Streber. Er beansprucht, der erste Kriegsblessierte vor Ort zu sein. Fischer verdankt seinen prosaischen Verwundungen eine poetische Verwirrung. Jedenfalls lässt sich die Lyrik in den Stummen nach Belieben hineindeuten.

Fünf Minuten Gong-fu-Break

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Unser tägliches Wushu gib uns heute. Adam Mitzner erklärt, wie man

Calm under Pressure

bleibt. Seine Kernthese lautet:

“If you insist every else goes down. Only harmony (with your opponent) allows you to be released.”

Aus der Ankündigung

Im Sommer 1900 wird der Schriftsteller Stephen Crane im Tuberkulose-Sanatorium Badenweiler von der jungen Krankenschwester Elisabeth gepflegt. Sie kennt seine Bücher, seit Langem fühlt sie sich ihm seelenverwandt. In den heißen Tagen im Sanatorium entwickelt sich zwischen den beiden Außenseitern eine obsessive Liebesbeziehung, die sie vor allen geheim halten müssen.
Crane, von Fieber und Delirien befallen, erzählt Elisabeth von seinem Schreiben, seinen Liebschaften und seinen Erlebnissen als Kriegsberichterstatter. Mitgerissen und ermuntert durch Cranes Erzählungen wagt Elisabeth endlich, ihm das große Geheimnis ihres Lebens zu offenbaren.

„Wissen Sie eigentlich, wie ich auf die Geschichte dieses jungen Soldaten im Bürgerkrieg gekommen bin? Ich wohnte damals im …”
„Mr. Crane, nicht jetzt. Um Himmels willen, nicht jetzt.”
„Ein andermal, meinen Sie?”
„Herrgott, ja, nun machen Sie schon diese Tür auf. Sie kosten mich noch meinen Beruf und meine … meine Ehe. Sie … Sie bringen mich in Teufels Küche.”

Für spannende historische Figuren hat Andreas Kollender ein Faible. Es sind schillernde Persönlichkeiten, die er wieder zum Leben erweckt. Bisher hat er Fritz Kolbe („Kolbe”), Ludwig Meyer („Von allen guten Geistern”) und Carl Schurz („Libertys Lächeln”) gewürdigt.
In seinem neuen Werk widmet er sich dem legendären Stephen Crane, der als der James Dean der amerikanischen Literatur gilt. Crane war Reporter, Kriegsberichterstatter, Abenteurer und ein großartiger Schriftsteller. Mit 22 Jahren schrieb er den Roman „Die rote Tapferkeitsmedaille“, der ihn auf einen Schlag weltberühmt machte. Für Ernest Hemingway war es „eines der besten Bücher unserer Literatur“.

Andreas Kollender gelingt es in „Mr. Crane“ meisterhaft, das Wesen dieses viel zu früh verstorbenen Genies heraufzubeschwören. An dessen Seite steht die rebellische Krankenschwester Elisabeth. Eine aufregende und radikale Liebe verbindet die beiden. Doch ihnen bleiben gerade einmal acht gemeinsame Tage. Acht Tage, wie man sie intensiver nicht erleben könnte.

Fürchterliche Kompromisse

Radikal modern irrte Carl Schurz, als er glaubte, die Revolution folge seiner Leidenschaft auf dem Fuß. Das republikanische Desaster von 1848 trägt auch die Unterschrift eines Mannes, dessen Unternehmungsgeist die Trägheit des Volkes monumental kontrastierte. Der jugendliche Heißsporn Schurz unterschätzte die Macht der Fürsten, die aus einer tradierten Gewaltausübungsbereitschaft nicht zuletzt kam. Auch davon erzählt Andreas Kollender in „Libertys Lächeln“ - einem im Pendragon Verlag erschienenen Roman voll instruktivem Thrill.

The Forty-Eighters

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Apokalyptisches Sensenwerk und instruktiver Thrill

Brecht begriff die Bauernkriege als das größte deutsche Unglück. Sie kamen zu früh und forderten einen den nachkommenden Widerstand ermahnenden Blutzoll. Das volkstümliche Aufbegehren als historische Konstante erholte sich in Jahrhunderten nicht von dem apokalyptischen Sensenwerk der gepanzerten Reiter, die zu keinem anderen Behuf geformt worden waren, als einem Fürstenwillen Geltung zu verschaffen. Auf der einen Seite hatte man die Jahrhunderte in Unfreiheitsübungen tradierte Angst und auf der anderen Seite den trainierten Mutwillen von Leuten, die zum Krieg erzogen wurden. Die Praxis überstand das Scheitern der Bauern unbeschadet.

