Ukrainische Gründerzeitgeschichten

Serhij Zhadan Serhij Zhadan, „Hymne der demokratischen Jugend“ - Der Autor erzählt Schoten aus der ukrainischen Gründerzeit in der postsowjetischen Aufbruchsära. Gangster üben freie Marktwirtschaft. Den Kapitalismus kriegen sie in den falschen Hals.

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„Die Ukraine verteidigt sich. Lassen Sie uns die Dinge beim Namen nennen: Dass Charkiw, Mykolajiw und Odessa noch immer in ukrainischer Hand sind und es dort keine Filtrationslager und Massengräber gibt, ist nicht der russländischen Gesprächsbereitschaft zu verdanken, sondern unserer Kampfbereitschaft und Widerstandsfähigkeit.“ Serhij Zhadan in der ZEIT am 06.07. 2022

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In „Hymne der demokratischen Jugend“ erzählt Serhij Zhadan Schoten aus der ukrainischen Gründerzeit in der postsowjetischen Aufbruchsära. Gangster üben freie Marktwirtschaft. Den Kapitalismus kriegen sie in den falschen Hals.

Abfallfreies Fertigungsverfahren

Am Anfang stehen die großen Themen Tod, Liebeskummer, finanzielle Ebbe und mysteriöse Klubs. Ein Schwulenklub könnte nur als Gerücht existieren. Zum Leidwesen des reaktionären Nachwuchses lässt sich der „Phantomladen“ nicht niederbrennen.

Serhij Zhadan, „Hymne der demokratischen Jugend“, aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr, Suhrkamp, 10,-

Zhadans Erzählband erschien im Original erstmals 2006. Sogar im Gegenlicht des Krieges entbehrt das Geschehen an der Vergnügungsfront von Charkiw in den Nullerjahren die vertraute Partymeilenheiterkeit. Trotzdem fehlen den ortsüblich-archaischen Aushandlungsprozessen nicht die arkadischen Dimensionen westlicher Wohlstandsgesellschaften. Man singt und trinkt und kommt sich näher, wie überall auf der Welt.

Im Zentrum der Ereignisse agiert ein Jungle-Combat-Experte namens San Sanytsch. Der Fachmann für und Liebhaber von Waffen verkörpert den Typus des melancholischen Banditen mit politischen Interessen. Er kennt das Geheimnis der ominösen Schwulenbar.

Ich greife kurz vor. Zhadans ukrainische Gründerzeitgeschichten ziehen ihren Reiz aus revolverkapitalistischen Stimmungen in der postsowjetischen Aufbruch-Epoche. Akteure mit Abitur imitieren den Kalaschnikow-Style schlichter Gemüter, während die Defizitären volks- und betriebswirtschaftliche Begriffe in einer Suppe des Nicht-Begreifens zusammenrühren. Alle schmeißen mit Marketingbegriffen um sich. Schutzgelderpresser nennen sich „Marktführer“.

Korruption, Durchstecherei und noch mehr mafiöses Gebaren wirken als normative Kräfte. Zhadan schildert das Business und seine babylonische Sprachverwirrung.

Eine Geschichte am Rand. Slawik, ein Süchtiger alter Schule, bekam sein Dope früher auf Rezept. Dann schloss das zuständige Sowjetamt. Zum Glück eröffnete, mit deutscher Hilfe, eine Pharmafabrik, in der Slawiks Schwester Arbeit fand. Joschka Fischer und der deutsche Bundespräsident kamen zur Einweihung und ließen sich beweihräuchern. Dann entsprach irgendetwas nicht den Normen und die Ukrainerinnen und Ukrainer produzierten mit einer „Technik, die auf „ein abfallfreies Fertigungsverfahren eingestellt“ war, „mittelharte Drogen“.

