Smog und Salbei

#Leben Der Schauplatz ihres Desasters fiebert in einem Zustand „rasenden Stillstands” (Paul Virilio). Nietzsches „verzehrendes historisches Fieber” höhlt alles und alle aus.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3329

*

Der Schauplatz ihres Desasters fiebert in einem Zustand „rasenden Stillstands” (Paul Virilio). Nietzsches „verzehrendes historisches Fieber” höhlt alles und alle aus. Smog und Salbei liefern die Aromen, die Hitze im August singt ein Lied vom Schweiß. Hätte Che so ausgesehen wie Nikita Chruschtschow wären der Weltrevolution deutlich weniger Märtyrer:innen zugefallen.

*

„Wirst du mich immer anbeten?“

Die Antwort steckt in der Frage. Im Territorium wird jeder Augenblick zur abschüssigen Fläche. Niemand kann sich lange halten. Eine Kiezgröße, die ihre Stellung drei Jahre behauptet, geht als Legende unter die Leute. Folglich heißt immer lediglich vielleicht auch noch morgen. Chloé hielt sich als Belle de Jour im Spiel, bis sie einer Patrona krumm kam und als Geächtete express in die Gosse zurückgeschickt wurde.

Da sitzt sie nun und mimt die Sitzengelassene.

Der Schauplatz ihres Desasters fiebert in einem Zustand „rasenden Stillstands” (Paul Virilio). Nietzsches „verzehrendes historisches Fieber” höhlt alles und alle aus. Smog und Salbei liefern die Aromen, die Hitze im August singt ein Lied vom Schweiß. Hätte Che so ausgesehen wie Nikita Chruschtschow wären der Weltrevolution deutlich weniger Märtyrer:innen zugefallen. Es waren rebellische Christdemokrat:innen, jesuitisch geprägte Mariannenjünger:innen (Congregación Mariana) und noch mehr katholisch Jugendbewegte und Häretiker:innen, die in den bolivianischen Wald liefen, um da in der Tradition von Che Guevara erschossen zu werden.

Im nächsten Augenblick der Erzählung ist Chloé Mutter. Es gibt ein gutes Baby und es gibt das andere. Das schwierige Kind krampft und erschöpft sich und seine Eltern als Gegenstand der Sorge. Maya wächst heran, Aya bleibt zurück. Die von kräftigem Eigensinn regierten Zwillinge teilen sich ein Bett auch noch als Pubertierende. Ihre Schulsachen fliegen unter dem Rost herum. Ihr Schulweg ist lang und gefährlich. Unterwegs lauern die Anwerber:innen der Homie-Gangs. Sie agieren nach der Devise: Willst du nicht meine Schwester sein, schlage ich dir den Schädel ein.

Jahre später

Beaverman hadert mit sich. Er kriegt zu wenig auf die Reihe. Er müsste seinen Töchtern bessere Verhältnisse bieten, um sie gesellschaftlich auf der richtigen Seite heimisch werden zu lassen. Sie brauchen ein Regal für ihre Bücher und Refugien für die erwachte Sexualität. Die von besonderem Geburtsstress verlangsamte Aya sucht ihr Glück in der Natur. Nachts bricht sie aus der Enge. Sie vermählt sich mit der Erde und hat wilde Empfindungen beim Anblick der Luftwurzelfulminanz.

Vor der Tür ist der Busch und lockt Aja mit seinen Verheißungen. Die Reaktionen auf ihre Defizite haben sie scheu werden lassen. Sie irrlichtet an der Peripherie des Gängigen, während Maya allen vorauseilt. Maya bleibt bei den Büchern. Vom Lesen kriegt sie breite Schultern. Ihre Intelligenz und Strebsamkeit entfremden sie dem elterlichen Milieu und führen sie dem BJJ zu. Ihr Idol heißt Gezary Matuda.

"I chase my dreams", sagt Gezary Matuda. Das macht Aya auch.

Eingebetteter Medieninhalt

Ayas Vater ist ein bekehrter Tunichtgut, ein fleißiger Schulabbrecher; ein in der Verwandtschaft kaum für voll genommener Niemand, der untergebracht wurde. Ein Onkel verschaffte Beaverman einen Job bei Mocolo Enterprises. Das bringt viele Vorteile. Da hat das Kantinenessen Spitzenrestaurantqualität.

Existenz auf der Kippe

Mutter Chloé bewährt sich als konstant Fürsorgliche. Sie wehrt sich mit einer Kombination aus Lässigkeit und Indifferenz gegen Widrigkeiten einer Existenz auf der Kippe.

Gleich mehr.

08:54 01.03.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare