Shelleys Herz in den Flammen

Literatur Landschaft und Leidenschaft - Amy Sackvilles Inselroman “Orkney” erzählt, was passiert, wenn man über seine Verhältnisse liebt
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Marx spricht von einer passiven Verfaulung tiefer sozialer Schichten. Er beschreibt so das Lumpenproletariat, das eher in die Reaktion als zur Revolution drängt. Ich finde, das beschreibt zugleich Vorgänge des Alterns. Das Alter führt in Verkehrungen. Vitale Prozesse enden zu Lebzeiten. Der Körper gibt nach, er zeigt den Kadaver, der in ihm steckt, schon einmal vor.

Kompostierung setzt ein. Zum Rotwein die Redundanz. Die noch junge Amy Sackville eilt dem Niedergang eines in Academia ergrauten Literaturwissenschaftlers ahnungsvoll voraus. Richard verschleißt große Worte für Geringes. Er überhöht einen Wunsch nach gefahrloser Nähe zu einer vierzig Jahre Jüngeren. Er übertreibt seine Weltläufigkeit. Er unternimmt das, was Senioren geneigt sind zu unternehmen, um zu gefallen, fühlt sich aber außerordentlich.

Richard heiratet eine Studentin mit rätselhafter Vergangenheit und weißem Haar. Sie bestimmt das schottische Archipel Orkney zum Schauplatz der Flitterwochen. Das Paar landet auf einem bemoosten Flecken im Meer. Abgeschiedener ist wenig auf dieser Welt. Die Einheimischen “unterscheiden nicht zwischen Geschichte, Geschichten und Mythen”. In ihrem Kreis überlebten Gesetzlose königliche Verfolgung.

Sackville gibt der Gattin keinen Namen. Die Namenlose ist ein Kind des Archipels. Früh verlassen vom Vater, unverbunden mit der Mutter. Ihre Herkunft stellt Richard vor Rätsel. Sie genießt Alleingänge, wohl wissend, dass sie in ständiger Beobachtung ihres (bis zu ihr Junggeselle gebliebenen) Mannes am Strand elegische Posen einnimmt. Ein Fenster wird zum Rahmen, in dem sie nicht immer bleibt.

Erratische Felsen, Treibgut & Schönheit; das Meer “wie Obsidian ... und Saphir, fast schon ... Aquamarin”. Sackville verspannt Land- und Leidenschaft. Sie ordnet die Landschaft der Frau und die Leidenschaft dem Mann zu. Er sitzt wie ein Verdammter in einem von Mrs Odie ordentlich gehaltenen Haus, und bemüht sich um die Sirenen in der Literatur des 19. Jahrhunderts, sie gibt die paradox vor dem Meer sich ängstigende Schaumgeborene im Stil der Venus von Botticelli. Die Koinzidenzen und ihre Echos wirken mechanisch. Jeder ergreifende Blick und alle erotischen Degustationen werden zu Stichwörtern für biografische Einlassungen und Bemerkungen des Scheiterns degradiert.

Richard fühlt sich “galvanisiert.” Bald ist er ein “verzagtes Gespenst”, das in fremden Unterwasserträumen wildert.

Er markiert eine Mythensucht. Er überspielt seine Schwäche. Die Anthropophagie der Liebe funktioniert nur gegen ihn.

Amy Sackville, Orkney, Roman, Luchterhand Verlag, 249 Seiten, 19.90,-

18:36 15.06.2016
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