Seuchen-Topografie

Adrien Proust Seine Hygiene-Kartografie basiert auf Geografie, Geschichte, Psychologie, Soziologie, Anthropologie, den Sagen des Altertums, der „Odyssee“ ...
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„besonders dankbar bin ich ihnen für die warnungen vor jener »verblödung mit den mitteln geschärfter rationalität«. vor leuten wie popper und topitsch habe ich mich bisher allzu unzureichend, nämlich dadurch geschützt, daß ich nie etwas von ihnen las.“ Enzensberger in einem Brief an Adorno, heute in der FAZ, Quelle

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“I think one of the most important things to remember (or discover), is that when performing techniques ... both hands should be used at the same time. A guard is a dead hand.” Gefunden auf Instagram, Quelle: shuridojo

Ein seltenes Beispiel, geradezu eine Judostilblüte; beide Judoka bewahren ihr Gleichgewicht gegen die Wahrscheinlichkeit; gesehen auf Instagram

Eingebetteter Medieninhalt

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„Selbst wenn der französisch gebildete Arzt Tholozan den Schah dazu bringt, eine Gesundheitsverwaltung auf der Basis der europäischen Medizin einzurichten, wird er am Aberglauben und den religiösen Vorurteilen der Mullahs scheitern.“

Europa als Geisteszustand und Hygienebollwerk

In seinen Analysen geht Adrien Proust vehement über die Schranken der Medizin. Er mischt die Disziplinen in seinem eurozentrischen Kartenhaus. Seine Hygiene-Kartografie basiert auf Geografie, Geschichte, Psychologie, Soziologie, Anthropologie, den Sagen des Altertums, der „Odyssee“ und eben auch der Medizin.

Adrien Proust ist Rassist, ohne Antisemit zu sein.

„Es sind die Arier, an die sich Europa direkt anschließt … (von den Ariern hat es seinen) durch ein angemessenes Gespür für das Wirkliche gemäßigten Idealismus, die charakteristischen Eigenschaften seines Genius.“

„Adrien Proust zitiert ... den Linguisten und Mediziner Émile Littré, den Autor des großen Wörterbuchs der französischen Sprache. Der vergleichenden Sprachwissenschaft verdankt er sein Bild der arischen Rasse.“

Lothar Müller, „Adrien Proust und sein Sohn Marcel. Beobachter der erkrankten Welt“, Verlag Klaus Wagenbach, 22,-

Der Gelehrte gelangt von der Philologie, zumal von der Paläolinguistik zu Darwin, in dem er einen gnädigen Erklärer und keinen Weltbildzertrümmerer sieht. Adrien Proust ist ungeheuer modern und außerdem ein Herkunftssnob von seltener Güte.

Adrien Proust fragt: Wie kann ein Mensch kein Franzose sein?

Die Völker des Orients findet der erste Arzt Frankreichs in seiner Paraderolle als Expeditionsleiter zu den Quellen der Cholera schlaff und erbschuldig-untüchtig. Als Referent erklärt er den Pariser:innen, das fucking Klima und die zersetzenden Sitten stünden einer Entwicklung zum Guten totalitär im Wege. Deshalb könnten die Zurückgebliebenen in Nordafrika nicht zum europäischen Hygienestandard aufschließen.

Der erste Arzt Frankreichs und das erste Haus von Paris

Im Mai 1883 spricht Adrien Proust vor einem erlesenen Auditorium beim Festbankett der 1859 von Paul Broca gegründeten Société d’anthropologie im Hôtel Continental. Das erste Haus der Stadt entwarf Henri Blondel. Es übertrifft an Luxus alles auf der Meile eines Straßenzugs.

„Mohammedanischer Fatalismus“

Adrien Prousts Sicht auf den Orient basiert auf einer antiromantischen Anschauung, fern den Sehnsuchtskulissen und der Odalisken- und Haremspoesie, die nicht erst das europäische 19. Jahrhundert tapeziert. Den exotischen Ausstattungsfetischismus findet man bereits bei Rembrandt.