Zurück zu San. Im ersten Durchgang zählt er sich zur Assoziation der „Boxer für Gerechtigkeit und soziale Adaption“; einem Zusammenschluss ehemaliger Leistungssportlerinnen und -sportler mit auffallend hoher Mortalität. Der Verein kooperiert mit der örtlichen Miliz und anderen kommunalen Einheiten. Der intelligente Kombattant erkennt rechtzeitig, dass auf seinem Level jede Boxer-Karriere letal endet. Er wechselt in die Partnerschaft mit einem medizinisch beschlagenen Schulfreund. Georgi Bruchadse rühmt sich, auch schon Schamil Salmanowitsch Bassajew mit Spritzen versorgt zu haben.

Die beiden lachen sich einen Kompagnon an und ziehen die „Butterbrot-Bar auf“, mit der Erwartung eine „Marktlücke“ zu schließen. Doch die „Zielgruppe“ ignoriert das durchsichtige Manöver schwulenfeindlicher Cisgender-Gangster. Deshalb entdecken die Kundschafter homophober Korporationen keine Leute in der Bar, die dem Standardfeindbild entsprechen.

„Vierzig Waggons usbekische Drogen“

Die leibliche Verwandtschaft der Brüder Oschanz ist vage. Doch Brüder im Geist einer seltenen Bündnisfestigkeit sind sie ohne Ach und Krach; ein Bollwerk im Kampf gegen übermächtige Gegner. Dafür rühmen sie auch ihre Feinde.

Immer wieder siegt die Humanität auf den Schlachtfeldern eines ebenso zügel- wie regellosen Gesellschaftsspiels. Jemand muss mit einem Ohr für Versäumnisse unter Verbrechern büßen. Doch nach der blutigen Erziehung fährt man ihn fürsorglich ins Krankenhaus, wo das Personal versagt und das Ohr verkehrtherum annäht.

Die Gebrüder Oschanz bevölkern nicht nur eine Geschichte. Vielmehr repräsentieren sie Entwicklungen einer Gesellschaft, die ihre zivile Gravitation sucht; eine neue Ordnung. Die Verworrenheit der Verhältnisse zeigt ein Detail. Bei einer Demonstration trägt Sawa „eine Fahne der kommunistischen Partei (und) Grischa ein Banner mit der Aufschrift Nato - Hände weg von ukrainischer Erde“.

Die Widersprüche sind mit Händen zu greifen. Sie lösen sich dennoch nicht auf. Nach einer Pleiten-, Pech- und Pannen-Serie ohne besondere Vorkommnisse verfällt Sawa auf die Idee, „rituelle Dienstleistungen“ anzubieten.

Die Brüder sammeln einen trinkfreudigen Geistlichen auf. Vater Lukitsch gibt die Richtung an. Gleichzeitig experimentieren alle mit den Wörtern des verführerischen Westens: ökologisch, nicht-kommerziell, Service, Unternehmensprofil. Es jagen sich Variationen eines beliebigen Business-Potpourris. Die Brüder setzen ihren Neffen Ivan ein und schicken ihn als Firmenvertreter nach Budapest. Dem Emissär fehlt ein Papier, dass ihm Onkel Grischa nicht zukommen lassen kann. Der Straßenkampfgigant und findige Entrepreneur weiß nicht, wie man ein Faxgerät bedient.

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Seit einigen Jahren wimmelt es in der ukrainischen Metropole Charkiw von Leuten mit ausgefallenen Geschäftsideen und dem Gespür für Marktlücken. Die einen gründen die Bestattungsfirma „House of the Dead“ und blamieren sich mit ihren Power-Point-Präsentationen in Budapest. Andere widmen sich den „Besonderheiten des Organschmuggels“ und handeln an der EU-Außengrenze mit Visa und Prostituierten. Mit ihren genialen Einfällen besiegen sie ihre existentielle Verzweiflung – zumindest vorläufig.

Zum Autor

Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, studierte Germanistik, promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört seit 1991 zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw. Er debütierte als 17-Jähriger und publizierte zwölf Gedichtbände und sieben Prosawerke. Für Die Erfindung des Jazz im Donbass wurde er mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis und mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet (zusammen mit Juri Durkot und Sabine Stöhr). Die BBC kürte das Werk zum »Buch des Jahrzehnts«. Zhadan lebt in Charkiw, Ukraine.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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