Skizze eines Provisoriums

Premiere Im Berliner Ballhaus Ost erkundet Marie Golüke die Grenze zwischen Sexualität und Erotik
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Bataille schreibt: “Bei Urin muss ich stets an Salpeter denken und bei einem Blitzstrahl - ich weiß nicht warum - an ein altes Nachtgeschirr aus brüchigem Ton.”

Der Autor greift aus, er treibt das Bild in Herbst und Regen. Er will Überschreitung und Verschwendung. Das eintönige Geklapper der Reproduktion erträgt er kaum. An der Grenze zwischen Sexualität und Erotik zieht er eine Mauer hoch. Inzwischen erscheint das (Obszöne) Werk so historisch wie der Limes. Es stellt sich die Frage des exakten Verlaufs. Ihr folgt Marie Golüke in The Erotism.

“Lebt eure Triebe aus”, verlangt das “Triebfest” der Künstlerin. Es/Sie fordert “Transgression”.

Das Theater wird zu einem Schauplatz des Zuviel und der Überforderung. Peinlichkeit verbreitet sich. Ich beobachte Spielarten ihrer Verblendung an wie zu einem Tanztee arrangierten Tischen.

Die Skizze eines Provisoriums. Da steht ein Regal. Ausrisse kleben an der Wand. Eine nackte Frau wechselt auf einem Bildschirm das Gesicht und die Figur.

Golüke hat ihre Magisterarbeit über “Erotik auf der Bühne” geschrieben. Sie “kommt aus der Fetischszene”. Sie sagt: “Es gibt zwar eine medizinische, aber keine philosophische Beschäftigung mit Erotik.” In ihrem “Triebfest” wird “eine Opferbereitschaft” angeregt im Gegenzug für “den kleinen Tod als Lebenselixier”. Golüke knallt minutenlang ihr Becken auf eine Platte, die so zu einem Assoziationsmonster zwischen Kopulationsstätte, Gymnastikmatte und Gynäkologenstuhl aufsteigt. Golüke unterscheidet in ihrer Arbeit performative von theatralischen Aspekten, sie führt ihren Körper an Belastungsgrenzen. Sie erzeugt knallharte Redundanz - die Irritationen eines Geburtsvorgangs - eine pädagogische Wirkung - einen Auslieferungsvorgang.

“Was bedeutet für euch Erotik?” fragt Golüke.

Ich zitiere aus den Antworten:

“Ehemann ohne Unterhose in Jeans.”

“Champagner + Essen + Mann.”

“Dessous@Vorspeise.”

“Intellektuelles Bumsen.”

“Erotik dient der Luststeigerung.”

“Zärtlichkeit. Lust. Tiefe.”

“Vermögenswirksame Leistungen.”

“Nackt Tennisspielen.”

“Gekonnte Verführung.”

“Schöne Hände.”

“Blicke, die zu nichts führen müssen.”

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“Es wäre ungerecht zu behaupten, dass Frauen schöner oder auch nur begehrenswerter seien als Männer.” (Bataille)

Auf einer Wand vollzieht sich ein Fernsehspiel mit den Geschlechtern im Tausch der Rollen. Meine Teilnahmslosigkeit findet die Gesten der Lust lustig (und umständlich).

“Als ein Paradox aus Schönheit und Zerstörung wird Erotik in erster Linie als innere Erfahrung verstanden, die zuerst bei sich selbst gesucht werden muss, bevor sie mit anderen geteilt werden kann”, vermutet Golüke. Wir sitzen in der Nachbesprechung, das Thema des Abends interessiert Paare, die eher nicht wie passionierte Theatergänger erscheinen. In einem rasanten Prozess der Verwandlung wird aus Unverständnis Zustimmung. In diesem Kreis regiert die Affirmation mit Weißwein und Zigarette. George Grosz hätte seinen Spaß an den Physiognomien.

09:02 15.05.2016
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