Siegfrieds Orden

#Leben Hellmuth K. war noch nicht die transthematische Instanz im Spagat zwischen Boulevard und Feuilleton.
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„Es gibt nichts außerhalb von dir, dass dich dazu bemächtigt, stärker, reicher, schneller oder klüger zu werden. Alles ist in dir. Alles existiert. Suche nichts außerhalb von dir selbst.“ Miyamoto Musashi

„Den Traum vom Leben haben die Griechen am schönsten geträumt“. Wolfgang Goethe

„Siegfried (Unseld) aus der Karibik. Burgel Zeeh aus Frankfurt. ... Am Waldrand entspringen die Rehe.“ Martin Walser in einem Tagebuch.

Erinnert sich noch jemand an Horst Karasek? Auf seine Weise war auch er ein Peter Kurzeck in Frankfurt am Main. Und außerdem eine Widerstandspersönlichkeit. Während Horst K. seine Lebhaftigkeit in Auseinandersetzungen an der Startbahn West suchte, erschien einer seiner Brüder televisionär als der junge Mann von Marcel Reich-Ranicki. Damals übte Hellmuth K. noch für seine Paraderolle als intellektueller Plauderbeutel der Nation. Er war noch nicht die transthematische Instanz im Spagat zwischen Boulevard und Feuilleton; an die sich so viele gewiss nicht mehr erinnern können.

Gern gelesen habe ich von Hellmuth Karasek „Das Magazin“, eine camouflierte Innenansicht des „Spiegels“, in der (in einer Szene) ein Augsteinavatar wie Caesar im Bademantel einen leitenden Angestellten leidend macht. Der Großmeister entlässt ihn gerade so wie manche Leute Rosenverkäufer:innen wegwinken. Horsts berühmter Bruder sammelte humorvolle Bemerkungen. Gerade fällt mir diese Schote ein: David Letterman soll dem biblisch alten Präsidentschaftskandidaten McCain nachgesagt haben: „Der Kandidat könne sich an Zeiten erinnern, als der Irak noch Mesopotamien hieß.“

Bevor ich mich verzettele. Ich wollte etwas ganz anderes erzählen.

Siegfried Unseld hielt sie für besser informiert als sich selbst. Zu meiner Zeit bei Suhrkamp war B. die Siegelbewahrerin des greisen Patriarchen, nur Helene Ritzerfeld erschien noch sagenhafter. Frau Ritzerfeld hatte Peter Suhrkamp schon vor allem Suhrkampanfang zur Seite gestanden, mit einer „aus dem Thüringschen über den Krieg geretteten“ Schreibmaschine. Mir erzählte sie von der letzten Spanne, in der Suhrkamp mit Gottfried Bermann Fischer verbunden - und die folgenreichste Sezession im Verlagswesen des 20. Jahrhunderts ein Ereignis in naher Zukunft. Ritzerfelds Geschichten kamen mir vor wie Nachrichten aus Avalon. Dabei war sie eine klare Person. Sie verriet dann auch das geheime Wort des Hauses, es lautete, wie passend, wenn man an Siegfried denkt, Nibelungentreue. Das weiß auch keiner mehr. Vergessen sind Siegfried Erben. So hieß eine Geheimgesellschaft in Frankfurt am Main. Wir trafen uns in der Gerbermühle und in der Eulenburg; in antiken hessischen Séparées; einer Einrichtung der klandestinen Apfelweinregierung. Man erwog Frankfurt vom Rest der Republik loszuschlagen.

Manche verschenkten Projektile, die in ihren Körpern deformiert worden waren. Eine Blutreligion verband die Adepten von Siegfrieds Säbelorden. Stammeszeichen markierten sie. Blood in blood out. Nur der Tod konnte die Verbindung lösen.

...

Ich enthielt mich jeder Veröffentlichung der Ritzerfeld'schen Kassiber zu ihren Lebzeiten. Helene Ritzerfeld hätte das unpassend, wenn nicht „reißerisch“ gefunden. „Reißerisch“ war ein schlimmes Wort. Nun will ich von B. berichten, die 1966 in den Verlag eintrat. Damals und noch lange war Unseld mit der Mutter seines Sohnes verheiratet, manchmal fällt mein Blick im Vorübergehen auf ihr Grab. Es liegt in einem freundlichen Winkel des Hauptfriedhofs, weit weg von der Wiese, an deren Saum Siegfried Unseld in Nachbarschaft anderer Granden zu Erde wird.

Bs erster Vertrag sah Unkündbarkeit für die Dauer eines Jahres vor. Es sollte sich keiner zu etwas hinreißen lassen dürfen.

Bald mehr.

07:24 01.03.2021
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