Signierter Hass

Leserbriefe In der Post von Karlheinz wird an die Wand gestellt, ausgerottet und angezeigt; als läge wenig zwischen einer Exekution, einem Genozid und einer Gerichtsverhandlung.
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Cacatum non est pictum

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Inzwischen geben sie ihre Titel und Telefonnummern an. Anwälte und Architekten fürchten keine Statusverluste mehr, wenn ihre Kommentarspaltenexzesse und andere Entladungen der Anonymität ohne Weiteres entzogen werden können. Manche sagen „Kultur“ statt „Rasse“ und „kulturfremd“ statt „rassisch minderwertig“, aber alle meinen das Gleiche, nämlich eine von fremden Einflüssen gefährlich gestörte volksgemeinschaftliche Homogenität, die zu verteidigen als vornehme Aufgabe verstanden wird.

Hasnain Kazim, „Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte“

Bei der Bestimmung der Grenzen des Sagbaren in den Sprechweisen des Ressentiments steht die Meinungsfreiheit bloß als Popanz auf dem Prüfstand. Die Amme der Demokratie wird strapaziert, um in ihrem Ach und Weh andere Angriffsgeräusche untergehen zu lassen. In Wahrheit schießen Keyboard Warrior nicht auf die Meinungsfreiheit, sondern auf die Unantastbarkeit der menschlichen Würde. Strategisch geht es um Verminderungen der Standards zum Schutz von Minderheiten. Geschliffen werden die Achtungswälle. Angegangen werden Personen, die sich als Repräsentanten von Minderheit im öffentlichen Raum schildern lassen. Die größte Zumutung liegt in der Zuschreibung. Ein deutscher Journalist mit indisch-pakistanischen Eltern gerät so automatisch in die Rolle des Gemeindesprechers ohne Gemeinde. Er muss sich mit Fiktionen auseinandersetzen. Davon berichtet der Journalist Hasnain Kazim in „Post von Karlheinz“.

Nicht seine Kritik (an was oder wen auch immer) erscheint dem Leserpostschreiber als das Übel, sondern die Herkunft des Kritikers. Ein „Ausländer“ soll kein Recht auf eine Stimme im Streit der Deutschen haben. Natürlich ist Kazim kein Ausländer und es gelingt auch keinem „echten Deutschen“ seine Sprecherkompetenz herabzusetzen. Bedenklich ist gleichwohl Kazims Erreichbarkeit für Hass. Längst trennt Kazim kein intellektueller Jägerzaun mehr von seinen Angreifern aus dem Bauch der gesellschaftlichen Mitte als dem neuen rechten Rand.

Zwei Jahre erwies Kazim seinen Kritikern die Ehre humorvoller Repliken. Er übte sich in grotesker Kunst und machte aus dem Dreck der Invektiven ein Fest der Schlagfertigkeit. Kazim erkannte: „Islamisten und Neonazis sind Geschwister im Geiste“

Rechtsextremismus ist Regression – eine infantile Reaktion auf Vielfalt. Das beweist der Satzbau deutscher und türkischer Karlheinzis. Mit Nachdruck reagieren sie auf den semantischen Rückstoß. Ein hohes Aufkommen von Ausrufezeichen zeigt sie an. Ihre Rechtschreibung ist eskapistisch. Es wird an die Wand gestellt, ausgerottet und angezeigt, als läge wenig Bemerkenswertes zwischen einer Exekution, einem Genozid und einer Gerichtsverhandlung. Allerdings glauben nur deutsche Karlheinzis, dass man jeden Muslim ungestraft „Ziegen-“ wahlweise „Kamelficker“ nennen darf.

Hasnain Kazim, „Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte“, Penguin, 270 Seiten, 10,-

07:31 21.08.2018
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