Sizilianische Samenschuld

Fredo Corleone Wir nannten ihn Fredo nach dem unfähigsten Sohn des großen Don. Selbst die aus Vorsicht höflichen Odalisken in den Tempeln, die sich die Mafia nach der Kuba ...
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Wir nannten ihn Fredo nach dem unfähigsten Sohn des großen Don. Selbst die aus Vorsicht höflichen Odalisken in den Tempeln, die sich die Mafia nach der Kuba Sause mit abschließendem Desaster in die Mojave Wüste (was viele gar nicht wissen) gesetzt hatte, verachteten Fredo offensiv.

Eingebetteter Medieninhalt

Alle verachteten Fredo.

Frederico „Fredo“ Corleone is a fictional character in Mario Puzo‘s novel The Godfather. Fredo is portrayed by American actor John Cazale in the Francis Ford Coppola film adaptation. Wikipedia

Ich skizziere eine Poolszene. Die Verbrecher tragen Shorts und Hawaiihemden. Man sieht übergewichtige Goldzahnlächler, und wenn man genau hinsieht, erkennt man die Depression, die wie ein Pilz alle befallen hat. Diese Typen führen das falsche Leben - mala vita. Jeder Orgasmus macht nur noch trauriger. Das zeigt Coppola. Er verschweigt aber die Ausweglosigkeit. Als Italiener muss man sich gegen die Mafia entscheiden, sonst verfügt sie über einen.

Mala Vita

Das schlechte Leben ist ein Coverwort für die Unterwelt des Verbrechens. Schon zu Lebzeiten befindet man sich im Hades.

Fredo entzieht sich dem Poolpartypulk in Begleitung. Ein verspiegelter Lift befördert Fredo und die Frauen. Eine Frau betrachtet sich missmutig, die andere zieht ein Kaugummi lang. Beide vertiefen sich, um nicht von Langeweile getötet zu werden. Fredos Reichtum und seine Position im Gefüge halten sie nicht vom Gähnen ab. Das ist die genial indirekte Schilderung eines Minusmannes, den nichts retten kann. Fredo versündigt sich, weil er die Verachtung nicht erträgt und sein Maß nicht akzeptiert.

Es gibt andere Lösungen. Ich nenne den Bankierssohn Traktor, so benannt nach einer Landmaschine. Den ZT 320 hat er vor dreißig Jahren als Souvenir aus Brandenburg mitgebracht. Der Traktor steht in einer Remise an der Glauburgstraße in Frankfurt am Main. Da war einmal der Fuhrpark derer v. Holzhausen. Unter dem Grundstück läuft ein Bach, er spült auf nach schwerem Regen. Nachbarn halten deswegen Pumpen in ihrem Bestand.

Traktor wurde von seiner Familie in einer Bank deponiert. Im Porsche fährt er zum Dienst am Empfang. Er weiß, dass er ein Depp ist und besser nicht mit den großen Hunden brunzen geht. Den anderen Laufburschen erscheint er in jeder Hinsicht beneidenswert. Für sie hat Traktor das große Los gezogen. Ich kenne ihn nur entspannt.

Auch unser Fredo träumt über seine Verhältnisse von Feme & Häme. Auch sein Vater ist ein Don. Der Alte dreht große Räder, aber selbst er kann aus einem Esel kein Rennpferd machen.

Im kleinsten Kreis der Jagdgesellschaft sind nur Brentano und Heilbutt, der einst von Fredo gemobbt wurde, im Abstiegskampf alles verlor und jetzt nicht einmal mehr Kontakt zu seinen Kindern hat. Heilbutt hasst Fredo, Brentano verachtet ihn. Ich habe von solchen Gefühlen nichts. Jedes Tier verhält sich nach seiner Natur. Warum soll man das ausschmücken.

Fredos Abdeckung ist der Linksradikalismus, doch hinter der Maske ödet nichts als schnödes Gangstertum. Fredo verarscht die Frauenbewegung, nicht-binäre Genderfluide und ein paar Lyriker*innen, indem er sich zum Anti-Patriarchen stilisiert. Er poliert kriminelle Agenturen, so dass sie legal wirken, und er untergräbt das staatliche Gewaltmonopol.

Um auf Fredo Corleone zurückzukommen. Coppola treibt wenig Aufwand in den Schilderungen der Deklassierungen, die Fredos niedrigen Rang illuminieren. Ich vermute die Skrupel eines Erzählers, der Identifikation schaffen will, an dieser Stelle. Jede Referenz in dem System, das Fredo hervorbringt und vernichtet, ist kriminell. Die größte narrative Leistung besteht darin, den Don selbst so wie seinen Nachfolger, den jüngsten Sohn Michael, so weit wie möglich von den Machenschaften abzurücken. Coppola setzt Sonny, den ältesten Sohn, programmatisch ein, wenn er ihn sagen lässt:

„Die Geschäfte der Familie gehen dich nichts an.“

Wen gehen die Familiengeschäfte nichts an?

