Shakespeare, aber sexy

Ballhaus Ost „Die Alleinseglerin segelt allein“ heißt eine theatralische Adaption des 1987 in der Regie von Herrmann Zschoche, nach einer literarischen Vorlage von ...
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„Die Alleinseglerin segelt allein“ heißt eine theatralische Adaption des 1987 in der Regie von Herrmann Zschoche, nach einer literarischen Vorlage von Christine Wolter entstandenen DEFA-Films „Die Alleinseglerin“. Die Produktion von Hannah Dörrs und Jan Koslowski geht im Berliner Ballhaus Ost über die Bühne. Ich habe da noch nie so gutes Theater gesehen.

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Die DDR steckt in ihren Büchern und Filmen, die im Widerstand gegen eine spießige Kritik und eine ängstliche Zensur entstanden sind und heute wie Kassiber wirken. Sie können noch eine Religion stiften, eine politische Kirche. Gewiss werden sie zur Gewähr eines Atlantis-Mythos. Nur das Vergehen der Vorgänger*innen (ohne Abschiedsrhetorik und altruistische Delegation) erzeugt genug Hoffnung bei den Nachkommenden. Eine Ahnung von der aufgehenden Saat bekommt man bei der Betrachtung von Hannah Dörrs und Jan Koslowskis Theatralisierung eines DEFA-Stoffes. „Die Alleinseglerin“ entstand in der Regie von Herrmann Zschoche, nach einer literarischen Vorlage von Christine Wolter im Fin de Siècle der DDR. Die Heldin Christine verkörpert das Unglück auf Westniveau in burschikos.

„Rum kriegst du mich nicht“, verkündet sie dem Ex, der zum Abendbrot bleiben darf. Werner will „was Schnuckeliges kochen“, aber da sind „nur noch etwas Teewurst und, wenn wir Glück haben, ein paar Wiener“ im Kühlschrank einer alleinerziehenden Mutter … Literaturwissenschaftlerin … Segelbooterbin. Nach dem Abendbrot richtet Christine dem Gast jenes Bett, in dem sie gleich darauf beischläferisch-verträumt liegt.

„Biste wieder weich geworden“, zischt die Freundin am nächsten Vormittag. Christine gefällt sich in einer elegischen Attitüde. Sie verkörpert jede Menge realsozialistische Epiphanie und Erscheinungsgewese. Jede Mundwinkelverschiebung ist ein Ereignis. Die Dörrs/Koslowski-Inszenierung fräst die Elegie weg. Diverse Darsteller*innen treten als Christine in Probeszenen auf. Sie sind nicht wichtig im Bestiarium des Regisseurs. Zschoche dreht am Rad. Er dreht durch und um sich selbst und kommt zur Besinnung nur, wenn ihm die Mutter einen Regalmeter Hasenbrote vorbeibringt. „Wurstlang“ wartet die Gute auf „den allumfassenden Film, den wir alle in uns tragen“.

Leonie Jenning spielt Zschoche auf Speed und als Junkie mit abgebundenem Arm, weidwund in der Ecke liegend. Die Figur nimmt Maß an Fassbinder, deshalb heißt das Kameragenie Nikita Ballhaus. Luna Zscharnt spielt die Koryphäe ohne Allüren. Ballhaus dreht den Vordreh als Hauptfilm und abendfüllende Veranstaltung vor kolossaler Kulisse. In der Zwischenzeit fürchtet Zschoche:

„Wir schlittern in die Belanglosigkeit.“

Sein Regieassistent (Brigitte Cuvelier) bewahrt ihn vor dem Schlimmsten. Trotzdem kommt die Geschichte nicht in Gang. Jede Alleinseglerin bleibt an Land und übt Kritik an den herrschenden Verhältnissen.

Aus der Ankündigung

Beim Segeln gibt es eine Lage, die man „die aussichtslose Position“ nennt. Vor Dir ist ein Boot, das nimmt Dir den Wind. Du kannst aber auch nicht zurück, weil hinter Dir auch ein Boot ist. Neben Dir ist noch eins, dem nimmst du den Wind. Zwei Boote segeln also schnurgerade aufeinander zu, sehen sich und wissen sofort, sie sind verloren. Die Segelerfahrung rät, ganz einfach überhaupt nichts unternehmen! Die Sache löst sich von selbst. Und das ist kein Schicksal, das ist eine Regel. Segelst Du jetzt auch noch ganz allein, ist das nicht nur ein Sieg über das Boot, es ist auch ein Sieg über Dich selbst. Christine ist eine Alleinseglerin. Doch zum Segeln selbst kommt sie kaum und Siege fährt sie auch keine ein. Im gleichnamigen DEFA-Film von 1987 erbt sie aber zumindest schon einmal ein marodes Segelboot. Sie will es wieder instand setzen und verrennt sich dabei vollends. Jede freie Minute schmirgelt und schrubbt sie sich die Finger wund, vernachlässigt ihre Forschungsarbeit am Literaturinstitut und setzt ihre Beziehung aufs Spiel. Obendrauf ist sie Alleinerzieherin einer kleinen Tochter. Am Ende segelt sie dann doch noch… gegen eine Sandbank. Das gibt’s doch nicht! Mehr als 30 Jahre ist das nun her. So weit, so deprimierend. Doch nicht mehr lange und sie soll es noch einmal versuchen! Das große Remake kündigt sich an: Die Alleinseglerin segelt allein! Und was wie ein schlechter Witz klingt, wäre dann nicht mehr und nicht weniger als der allerletzte DEFA-Film. Man verspricht sich einen schonungslosen Enthüllungsbericht, gespickt mit allem was die SED niemals erlaubt hätte. Prädikat besonders schädlich und super gesellschaftsspaltend! Vor dem ganz großen Zapfenstreich (dann aber wirklich) scheint man jetzt noch einmal richtig Hand anzulegen. Diesmal soll es wirklich ums Segeln gehen. Und um Frauen. Ostfrauen. Ostfrauen im DEFA-Film. Denn die waren anders. Um Macht, Geld und Karriere ging es ihnen schon mal nicht. Und von Liebe und Partnerschaft versprachen sie sich weit mehr als Gleichberechtigung.

Mit Malik Adan, Brigitte Cuvelier, Murat Dikenci, Giannina Erfany-Far, Kerstin Grassmann, Milan Herms, Leonie Jenning, Mara Moya, Samuel Schneider, Luna Zscharnt.

09:59 23.06.2019
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