Sommerfrische im Winter

Literatur „Ascona“ - In Edgar Rais großartiger Annäherung an einen historischen Augenblick und seine Akteure ragt Erich Maria Remarque aus einem Epochenensemble
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Obszöne Heiterkeit

Ascona im Februar 1933. Noch fühlt sich das Tessiner Exil für die Blitzstarter:innen unter den Hitlergegner:innen wie eine Sommerfrische im Winter an. Remarque erlebt einen Rosenmontag in idyllischer Ruhe, während die nationalsozialistische Machtergreifung mit Reichstagsbrand und Straßenterror exemplarisch über die Hauptstadtbühne geht.

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Den arrivierten Exilant:innen geht es in der Schweiz auch dann noch gut, als es in Deutschland vielen an den Kragen geht. Remarque und seine Freund:innen rauchen, trinken und parlieren zwischen architektonischen Schmuckstücken und Meilensteinen in gehobener Melancholie. Das Populäre am Lago Maggiore vermeiden sie. In die matte Schwermut platzt Jutta Ilse Zambona (1901-1975). Kaum angekommen, springt die Exfrau* des Verfemten nackt in den See, den man selbstverständlich in Remarques Refugium - der Villa Casa Monte Tabor - direkt vor der Tür hat. Eine Wildfang-Attitüde täuscht Unbefangenheit vor. Der Hausherr ahnt Berechnungen. Gereizt erliegt er Zambonas erotischem Charme. Das Paar pendelt zwischen Vertrautheit und Befremden. „Obszön“ erscheint Remarque die „Heiterkeit“ der Usurpatorin. Die „Übernahme“ beginnt auf der Stelle. „Plötzlich (beansprucht) Jutta zwei Zimmer für sich.“ Ihr bestimmendes Wesen verschafft sich Geltung an allen Fronten.

*Die erste Ehe wurde 1930 geschieden, die zweite 1938 geschlossen. Die Wiederholung endete 1951.

Edgar Rai, „Ascona“, Roman, Piper, 247 Seiten, 22,-

Remarque erwirbt Vincent Van Goghs „Le passage inférieur du chemin de fer à Arles“.

Fluchtpunkt Tessin

Brutal entlastete Säulen der Weimarer Republik tauchen überall in Europa auf. Ein Ensemble der Schwergewichte bildet sich in der Schweiz. Der Toskana-Fraktion voran eilt ein zwischen Bohème und Baronie oszillierender Kreis deutscher Tessin-Liebhaber:innen. In Edgar Rais Remarque-Roman „Ascona“ versammelt sich die antifaschistische Crème de la Crème auf dem im Titel avisierten Schauplatz.

Als Sturmspitze der verschworenen Antinazis machen die ersten Exilant:innen am Fuß des Monte Verità eine Menge her. Da palieren lauter Personen der Zeitgeschichte. Ich fange mit Emil Ludwig an. Der promovierte Jurist, Bergsteiger, Weltreisende und Bestsellerautor beweist psychologisches Geschick im Verhältnis zu dem leicht verstimmten Helden in Rais großartiger Annäherung an einen historischen Augenblick und seine Akteure.

Ludwig überragt die Überragenden (seit 1928) als Ehrenbürger von Ascona. Die größten europäischen Institutionen bemühen sich um ihn. Im Frühjahr 1933 hält er Vorträge in Paris, Amsterdam, Barcelona, Madrid, Granada und Malaga. An einem Tag im Mai erlebt er in seiner Villa in Moscia (einem Ortsteil von Ascona) gemeinsam mit Remarque die Verbrennung seiner Bücher am Volksempfänger.

