Smarte Selbstverkleinerung

Premiere/Berlin In Lilja Rupprechts Inszenierung von Michail Bulgakows “Hundeherz” am Deutschen Theater bricht ein rein stroboskopisches Technofieber aus
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“Wenn einer spricht, heißt das noch lange nicht, dass er ein Mensch ist.”

Wie kommt der Mensch auf den Hund? Das Wort überlebt Formen der Vorratshaltung, für die wir keine Praxis mehr haben. Früher gab es sogar ein Narrativ der Truhenböden. Interessant bleibt die Frage, warum man sich so viel Mühe machte, einem Unglück Gestalt zu geben und Gegenstände des täglichen Gebrauchs reißerisch zu verzieren.

Der allegorische Gehalt liegt auf der Hand. Das Wort vom auf den Hund gekommenen Menschen beschreibt ursprünglich ein Treffen mit Cerberus. Im Alltag transportierte es lange eher das Hundsein als Klimax der Verelendung. Davon singt der Moskauer Straßenköter Bello ein Lied im Deutschen Theater. Natali Seelig spielt den Opportunisten im Pelz als streetsmarten Überlebenskünstler. Ein Proletarier (wars der Blockwart?) hat ihn verbrüht, es besteht Lebensgefahr. Bello bilanziert seine Chancen, er beschränkt sich aufs Wesentliche. Körperlich sei er am Ende, zugrunde gerichtet von den Leuten. Doch könne sein Geist nicht lassen vom Weiterhecheln.

Natali Seelig steht wie eine Volksrednerin ranschmeißerisch am Mikrofon, während in ihrem Rücken Ereignisse vorgespult werden. Die Ungleichzeitigkeit zwischen Bellos programmatischen Erklärungen und dem in die Zukunft eingreifenden, rein projektiven Geschehen sorgt für Unruhe. Permanente Unruhe beherrscht die Aufführung. Regisseurin Lilja Rupprecht infiziert das (der literarischen Vorlage nicht unbedingt folgende) Bühnengeschehen mit stroboskopischem Technofieber.

Bellos Erwartungen gehen über wurstfettiges Einwickelpapier kaum hinaus. Mit dieser anti-maximalistischen, jede Totalität in effektiver Selbstverkleinerung verweigernden Denkfigur hält er sich auf.

Bulgakow kritisiert in “Hundeherz” Merkwürdigkeiten der blutjungen Sowjetunion, er beschreibt den Übergang vom kommunistischen Idealisten zum Bürokraten als Rolle rückwärts Richtung kleinbürgerlicher Betrieb. Was überwunden werden soll, überwindet selbst in einem an allen Ecken leckenden Provisorium. Virtuosen der Mangelwirtschaft trinken alten Wein aus neuen Schläuchen. Sie treten nach unten, da fiept Bello. Die Kreatur gerät ins Träumen, als Professor Filipp Filippowitsch Preobrashenski mit einer Wurst und guten Worten sie an sich bindet.

Mehr braucht es nicht. Helmut Mooshammer spielt Preobrashenski als auf genial gebürsteten (mild-resoluten) Herrenmenschen, der mit viel Attitüde die Hausgemeinschaft segregiert. Zum Schluss ist er am Ende. Im Schiesser Feinripp nimmt er seinen Untergang zur Kenntnis. Dahin ist die Contenance. Preobrashenski fällt förmlich das Gesicht ab, so gut ist Helmut Mooshammer in seiner Rolle als überforderter Gott.

Was in der Zwischenzeit geschieht. Nicht unschickliche Tierliebe (meinetwegen als Marotte eines Privilegierten) sondern wissenschaftliche Absichten bewegen Preobrashenski zu Bellos Aufnahme in seiner umkämpften, von Perle Sinaida (Linn Reusse) in Schuss gehaltenen Siebenzimmerwohnung. Das Spezialgebiet des Professors ist die Unsterblichkeit. Zumindest Verjüngung verspricht er seiner Kundschaft. Bello dient einem Experiment. Preobrashenski fleddert ihn, um Platz zu schaffen. Er fügt dem Tier (unterstützt vom flutschigen Assistenten Doc Bormental (Elias Arens)) Organe eines kriminellen Alkoholikers zu, der mit achtundzwanzig an einem Messerstich starb. Beigebracht wurde dem “Element” die Verletzung in der Kneipe “Stoppschild”. Der Name amüsiert die Ärzte. Sie erwarten, dass auch Bello (nun mit Säufers Hirnanhangdrüse) bald “krepiert”. Doch Bello entwickelt lediglich “kolossalen Appetit”. Die Strecke vom “Wurm zum Menschen” (Nietzsche) legt er in Rekordzeit zurück. Sein Schöpfer und dessen Gehilfe verweigern ihm die Menschenrechte, Bellos plötzliche Intelligenz beleidigt sie. Die Forderungen eines Unqualifizierten ignorieren die Hochqualifizierten bis zur Erschöpfung. Sie haben ein Monster der Anmaßung geschaffen. Das Monster maßt sich ein Einraumwohnungsglück an. In der Szene mit dem höchsten Puls zitiert Bello Allen Ginsberg:

I saw the best minds of my generation destroyed by madness/ starving hysterical naked/ dragging themselves through the negro streets at dawn looking for an angry fix/ Angel-headed hipsters burning for the ancient heavenly connection/ to the starry dynamo in the machinery of night. Die Inszenierung verbaut den Text in der Gegenwart mit Fangwörtern der TV-Ventile. - Abbau von Ressentiments im Gelächter. Ich zucke zusammen. Bello lernt das Fluchen. Er stellt Diagnosen in Abwesenheit des Professors. Er mordet Katzen und macht das zu seinem Beruf. Er rezensiert den Briefwechsel Friedrich Engels/Karl Kautsky. Mit Urteilshärte und geistiger Unabhängigkeit treibt der Homunkulus seinen persönlichen Doktor Frankenstein in den Wahnsinn.

Bello stellt der Haushälterin nach, er mausert sich zum Bräutigam als Triumpf des (im Moskauer Alltag von 1925 fadenscheinig aufgeschlagenen) Unwahrscheinlichen. Ein Gedemütigter wird Verdränger - das ist unbedingt sehenswert.

10:13 01.05.2016
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