Somnambuler Fahrstil

Die Ära Achtundsechzig Rainer (Langhans) erscheint vollkommen losgelöst, als schwebe er durch den italienischen Irrsinn. Die Leute fahren Amok in ihren Schrottfiats.
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Weiter aus der Entstehungsgeschichte der Biografie von Gisela Getty und Jutta Winkelmann - Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen.

1974 dreht Jutta Winkelmann in Jugoslawien und Italien.

Vier Tage drehen wir in einer jugoslawischen Tropfsteinhöhle. Ich kann dem Ort nichts abgewinnen. Es ist eiskalt, die Stimmung im Keller. Alle sind gereizt und gehen mit ihren Befürchtungen hausieren.

Ich tropfe selbst und fürchte, krank zu werden. Das Höhlenklima ist die Hölle. Rainer (Langhans) weicht nicht von meiner Seite. Wenn er mich nicht bespricht, meditiert er mit geschlossenen Augen. Ich finde das übertrieben, aber auch interessant.

Wir durchqueren Italien. Rainer fährt den Bus, ich rolle mich auf der Rückbank zusammen. Zum ersten Mal habe ich richtige Angst im Auto. Rainer erscheint vollkommen losgelöst, als schwebe er durch den italienischen Irrsinn. Die Leute fahren Amok in ihren Schrottfiats. An allen Rückspiegeln baumeln Kreuze. Und dann dieser somnambule Rainer. Ich rechne jede Sekunde mit einem Unfall. Aber vielleicht fühle ich mich auch nur deshalb sterblich, weil Gisela nicht da ist.

Eingebetteter Medieninhalt

Lieber Jamal, der Rechtschreibfehler tut mir leid, ich hätte in der Schule besser aufpassen müssen. Hab aber da meist geträumt. Meine Gedanken glitten zwanghaft ab ins Katastrophale. Wenn von einem Sägewerk die Rede war, sah ich nur Unfälle mit Massakerformat. Erläuterte man uns zukünftigen Hausfrauen die Vorzüge der modernen Küche, geriet ich in einen Horrorfilm und imaginierte lauter Foltergeräte zum Vergnügen finsterer Gestalten. Stets war ich bösen Kräften ausgeliefert.

Die Welt ist viel zu kriegerisch. Der ganze Umgang mit Mutter Erde tut nicht nur ihr weh.

Wir werden Vielen nach der ersten Begeisterung suspekt. Die Zuneigung kehrt sich um in Abneigung. Das war oft eine ganz bittere Erfahrung schon in der Kindheit, wo ich diesen Prozess überhaupt nicht verstand. Wir riefen ein Interesse hervor, ohne Absicht, ließen die Neugier zu und kriegten plötzlich kübelweise Feindseligkeiten ab. Wie du weißt, wurden wir aneinandergekettet und zusammengeprügelt. Abweichungen und Individuationsversuche wurden bestraft, bis wir unsere Verbundenheit verinnerlicht hatten. Das ist auch etwas Künstliches, das zu unserer Natur wurde. Ursprünglich standen Gisela und ich uns als eigenständige Personen halb konfrontativ, halb zugewandt gegenüber. Die Symbiose lernten wir unter Zwang, richtig mit Dresche, Ordnungsschellen und häuslichem Gewittersturm.

Gut, dass Du mich daran erinnert hast, dass ich von Gisela nicht immer schon abhängig bin.

Ich fühlte mich verweht und angeschwemmt und unstet - Rainer nennt es feinstofflich. Das hat mich gequält. Ich habe auf den abwegigsten Pfaden den Kontakt zum Körper - bis zu SM und Gewalterfahrungen - gesucht und jetzt denke ich, vielleicht sind wir einfach nur sehr empfindsam und können damit nicht umgehen und machen uns dauernd härter als wir sind. Ich glaube, allen geht es so, nur die Wahrnehmung variiert. Andererseits habe ich gesehen, wie mörderisch auch Frauen sind, wenn sie an ihre Grenzen kommen, da mache ich mir überhaupt keine Illusionen mehr. Aber dahinter steckt Angst.

Sobald ich mit mir eins war, habe ich meine Leichtigkeit gemocht.

