Southern Belle in Paris

Julien Green Die aus Savannah gebürtige Mutter erscheint als Southern Belle in Paris.
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Gemünzt auf die deutsche Besetzung Frankreichs, sagt Julien Green, der Sieg eines Teils von Europa über den anderen mache Europa zur Hauptverliererin. Das ist feinsinniger Chauvinismus und geostrategischer Siegmund Freud. Der Amerikaner in Paris begreift Europa als Schatztruhe der Welt, die nicht beschädigt werden darf. Er strahlt förmlich vor eurozentrischer Selbstgewissheit. Dass der Glanz Frankreichs mit dem Elend seiner Kolonien erkauft ist, spielt in Greens Gleichung keine Rolle.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wende mich diesem Denkmal einer verblassten Moderne zu, um der Gegenwart zu entkommen. Ich liebe es, auf Greens Auen auszuruhen.

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Nicht schön, aber bezaubernd

Die aus Savannah gebürtige Mutter erscheint als Southern Belle in Paris. Sie nimmt den Knaben mit zu ihrer besten Freundin, Agnes Farley, „die in einer ernsten, dunklen Wohnung in der Rue de la Paix lebt“.

„Wir stolperten ein finsteres Treppenhaus hinauf, bevor wir in einen Salon geführt wurden, der nach Zigarrenqualm roch. Eine Büste Cäsars ...“

Agnes ist Irin; eine Expatriierte auch sie. Sie spricht mit einem charmanten Akzent Französisch, raucht ununterbrochen. Sie nimmt Julien ein, indem sie mit ihm wie mit einem Erwachsenen spricht. Sie siezt ihn und befragt das Kind zum Eisenbahnerstreik. Dem Arbeitskampf drohen militärische Entgegnungen.

„Halten Sie es für richtig, daß Briand Soldaten aufmarschieren ließ? Nein, natürlich nicht. Sie sind ein vernünftiger Franzose mit liberalen Ideen.“

Agnes zeigt grundsätzlich keine Gewöhnlichkeit. Sie macht sich nicht gemein. Sie empfiehlt Bücher in der Gewichtsklasse von Tristram Shandy. Ihre Erziehung zur Mündigung paart sich mit leisem Spott.

Julien Green, „Erinnerungen an glückliche Tage“, Roman, auf Deutsch von Elisabeth Edl, Carl Hanser Verlag, 22,-

Der Nachwuchsbeobachter entdeckt die Merkwürdigkeit eines bezaubernden Wesens, das von einer wenig einnehmenden Erscheinung kaschiert wird. Er staunt „über die unverhoffte Schönheit der Welt“.

Der Teufel im Wandschrank/Viktorianische Gotik

„Natürlich dachte ich immer an Frankreich.“

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„Und Calibans wahres Opfer, wenn es ihm gelingt, Prospero zu überwältigen, ist Caliban selbst, das wird man sehen, sollte der Fluch deutscher Herrschaft nicht von Europa genommen werden.“

Er wächst in Möbeln der Antebellum-Ära auf. Der Eleve verkrümelt seine Madeleines auf „um 1850 bei Herter in New York“ geschreinerten Stühlen. Ursprünglich erfüllten sie die Komfort- und Prestigeerwartungen des Sklavenhalteradels im alten Süden (Old South). Im Vorgriff auf die lange Phase eines eher trostlosen Danach schwärmt Graham Greens kindliches Ich von einer in Lehnen geschnitzten Flora. Das wäre weniger bemerkenswert, stünden die Sachen sonst wo in Amerika.

Sie stehen aber zuerst in der Pariser Rue de Passy „nur ein paar Schritte vom Bois de Boulogne“ entfernt. Da bieten „die verschnörkelten Lehnsessel, die langen Sofas mit ihren sinnlichen Kurven aus der Zeit vor dem Sezessionskrieg (den) französischen Augen einen grauenerregenden Anblick“; während die Expatriierten in den historisch gravierten Importen „Meisterwerke des guten Geschmacks“ erkennen. Sie verehren ihre Rosenholzstühle, „der Name dieses Holzes entzückt uns ebenso wie die geschnitzten Blumensträuße“.

„Meine … Mutter kam aus Savannah, Georgia, und mein Vater aus Prince William County, Virginia“. Ist die Mutter auf Krawall gebürstet, schlägt sie mit dem Wissen aus „in Kalbsleder gebundenen Bänden der … Archive der Konföderierten Staaten“ auf ihren Mann ein.

Der Vater des Erzählers macht in Öl. Er verkörpert die Zukunft fossiler Brennstoffe.

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Gemünzt auf die deutsche Besetzung Frankreichs, sagt Julien Green, der Sieg eines Teils von Europa über den anderen mache Europa zur Hauptverliererin. Das ist feinsinniger Chauvinismus und geostrategischer Siegmund Freud. Der Amerikaner in Paris begreift Europa als Schatztruhe der Welt, die nicht beschädigt werden darf. Er strahlt förmlich vor eurozentrischer Selbstgewissheit. Dass der Glanz Frankreichs mit dem Elend seiner Kolonien erkauft ist, spielt in Greens Gleichung keine Rolle.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wende mich diesem Denkmal einer verblassten Moderne zu, um der Gegenwart zu entkommen. Ich liebe es, auf Greens Auen auszuruhen.

In den Soldaten der Wehrmacht erkennt der wahlfranzösische Patriot „fein herausgeputzte und gut bewaffnete Kerle“. Green verdammt den Aufmarsch, ohne über Bügelfalten hinwegsehen zu können.

Als Kind hielt er Frankreich für eine Person von außerordentlichem Glanz. Green ist so geistreich zu bemerken, dass man ein Land nicht mit jenen Persönlichkeiten verwechseln sollte, die an der Spitze stehen.

„Meine Schwester Lucy, die damals zehn, elf Jahre alt war, litt unter Albträumen, die ihre Nerven zerrütteten. Sie war es …“

Lucy sieht Gespenster. Ihre Geschwister steigen ein und überbieten sich in Spukschoten. Den prosaischen Eltern unterstellen sie, nicht mit der Gabe desSehensgesegnet zu sein.

Der Vater geht auf die Gespenster mit dem Revolver los. Er verzweifelt an den lustvollen Angstphantasmagorien der Nachkommen. Die Schauernarrationen entstehen wie von selbst in der Ancien Régime-Atmosphäre.

Tanzende Möbel

Die Greens beleben eine Wohnung im dritten Stock mit dunklen Räumen, in denen sich die Imagination verläuft und die alten amerikanischen Möbel in gewissen Stunden anfangen zu tanzen.

Die Nachbarn beherbergen Tische und Stühle „im konventionellsten Louisseize-, Empire- oder Louis-Philippe-Stil“, während die Lehnsessel der expatriierten Greens „etwas Frivoles und Verantwortungsloses haben, als wollten sie sich auf irgendeine seltsame Weise erheben und Walzer tanzen“.

Das Haus stammt aus der ersten Napoleon-Ära und ist mit dem Kaiseradleremblem markiert. Das Bürgerliche triumphiert auf allen Etagen und wird auch von den Amseln im obligatorisch vorstehenden Kastanienbaum begrüßt. Darüber lässt sich der Erzähler aus. Er wirft den Schatten der Narration auf den goldenen Glanz der Kindheit.

Der Künstler als Knabe empfindet ein animalisches Glück vor dem Kamin; „ein köstliches Gefühl von Wohligkeit“, das ihm später stets vorenthalten bleiben wird. Julien badet in Trouvailles. Er erforscht den Knick im Kissen. Die Mutter umgarnt ihn mit einem „Wollshawl“.

Die Mutter ist das Zentrum, ihr Schoss ein umkämpfter Gipfel. Die Überragende erzählt von Farben und Formen der viktorianischen Gotik ihrer Southern Belle-Kindheit in Savannah.

Aus der Ankündigung

Die Kindheit eines kleinen amerikanischen Jungen in Paris, am Beginn des 20. Jahrhunderts. Julien Green lässt in seinen Erinnerungen die "Belle Époque" auferstehen: das Klappern der Pferdehufe auf dem Pflaster, den Alltag ohne Radio und Telefon, die Schrecken eines strengen, unmenschlichen Schulsystems und die Geborgenheit in der bürgerlichen Familie. Erst als Frankreich in den Ersten Weltkrieg zieht, bricht auch für ihn ein neues Zeitalter an. Ein wunderbares Buch über eine versunkene Welt: Zeitdokument, Entwicklungsroman, Hymnus auf das Glück der Kindheit und ein großes Lesevergnügen.

Zum Autor

Julien Green wurde 1900 als Sohn einer amerikanischen Familie in Paris geboren, wo er 1998 starb. Bei Hanser erschien das erzählerische Werk, zuletzt in der Neuübersetzung von Elisabeth Edl: Adrienne Mesurat (Roman, 2000), Fremdling auf Erden (Erzählungen, 2006), die Erinnerungen an seine Kindheit Erinnerungen an glückliche Tage (2008) und sein letzter Roman Der Unbekannte (2011).

07:47 28.02.2021
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