Adrien Proust betrachtet „eine Zivilisation der Unveränderlichkeit“ und diagnostiziert „mohammedanischen Fatalismus“. Der Chefarzt Frankreichs und Vater eines leidend auf die Welt gekommenen Stammhalters, sowie Ehemann einer die Hyperempfindsamkeit ihres ältesten Sohnes feiernden Gattin, freut sich vermutlich, dass jene naturwissenschaftliche Nüchternheit, die in seinen eigenen vier Wänden so wenig verfängt, auf der freien Wildbahn der Pariser Salons und Bankette als Signatur des Fortschritts gewürdigt wird.

Adrien Proust bezieht sich auf Montesquieu, wie er überhaupt in seinen Arbeiten, die alle Essai sur l’hygiène heißen könnten, erstklassige Quellen zu einem Meer der elegant komponierten Kompetenz unter rassistischen und eurozentrisch-bornierten Vorzeichen zusammenfließen lässt.

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Adrien Proust tritt im Orient als Feldforscher und Polyhistor auf. Seine Brillanz erschließt sich einen großen Raum.

Adrien Proust studiert „die Gangart, den Körperbau, die Essgewohnheiten und die Hygienepraxis der Bevölkerung … zumal wenn es ihm (gelingt) … Frauen zu untersuchen, oder wenn er arabische Männer auf Symptome der Impotenz (anspricht)“, wird er zum Ethnologen.

Ethnologisch getünchte Pornografie

Nationale Garantiestellung - Der Großmediziner Adrien Proust erlebt „die koloniale Expansion als Kontinuitätselement“. Unter imperialen Umständen kennen Franzosen keine Parteien mehr, sondern nur noch Landsleute.

Das materielle ebenso wie das immaterielle Interieur des französischen Bürger:innentum ergibt eine Innenarchitektur des kolonialen Expansionsdrucks, der im Wettbewerb der Mutterländer auch Frankreich herausfordert. Die überseeischen Interessen der Nation treiben ihre perversen Blüten öffentlich aus. Europäische Staaten billigen sich Rechte zu, die an einen reichen Päderasten denken lassen, der erwartet, mit allen Ehren in einem seinen Neigungen entsprechenden Puff empfangen zu werden. Vorderhand geht es schlicht um Exploitation. Aber nicht nur in den Kulissen zeigen sich Folgen kleinbürgerlicher Machträusche mit der Nilpferdpeitsche und dem weißen Dünkel sowie den „Sittengeschichten von Naturvölkern“, als einer ethnologisch getünchter Pornografie.

„Noch vor der Julirevolution des Jahres 1830 hatte die Eroberung Algeriens begonnen, die koloniale Expansion war ein Kontinuitätselement über alle politischen Brüche hinweg.“

Agent Cholérique

„Robert Koch schloss sich ausdrücklich den Vorschlägen der französischen Delegation gegen die Einschleppung der Cholera aus Indien nach Ägypten und in europäische Hafenorte an, zumal der Forderung einer Kontrolle der Pilgerschiffe und nach Inspektionen am Suezkanal.“

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1883 identifizieren Teilnehmer einer von Robert Koch geführten Choleramission in Alexandria den „agent cholérique“. Mediziner entdecken den Kommabazillus ausschließlich in Leichen von Choleraopfern. Das reicht nicht, um einer Gegenposition den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wieder einmal schießt die Leidenschaft in einen Streit der Koryphäen. Robert Kochs Gegner heißt Max von Pettenkofer. Er infiziert sich selbst, um eine Theorie zu untermauern, die sich als unhaltbar erweist. Koch fordert starke staatliche Ordnungsmaßnahmen aus dem Quarantänekatalog. Von Pettenkofer predigt ein kapitalistisches Laissez-faire zum Vorteil des flüssigen Warenverkehrs.

Adrien Proust sympathisiert mit Koch. Die Pioniere konsultieren sich distanziert; während auf dem Titanenplateau „die Spannungen zwischen Louis Pasteur und Robert Koch eskalieren“. Die Gegnerschaft rührt „von Fragen der mikrobiologischen Methodologie“.

Als Chefhygieniker knüpft Proust an ältere Isolationskampagnen zum Schutz der Bevölkerung an. Er inspiziert Quarantäneanlagen im Marseiller Hafen. „In Reaktion auf das aus der Karibik nach Frankreich gelangte Gelbfieber war im frühen 19. Jahrhundert auf der Insel Ratonneau das Hôpital Caroline erbaut worden.“

18:29 03.09.2021
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