Sie nannten ihn Mops

Literatur Thilo Krause erhält den Nicolas-Born-Debütpreis 2020 - Ein kurzer Ausblick auf das ausgezeichnete Werk "Elbwärts"
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Riff der Kindheit

Ein Mann kehrt zurück. Wie in ein anderes Land. Das klingt nach einem aufgegebenen Genre … nach einem Lied, das keiner mehr kennt. Es klingt nach Titeln wie Über den Fluss und durch die Wälder und Am Scheideweg. Man sieht das Laub in Camouflage, das Nadelholzensemble über der Felsnase, die als Kindheitsriff der Erinnerung standhält.

„Das ist mein Fels. Ein windiges Riff. Ein paar knotige Kiefern.“

Als der Mann noch ein Junge war, nannte man ihn Mops. Vito, sein bester Freund von damals, ist in der Ursprungslandschaft hängengeblieben.

Thilo Krause, „Elbwärts“, Roman, Hanser, 22,-

Bereits das Nachbardorf war eine „fremde Welt“; verbotenes Gebiet. Demarkationslinien, von denen die Erwachsenen behaupteten, sie nicht zu bemerken, gliederten den Raum. Es herrschte das Gesetz der Feindschaft. Es gab die Feindschaft im Rahmen der Zugehörigkeit und es gab sie im Lumpenkleid des Fremdseins.

Unaufhaltsame Sporenarmee

Der Erzähler kehrt in aufgegebene Verhältnisse ein wie in ein leerstehendes Gasthaus. Die Türen drehen sich gespenstisch in den Angeln. Eine Staubschicht bedeckt den Tresen. Zerbrochen sind die Stühle. Ein Geruch hängt in den Räumen, der niemals angenehm war.

Man kann das Entree auch anders und weniger spooky aufziehen. Was ist schon groß passiert? Mops hat jetzt eine Frau und ein Kind: „Christina und die Kleine“.

„Vogelbeeren glühen über dem Asphalt.“

Er bemerkt die Übermacht der Natur. Wo man sie nicht mit Gift und Harke konsequent zurückdrängt, quillt sie vor mit ihrer unaufhaltsamen Sporenarmee. Die Häuser auf dem Land sind geschundene Festungen, vor jeder Fertigstellung längst überwunden.

Mops stürzt gelinde ab. Ihn erwartet die sachlichste Versorgung.

Christina verdient das Familiengeld in einer belanglosen Kleinstadt. Stadt ist schon zu viel gesagt. Der Komment des Kneipenpatriotismus bestimmt die Ansichten. Man verweilt im Deutschen Eck und verabredet sich im Reichsadler.

Mops lässt sich von der Kleinen warmhalten. Er wappnet sich mit ihrer Power.

Gleich mehr.

Aus dem Pressetext

Liebe Kolleg*innen,

Thilo Krause wird für seinen Debütroman Elbwärts mit dem diesjährigen Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet – wir gratulieren unserem Autor sehr herzlich! „Krause verknüpft [die] Sphären des Einst und Jetzt mit Behutsamkeit, Unaufdringlichkeit und Geschmeidigkeit. Die Sprachmacht des Lyrikers verbindet sich so mit der Gewandtheit eines Erzählers, der genaue Beobachtungen anstellt ohne sie selbst auszudeuten. Entstanden ist so eine neue Form diskreter politischer Prosa, die subtiler wirkt als laute Anklagen, Appelle und Parolen.“ (Aus der Jurybegründung)

Das Land Niedersachsen verleiht alle zwei Jahre den Nicolas-Born-Preis für Literatur sowie den Nicolas-Born-Debütpreis, im Wechsel mit dem Walter-Kempowski-Preis für biografische Literatur. Seit 1995 wird gleichzeitig zum Hauptpreis ein Literatur-Förderpreis vergeben, seit 2009 als "Nicolas-Born-Debütpreis", er ist mit 10.000 Euro dotiert.

Zur Niedersächsischen Literaturpreisjury gehören: Kathrin Dittmer (Literaturhaus Hannover), Prof. Dr. Alexander Košenina (Leibniz Universität Hannover), Dr. Tilmann Lahme (Leuphana Universität Lüneburg, Vorsitzender), Prof. Dr. Annette Pehnt (Universität Hildesheim), Volker Petri (Landesverband Nord des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels), Ulrike Sárkány (ehem. NDR Kultur) und Anja Vogel (Buchhandlung Vogel).

Aus der Vorschau

Wie begegnet man seiner fremd gewordenen Herkunft? – Thilo Krauses eindringlicher Roman über unser Land und unsere Zeit

Ein junges Paar kehrt nach Jahren zurück ins Felsland der Sächsischen Schweiz. Der Wunsch, sich an den Kindheitsorten ein neues Leben aufzubauen, mündet in die Konfrontation mit der Herkunft, aber auch mit einer neuen Fremdheit. Der Erzähler erinnert sich: an den Schulfreund, der damals beim gemeinsamen Klettern sein Bein verlor. An den öffentlichen Tadel in der Schule beim sozialistischen Fahnenappell. Thilo Krauses erster Roman erzählt vom Versuch der Heimkehr in ein fremdgewordenes Land. Es gibt nicht nur Apfelbäume und Elbwiesen, es gibt auch das Sommercamp der Neonazis, und am Misstrauen des Dorfes droht auch das Paar zu scheitern. Ein intensiver Roman über unser Land und unsere Zeit.

Zum Autor

Thilo Krause, geboren 1977 in Dresden, lebt und arbeitet in Zürich. Seit 2005 veröffentlicht er literarische Texte in Zeitschriften (u.a. Akzente, Sinn und Form), Zeitungen (u.a. Die Zeit, Zürcher Tagesanzeiger) und Anthologien. Für seine Gedichte wurde Thilo Krause 2012 mit dem Schweizer Literaturpreis und 2016 mit dem Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg sowie dem ZKB Schillerpreis ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen 2018 sein Gedichtband Was wir reden, wenn es gewittert, für den er den Peter Huchel-Preis erhielt, 2020 sein Roman Elbwärts, der mit dem Robert Walser Preis ausgezeichnet wurde.

05:34 28.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare