Solider Sperrmüll

Sex in the City Achim redete, Marion rauchte. Achim hatte bei der Post gelernt. Ach, war das lange her. Die Deutsche Post gab es nicht mehr.
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Überall war Gefahr

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Es war wie heimkommen. Die Kneipe sah so aus wie Kneipen in meiner Kindheit ausgesehen hatten und die Gäste zeigten sich umgänglich und zufrieden. Die Wirtin war eine leidenschaftliche Kreuzworträtsellöserin mit Stricknadeln im Haar und Brillenkette. Ich kam ins Gespräch mit Marion und Achim, dem unproblematisch-postproletarischen Pärchen von nebenan. Ich schätzte Achim auf Ende vierzig. Er atmete angestrengt, bewegte sich schwerfällig und wirkte angeschlagen. Marion verkörperte die stille Unverwüstlichkeit, die beim Dartturnier auch einmal laut werden kann, jedoch niemals aus der Rolle einer unbedingt verlässlichen Treuhänderin jedweden Vereinsvermögens fällt.

Erstmal Bacardi-Cola. Achim kümmerte sich darum.

Achim redete, Marion rauchte. Achim hatte bei der Post gelernt. Ach, das war lange her. Die Deutsche Post gab es nicht mehr. Nichts war mehr wie damals, als sich Achim in seiner Haut noch so richtig wohlgefühlt hatte. Irgendwann fragte er mich, ob ich seine Briefmarken sehen wollte.

Das Paar hatte es nicht weit. Ich wusste nicht, was mich erwartete, aber ich erwartete alles Mögliche in einem Rahmen des Vertrauten und halbwegs Vertrauten.

Das Wohnzimmer wie aus einem Katalog von 1970. Solider Sperrmüll, imprägniert vom Zigarettenrauch. Ein gelber Film versiegelte die Patina.

Der häusliche Mief mischte Kneipe und Küche. Achim mischte Bacardi und Cola. In den häuslichen Dingen sprach sich eine gespenstische Anspruchslosigkeit aus. Eher noch Antriebslosigkeit – soziale Lethargie. Das kannte ich, da war ich seelisch zuhause.

… ?“

„Und, wie findest du sie?“ fragte Achim blank begeistert.

… Er wartete auf eine Antwort. … …

„Nicht wahr“, schnäuzte Achim, „ja …“

„Warte“, sagte sie.

Sie sah zu ihrem Mann auf. Er nickte und verschwand im Bad. …

Die wortlose Verständigung erzählte eine andere Geschichte als die Geschichte, die mir gerade vorgetragen worden war.

Da passte etwas außerordentlich gut.

Marion ... Sie provozierte …

Achim stand mit einer halben Erektion daneben. Die Hose auf Halbmast und in Pantoffeln. Ein Couchkönig. Plötzlich sagte er:

„Jetzt kommt mein Part.“

...

… Ich spürte, dass Marion sich auf einen Siedepunkt zubewegte. Von ihrem Körper gingen Druckwellen aus. Mit Händen zu greifen …

...

… Ich verabschiedete mich schnell.

Achim war froh, dass ich keine Verlängerung anstrebte, mich in seinem Revier nicht aufhalten und ausbreiten wollte. Marions Enttäuschung ahnte ich nicht nur. Da war was in Gang gekommen. Mir gefiel keine Vorstellung, die sich dieser Einsicht anschloss. Obsessionen nerven mich.

Ich fühlte mich so, als hätte ich zu lange und zu laut Musik gehört.

Wir waren noch nicht fertig

Zwei Tage später traf ich Marion in einem Kaufhaus. Ich vermutete, dass das kein Zufall war. Wieder fiel mir auf, wie wenig standhaft ihr Blick war. Sie konnte mir nicht in die Augen sehen. Ich sagte ihr auf den Kopf zu, was ich dachte:

„Du stellst mir nach.“

„Ich weiß, dass du nicht begeistert bist. Aber ich musste dich sehen.“

Ich antwortete nicht. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Marion die Initiative ergriff. …

„Ist doch egal, wofür ich dich halte.“

Ich schlug vor, gemeinsam Kaffee zu trinken.

„Komm zu mir“, bat Marion. „Achim ist die ganze Woche weg.“

„Ich dachte, du machst das ihm zuliebe.“

„Ich weiß nicht, warum das passiert.“

Ich ließ mich abschleppen und beobachtete Marions Vorsichtsmaßnahmen. Sie verhielt sich konspirativ genug, um meinen Argwohn nicht ins Kraut schießen zu lassen. Sie schloss die Fenster, zog Vorhänge vor, ließ Rollläden runter.

Sie kochte Kaffee, ich sah zu. …

„Suchst du jemand zum Quatschen?“ fragte ich.

„Ich ziehe mich auf der Stelle aus, wenn du das willst.“

„ ...?“

„Was meinst du?“

„Ich kapiere dich nicht. Einerseits wirkst du schüchtern und auf der anderen Seite holst du dir mal eben einen Mann von der Straße.“

„Es hat dir doch Spaß gemacht. Ich bin sicher, dass du noch nie so abgegangen bist.“

Marion tischte mir Kaffee in einem Werbegeschenkpott auf. Sie fragte nicht, wie ich meinen Kaffee trinke, aber sie brachte Zucker und Milch in meine Reichweite. Sie bewegte sich an einer Grenze zwischen Gleichgültigkeit und Verwahrlosung. Ich war noch nie einer Frau wie ihr begegnet.

Marion hatte an einem Rand der Kleinbürgerlichkeit überlebt, indem sie …

Marion und Achim kamen aus der Gegend und kannten sich schon immer. Achim war eine gute Partie gewesen, und Marion nach der Gebietslogik all das wert, was Achim investiert hatte. So sah eine Gleichung aus, die ihre Gültigkeit zu verlieren drohte.

Marion hatte Einzelhandelskauffrau gelernt, und nach der Lehre nie mehr einen festen Arbeitsplatz gehabt. Sie sprang gern ein, wenn in einer ihrer Kneipen landunter ausgerufen wurde und sie übernahm Schichten. Seit fast zwanzig Jahren lebte Marion auf die gleiche Weise.

„Nur, dass man älter wird.“

Neben einem Mülleimer stapelte sich Verpackungsmüll. Knist in allen Ecken.

„Warum … anstatt dich hier so blöd umzusehen.“

„Okay.“

Ich bemerkte Erleichterung. Fast fröhlich und befreit kam sie um den Tisch herum, auf dem ein Wachstuch klebte.

Plötzlich wusste ich ... Ich nehme an, dass uns beiden das beim ersten Kontakt schon klar geworden war. Achim war ausgelutscht, und ich schon kein Unbekannter mehr in einer neuen Gleichung.

Marion musste nichts Neues begreifen.

Ging noch was?

Ja, Marion …

Ich war noch nie so dicht am absoluten Wahnsinn gewesen.

Ich brauchte eine Pause, um mich zu besinnen. Einen Augenblick fürchtete ich, von Marion in eine Falle gelockt worden zu sein. Meine Phantasie spielte mir den Streich: ich sah Achim mit einer Kamera hämisch aus dem Schlafzimmer kommen. Inzwischen rechne ich damit, unbemerkt fotografiert, gefilmt, und belauscht zu werden. Ich muss nicht umschalten, wenn mir ein Freund oder eine Kollegin mit einem sie selbst gefährdenden Bekenntnis etwas Inkriminierendes entlocken könnte. Gestern wieder. Ich sitze mit einer Autorin vor einem Café tief im Wedding. Die Autorin sagt: „Als wir so vierzehn, fünfzehn waren, sind wir nach …, da liefen die Rich-Kids-Partys und dann haben wir die reichen Kinder beklaut.“

Ich bin so gerastert, dass ich algorithmisch in den Alarmmodus geschaltet werde, sobald auch nur ein Hauch von Verständnis als (Ein-)Geständnis gewertet werden könnte. Die Autorin thematisiert in einem Roman väterliche Gewalt. Sie fand im Gespräch mildernde Umstände für einen schlagenden Vater. Ich distanzierte mich vernehmlich. Neulich erzählte mir einer am Telefon, er habe pro-aktiv mit einer Frau deren zur Veröffentlichung nicht bestimmten Phantasien ausgelebt. Nach der Angabe pausierte er, vielleicht in der Hoffnung auf ein Gegenbekenntnis. Seither rede ich nicht mehr mit ihm.

Marion wollte sich nicht beruhigen. Sie folgte ihrem eigenen Konzept. Ich unterbrach sie, indem ich abdrehte und nach etwas Stärkeren als Kaffee Ausschau hielt.

„Gibt es hier auch was zu trinken?“

„Whiskycola?“

Ich nickte. Marion … wurde geschäftig.

Mir war schlecht wie schon lange nicht mehr. Ich hatte gar nicht mehr gewusst, was ein flauer Magen ist.

Ich bekam mein Getränk in einem verschrammten Senfbierglas. Es sah nach altem Plastik aus und erzählte eine Geschichte, die bis weit in das letzte Jahrtausend reichte. Damals steigerte man Produktattraktivität mit dem Doppelnutzungseffekt. Man verkaufte Senf in einem Bierglas, das sich kaum unterschied von anderen Bierglastypen, jedoch unter den Senfgläsern eine hervorragende Stellung einnahm.

Die Mischung war fabelhaft. Einen Dissidenten der Abstinenz hätte sie umgehauen. Mich pulverte sie lediglich auf.

Wir waren noch nicht fertig.

14:42 22.05.2019
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