Ökologischer Albtraum

Literatur Das burjatische Unikum Rintschin Bolot weiß: „Die meisten ... (Russ:innen) haben an der Oberfläche Sibiriens nur gekratzt.“
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Was zuvor geschah

Arkadi Kirilowitsch Renko macht sich Sorgen. Seine ewige Herzflamme Tatjana ist in Sibirien verschollen. Auf die (in Putins postzaristischem Regime stets gefährdete) Investigativjournalistin richten sich viele Revolver der Macht.

Polarhöllenkreis - So geht es weiter

Der leitende Ermittler bei der Staatsanwaltschaft Moskau reist nach Irkutsk und vernimmt da einen Untersuchungsgefangenen, den die denkbar brüchigste Beweislage zum Beinahmörder eines Staatsanwalts erklärt. Während der Tschetschene Aba Machmud, „mürrisch und finster wie ein Marder“, in einem Polarhöllenkreis den „Frühling und den Sommers seines Lebens“ (der Verurteilung vorauseilend) abschreibt, belasten Renko Fragwürdigkeiten der russischen Rechtspflege. Er leidet unter seinem Gerechtigkeitssinn. Bald philosophiert er bei einem Guinness in einer Kneipennische, wo ihn ein burjatisches Unikum entdeckt und belagert. Rintschin Bolot weiß: Die meisten ... (Russ:innen) haben an der Oberfläche Sibiriens nur gekratzt.

Martin Cruz Smith, „Die Spur des Bären“, aus dem Englischen von Rainer Schmidt, C. Bertelsmann Verlag, 16,-

Man schießt auf Renko, dem unplausibel bleibt, warum er von dem Scharfschützen nicht getroffen wurde; während die örtliche Polizei den Mann aus Moskau zum Phantasten erklärt. Rasch findet er Tatjana. Sie läuft ihm bei einem Schönheitswettbewerb in die Arme.

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Die tundrischen Erdölexploitationen begründen „ökologische Albträume“. Dazu später mehr.

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„Kalt wie von Raureif bedeckt“, erscheint Tatjana ihrem Verehrer beim Wiedersehen in einem Nobelhotel, das einem Oligarchen gehört.

Ewige Herzflamme - Revolver der N/Macht

„Deine Pläne sollen dunkel und undurchdringlich sein wie die Nacht, und wenn du dich bewegst, dann stürze herab wie ein Blitzschlag.“ Sunzi

Arkadi Renko macht sich Sorgen. Seine ewige Herzflamme Tatjana ist in Sibirien verschollen. Auf die (in Putins postzaristischem Regime stets gefährdete) Investigativjournalistin richten sich viele Revolver der Macht.

Renko fliegt nach Irkutsk. In der Luft zirkulieren Wikingerköniginnen als Stewardessen. Der Ermittler unterhält sich mit einem Burjaten. Das Gespräch begleitet ein historischer Abriss mit historischer Konnotation. Als Ethnie haben die mongolischen Burjaten von Iwan den Schrecklichen bis Stalin alle möglichen Menschenverschlinger:innen überlebt. Der Autor macht an der Stelle ein kleines Fass auf. Von kleinen wehrhaften Völkern lässt sich lernen. Denken Sie an die Vietnames:innen, die sich seit dem 19. Jahrhundert offensiv gegen ihre Kolonisierung zu wehren wussten. Die Japaner:innen blieben lange erfinderisch frei im Widerstand gegen weiße Interventionsabsichten. Erst im 19. Jahrhundert stießen die US-Amerikaner:innen in eine Deckungslücke. Im Adaptionsfuror westlicher Technologie verkleinerte das bedrohte Land den Abstand zur avancierten Gegenwart. Kurz gesagt, man passte sich an, um sich nicht aufgeben zu müssen - mit lauter genialen Spielzügen.

Exkurs - Wenn das nächste Mal ein amerikanisches Kanonenboot vorbeischwimmt, schießen wir es mit Gaijin-Knowhow zu Klump

Mitte der 1850er Jahre sah sich Japan nach Jahrhunderten der freiwilligen Isolation gezwungen, seine Häfen zu öffnen. Das ging dann so schnell, dass sich der Westen die Augen rieb. Geschwindigkeit* bewahrte Japan davor, den chinesischen Weg gehen und sich dem Westen ausliefern zu müssen. Monumentale Autonomiebehauptungen fusionierten mit der Bereitschaft zur Anpassung wie in einer Kernschmelze.
*In Rekordzeit fand ein mittelalterlicher Militärstaat den Weg in die globale Zukunft. Das Tempo war Staatsräson. Die Industrialisierung brachte die Mittel für eine Aufrüstung. Die Kriegsräte frohlockten: Wenn das nächste Mal ein amerikanisches Kanonenboot vorbeischwimmt, schießen wir es mit Gaijin-Knowhow zu Klump.
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Der Burjate trägt einen Bisamfellmantel, der ihn wie ein Baumstumpf aussehen lässt. Im Flugzeug kommt das vielleicht nicht so gut, in der Tundra schon. Der geborene Fallensteller ist mit seiner Tarnung identisch.

Rintschin Bolot dient sich Fremden als Fahrer, Übersetzer, Jagdführer und Immobilienmakler an. Der Umtriebige entpuppt sich als Agent des Tycoons Boris Benz. Schon neigt sich Renko der Ansicht zu, dass die Begegnung das Zufällige entbehrt.

Aus der Ankündigung

»›Die Spur des Bären‹ zeigt Martin Cruz Smith in Bestform: grandios erzählt, mit lakonischen Dialogen und einem zwar leicht ergrauten, aber mutigen Helden.« Financial Times

Der legendäre Moskauer Ermittler Arkadi Renko ist in größter Sorge um seine ehemalige Geliebte Tatjana. Die mutige Enthüllungsjournalistin ist nicht planmäßig aus Sibirien zurückgekehrt. Dort wollte sie den politischen Dissidenten Kusnezow porträtieren – einen charismatischen, aber auch skrupellosen Mann, der das ehrgeizige Ziel verfolgt, die Dauerherrschaft Putins zu brechen. Getrieben von bösen Vorahnungen, aber auch rasender Eifersucht, begibt sich Renko auf eine riskante Reise. Er merkt schnell, dass in der unwirtlichen, eisigen Natur Sibiriens ganz eigene Gesetze herrschen. Doch erst eine grausame Bärenjagd, von der er sich wichtige Insider-Informationen verspricht, führt ihm vor Augen, in welche gefährlichen politischen Fänge Tatjana geraten ist.

Zum Autor

Martin Cruz Smith, 1942 in Philadelphia geboren, gelang mit dem Thriller "Gorki Park" ein Welterfolg, der auch in der Verfilmung mit William Hurt und Lee Marvin ein Millionenpublikum begeisterte. Seither hat der russische Ermittler Arkadi Renko eine große Fan-Gemeinde. Martin Cruz Smiths Romane wurden bereits in 14 Sprachen übersetzt.

"Der Mann, der die schönsten, finstersten Krimis aus Russland schreibt, heißt Martin Cruz Smith." Kulturnews
11:53 24.06.2021
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