Anmerkung des Autors. Wir stritten oft. Die Niederschrift des Zwillingstextes war eine enorme Anstrengung auch für mich. Ich hatte mich selbst mit Härte erlöst, war schmerzfrei verhornt und litt nun unter den Empfindsamkeitsergüssen der Schwestern, die selbst wie Panzer aufkreuzen konnten. Von wegen weich.

Ohne Anrede.

Tuschick schreibt man mit ck. Ich wäre sehr froh, wenn Ihr das Kindheitskapitel sprachlich auf Vordermann bringen würdet. Ich habe von Euch Text wie aus einem Grundschulheft vor mir ... Mutti hat gesagt, Pappi hat gesagt. Ich reize die Charmechancen dieser Diktion aus, aber die Grenzen sind eng gesteckt. Schwierig ist auch, dass Ihr immer wieder die Zeiten wechselt. Wir hatten uns aus guten Gründen auf die Gegenwartsform geeinigt. Ich muss passagenweise in jedem Satz die Zeit umstellen. Bei aller Bescheidenheit erachte ich dies als Verschwendung meiner Ressourcen.

Jutta,

du killst meine Sätze mit deinem Ambiente und diesem Scheiß. - Und das All ist immer dunkel und die Sterne sind immer über uns.

Lieber Jamal,

gebe Dir auf ganzer Linie recht. Ambiente - grauenvoll, kanns kaum glauben, dass ich das verwendet haben soll. Habs aber. Hat mir die halbe Nacht den Schlaf geraubt - Deine (berechtigte) Kritik und meine Unsicherheit mit dem Text. Neben der Form/Ästhetik war für mich mehr noch das Problem das Inhaltliche. Was konnte ich schreiben? Die Begegnung mit Dylan musste etwas Besonderes sein. Nicht nur erotisch tiefer als alles zuvor Erlebte. Es war selten der Sex selbst, der noch etwas Zusätzliches brachte, sondern die Erregungen im Vorraum. Die Gespräche, das sich Abtasten - das Anbahnungsspiel. Und die Szene sollte doch nah an der Wahrheit siedeln.

Liebe Jutta,

die Intensität deines Erlebens wiederholt sich nicht in dem Intensitätsvokabular, das allen zur Verfügung steht. Man muss den anderen Weg gehen, den Leser verleiten, seine Fantasieproduktion pointillistisch in Gang setzen. Also keine Ausrufezeichen, keine groß buchstabierten Wörter, keine gesperrt gedruckten Wörter, kein lieblich, kein Duft, nicht dreimal plötzlich auf zwei Seiten. Du nimmst dem Text mehr als du ihm gibst mit dieser direkten Wiedergabe einer überwältigenden Erfahrung. Ist das so schwer zu verstehen? Ich habe Euch das doch ständig vorgemacht. Wenn etwas klein ist, darf es nicht auch noch verniedlicht werden. Du darfst deine Empfindlichkeit nicht ausstellen. Nervenkostüm ist ein schreckliches Wort. Eigentlich ist auch problematisch, da sich eigentlich von selbst versteht oder eben etwas anderes vorliegt. Wo ist die Empfindlichkeit, von der ihr immer redet. Ich glaube, der einzige Empfindsame in unserem Kreis bin ich.

Jetzt muss ich doch nachsitzen

Jamal, wir waren auf Drogen, alles war outrages.

...

Ich hab auch nicht das Gefühl, dass ich es hinkriege. Daher mein verzweifeltes an Dich Hinwenden. Der liebliche Granatapfelduft ist übrigens ein Zitat aus Dylans "Chronicles", und da unser Buch ja auch ins Amerikanische soll, fand ich das ganz gut. (Kann ja sein, dass er es liest). Natürlich geht lieblich duftend nicht doppelt und dreifach.

Außerdem muss ich doch wegen den fast 40 Seiten von Gisela noch mal ran. Ich hab mich zu schnell verpisst. Es lag aber auch daran, dass Gisela aus Amerika, verkracht wie wir waren, signalisierte, sie hätte kaum noch was geschrieben und dann zieht sie 40 Seiten aus dem Zylinder. Jetzt muss ich doch nachsitzen.

Nach wie vor finde ich, dass Du einen eigenen Text von Dir am Ende haben solltest, wo Du als Person sichtbarer wirst.

Was machst Du sonst, wie geht es Dir?

Morgen mehr.

07:02 01.06.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Ausgabe 25/2018

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