„10. Mai: Verbrennung der Bücher Ludwigs. 5. Rufer: ‚Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann‘, zu diesem Zeitpunkt hält Ludwig sich in seinem Haus in Moscia auf und hört dort gemeinsam mit Erich Maria Remarque die Radioübertragung der Bücherverbrennung.“ Quelle

*

Kurz vor Hitlers Machtergreifung verlässt der Bestsellerautor, bekennende Pazifist und erklärte Nazigegner Erich Maria Remarque Berlin. Der Exilant in spe und sein Feind erreichen ihre Ziele gleichzeitig. Im Tessin erfährt Remarque, dass der brutale Straßentheaterkasper Hitler Reichskanzler geworden ist. Während sich Remarque in der Villa Casa Monte Tabor* einrichtet, sterben auf den Gassen und Hinterhöfen der deutschen Kapitale Gegner:innen der neuen Machthaber:innen.

*So heißt Remarques Refugium am Lago Maggiore.

Politischer Spuk

Die SA schwärmt aus in klirrender Kälte. Noch spielt Ernst Röhms in der Weimarer Republik drei Mal verbotenen, in ihrem ursprünglichsten Format von dem Uhrmacher und Ehren-Arier Emil Maurice als Turn- und Sportabteilung der Partei gegründete Sturmabteilung die erste Geige im Straßenkampf. Noch liegt die Macht nicht in Hitlers Händen. Doch lässt sich seine putschistische Zugriffsbereitschaft nicht mehr ignorieren. Für den Bestsellerautor und prominenten Antifaschisten Erich Maria Remarque bedeutet der faschistische Siegeszug das Ende aller deutschen Optionen.

Die Nazis machen kein Hehl daraus, dass Remarque auf ihrer Schwarzen Liste ziemlich weit oben steht. Seine Koffer sind schon gepackt. Die tragbare Remington steht griffbereit. Trotzdem trägt sich der Schriftsteller mit Hoffnungen. Er glaubt an einen Spuk, an etwas Vorübergehendes. Das hält ihn nicht davon ab, sich vorsorglich abzusetzen.

Die Fahrt aus dem Risikogebiet fühlt sich kaum wie eine Flucht an. Um es präziser zu fassen: Der Umzug ins Exil erscheint unwirklich.

„Als wäre die Welt um ihn herum in Auflösung begriffen.“

Vierzehn Stunden reist Remarque im Lancia Dilambda** von Berlin bis zum vertrauten Glockenturm von Santi Pietro e Paolo (Astano). Remarque zählt zu den „besonderen Besitzer:innen“ der Edelmarke.

**„Erich Maria Remarque floh in seinem Lancia Dilambda ... und widmete dem Wagen sogar eine Erzählung. Der Dilambda wurde von zahlreichen Stars der 1930er Jahre gefahren, so etwa auch von Max Schmeling, Ernest Hemingway und Greta Garbo.“ Wikipedia

Aus der Ankündigung

Ascona 1933 - Zuflucht und Krisenort für Erich Maria Remarque In der Nacht vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler flieht Erich-Maria Remarque von Berlin ins Schweizer Exil am Lago Maggiore.

Wenig später brennen seine Romane auf dem Scheiterhaufen der Nazis. Remarque stoßen die politischen Vorgänge in tiefe Ratlosigkeit, künstlerisch quält er sich seit Jahren mit einem neuen Roman herum. Seine Depression betäubt er mit Zigaretten und Alkohol, Ausschweifungen und erotischen Eskapaden, in die er sich mit seiner Exfrau Jutta stürzt. Auch sie auf der Flucht vor den Nazis, deren Hetze die Exilgemeinde in Ascona von Tag zu Tag vergrößert. Und noch immer tritt der Roman auf der Stelle, Hoffnung auf Erlösung liegt für ihn allein in der Begegnung mit der Frau seines Lebens, die sein schweizer Exil für immer beendet.

Zum Autor

Edgar Rai, geboren 1967 in Hessen, ist Autor vieler erfolgreicher Romane, Übersetzer und seit 2012 Mitinhaber der Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin. 2010 gelang ihm mit dem Bestseller „Nächsten Sommer“ der Durchbruch. Zuletzt erschien im Berlin Verlag „Die Gottespartitur“ (2014). Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

09:12 02.08.2021
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