Als es 1848 wieder einmal so weit zu sein schien, war die Revolution keine bäurische, sondern eine bürgerliche Angelegenheit. Es ging um eine standesbewusste Emanzipation. Dafür steht Carl Schurz bis heute. Wie alle bürgerlichen Vordenker dachte Schurz weit über persönliche Bedürfnisse hinaus: in das Offene von Natur- und Naturvölkerschutz.

1852 wanderte Schurz als in Preußen steckbrieflich gesuchter Revolutionär ein ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Andreas Kollender schildert den kernigenForty-Eighterals Verfechter von Minderheitenrechten und stummen Parteien. Schurz, so schreibt Kollender, half dem amerikanischen Nationalparkgedanken auf, so dass er sich in den Köpfen der Zeitgenossen ausbreiten konnte.

Naturschutz auf die Agenda zu setzen: das ist in den 1860er Jahren visionär-verwegen. Geht Schurz in seinem zweiten Leben, als Ehrenmann der Vereinigten Staaten, in der Hauptstadt seiner Wege, ist um ihn alles grün. Kollender zählt auf. Schurz passiert Zedern, Ahorn, Tannen und Eiben, bevor er den Potomac erreicht. Dahinter liegen Washingtons Wälder.

Als Senator sieht sich Schurz zu fürchterlichen Kompromissen in der „Indianerfrage“ genötigt. Obwohl er in den Prozessen der entmündigenden Enteignung der First Nation of America ein schwacher Bremser ist, trägt man ihm seine „Indianerfreundlichkeit“ noch nach, als es so gut wie keine ursprüngliche Bevölkerung mehr gibt auf einem Paradeschauplatz weißer Expansion. Die Mühsamen und Beladenen Europas gehen in Amerika über die Barrieren der Humanität.

Schurz macht bei den Abolitionisten mit. Abraham Lincoln setzt ihn als Botschafter ein. Im Sezessionskrieg dient Schurz hochrangig der Siegerseite. Im Roman begnadigt er, der „so viele Männer in den Tod schickte“, einen zum Tod verurteilten Deserteur, der ihm Jahrzehnte später in New York zur Hilfe eilt, als Schurz von Spaziergängern bedrängt wird, die in ihm ein Fossil der Fortschrittsgegner sehen. Die Repräsentanten industrieller Rücksichtslosigkeit werden von einem lebenslang Dankbaren in die Flucht geschlagen, während dessen Frau es fördernd zulässt, dass ihr Anblick dem rüstigen Greis eine erotische Aufwallung aus der Rubrikfruchtloses Begehrenbeschert. Fanny erinnert Schurz an seine Margarethe (Meyer-Schurz), die 1856 den ersten deutschsprachigen Kindergarten in Washington eröffnete. Ihr zu Ehren hat sich Kindergarten im amerikanischen Wortschatz konkurrenzlos eingebürgert.

Margarethe war die Gattin des Innenministers in der Regierung von Rutherford B. Hayes.

Kollender erzählt aber auch von einem anderen Präsidenten jener Postbellum-Ära – namentlich von Ulysses S. Grant. Granit-Grant war ein außerordentlich hartnäckiger Mann. Er wies allerdings die Absonderlichkeit auf, ein Zigarrenkettenraucher zu sein.

Kollender schickt Schurz in die Südstaaten zu erbitterten Verlierer*innen. Der Reiter trifft eine Feuerfeste auf ihrer Terrasse an. Sie näht gerade KKKlan-Kapuzen. Furios bietet sie dem Yankee Kaffee an. Der bedankt sich für die Freundlichkeit. Da sagt ihm die Rebellin Bescheid: „Sir, ich habe in Ihre Tasse gespuckt.“Hoffentlich rutschen sie gleich tot vom Pferd. Wir werden euch noch in hundert Jahren hassen.

Mir ist gerade entfallen, wie Kollender seinem Helden narrativ aus der Patsche hilft. Bestimmt ist Schurz zu höflich für eine Revanche. Außerdem gehört er zu den Siegern und kann sich hochmütig entfernen. Er muss nicht mit vermummten Wegelagerern rechnen.

07:39 16.09.2020
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