Fremde und Frauen.

Jeder angeheiratete Furz kriegt einen Posten in der Armee des Don. Nur Michael nicht (gleich).

Coppola treibt das Spiel so weit, dass zumindest der versehrte Don weibliche Züge annimmt. Er führt das Thema der Wahrheit zu. Die Männer sind lebenslang dazu verurteilt, zusammen zu hocken und auf Befehle zu warten. Ab und dürfen sie abkassieren und einen kalt machen, aber im Grunde ist es eine furchtbar langweilige Angelegenheit, Mafiosi zu sein.

Die Frauen unterwerfen sich dem Regime des Don, revoltieren jedoch gegen ihre glanzlosen Männer. Sie gehören zum Don und bilden insofern ein Harem der Verweigerung im Verhältnis zu den Subalternen. Sie äußern sich abfällig über Schwarze, Latinos und die Schwänze ihrer Männer.

In der Fahrstuhlszene fasst sich eine Begleiterin ungeniert an den Bauch. Sie klemmt Fett zwischen die Finger. Fredos Gegenwart als solventer Freier wird von der extremen Häuslichkeit gelöscht. Fredo erscheint vielmehr als subalterner Gatte, der seiner Frau nichts mehr zu bieten hat. Darin steckt eine weitreichendere Deklassierung als in jenen Herabwürdigungen, mit denen sich die Spielleiter Luft machen, denen Fredo wie eine Laus in den Pelz gesetzt wurde.

Die Herabwürdigungen entsprechen Akten der Insubordination. Der schwache Sohn schwächt den Don. Fredo ahnt das Risiko, dass er darstellt. Indem er sich dagegenstemmt, das schwache Glied zwischen starken Gliedern zu sein, bringt er seine Leute noch mehr in Gefahr. Er erlebt seine Schwäche als Zumutung, der er in den Verrat entgeht. In dem Dreieck zwischen seiner Unfähigkeit, der väterlichen Befähigung und den Erwartungen der Gefolgschaft, einer Meute, die jederzeit die Beißrichtung ändern kann, muss auf jeden Fall ein Faktor ausgetauscht werden. Interessanterweise stirbt der Don vor Fredo. Diese Abfolge wählte Mario Puzo in dem Roman, der Coppola die Vorlage lieferte, um Don Corleone gut aussehen zu lassen. Nach der Logik des Don-Lebens wäre es naheliegender gewesen, sich rechtzeitig des Sicherheitsrisikos zu entledigen. Giuseppe Tomasi di Lampedusa hätte den Paten so geschrieben, dass der Don den Schlingen der Kausalität nicht entgehen konnte. Sein Samen floss vor Fredos Versagen. Das Versagen des Sohns hat der Vater als sizilianische Schuld zu betrachten.

Du hast dem Falschen das Leben gegeben, nimmst du es ihm nicht, wird dein Leben und das Leben deiner Leute falsch - mala vita.

Ich sehe den Don als jungen Mann hemdsärmelig auf dem Anwesen seines Onkels Giancarlo. Im Zentrum steht eine grandiose Ruine wie zerschlagen von der mörderischen Sonne. Der junge Don verliert sich im Anblick einer betäubten Natur. Die Hitze hat alles im Griff. Vito Corleone weiß noch nicht, was auf ihn zukommt. Er ahnt nichts. Im Gras liegt Werkzeug. Da materialisiert sich eine Fee in der Gestalt der bodenständigen Schönheit Carla. Sie sagt:

„Ich sage dir, Vito, einmal in deinem Leben wird es keine Sünde sein, deinen Samen zu verschwenden, obwohl keine physiologische Notwendigkeit für die Verschwendung besteht. Ich komme dann noch mal und sage Bescheid.“

Sollte Carla ihr Versprechen vergessen haben?

Stellen wir uns Folgendes vor. Vito in seinen späten Zwanzigern wohnt gewohnheitsmäßig seiner Frau bei, wir sind in New York, eine Mietskaserne in Little Italy, auf der Gasse klappern die Hausierer. Da ist mehr los als im Ehebett. Plötzlich zaubert sich Carla ins Geschehen, Mama Corleone kriegt nichts mit, sie ist nicht magisch. Carmela wundert sich lediglich über das Erwachen einer Leidenschaft, die sie lange nicht mehr gespürt hat. Sie kennt nur römisch-katholischen Verkehr ohne Kondome. In Erwartung des Unvermeidlichen überlässt sie sich ihrer Verwunderung. Der Don zieht sich zurück. Das ist wieder so was Unerwartetes. Carla zwinkert ihm zu und sagt noch leise: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.

11:39 09.05.2019
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