Soziale Evolution als unsoziale Angelegenheit

China Mehr zu Stefan Austs und Adrian Geiges' Analyse „Xi Jinping – der mächtigste Mann der Welt“ - Xi Jinping betrachtet sich als Großmeister der Digitalisierung
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3443

und

https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3439

und

https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3430

Dampfmaschinen machten in England den Anfang der Beschleunigung. Die Vereinigten Staaten übernahmen die industrierevolutionäre Führungsrolle von Großbritannien. Hundert Jahre bestimmten sie den Kurs der sozialen Evolution.

Im zweiten Kraftkreislauf auf der Überholspur

Xi Jinping betrachtet sich im grandios geblähten historischen Augenblick als Großmeister der dritten Stufe. Sie definiert „die Digitalisierung der Produktion“. Das erläutern Stefan Aust und Adrian Geiges in ihrer Analyse

„Xi Jinping – der mächtigste Mann der Welt“, Piper, 22,-

„In China haben 88 Prozent der (Breitbandnutzer:innen) einen Glasfaseranschluss … in den USA sind es 15,6 Prozent, in Deutschland ganze 3,6 Prozent.“

Xi Jinping misst sich an Mao allein. Der mächtigste Mann der Welt strebt danach, die mythische Gründergestalt in den Schatten der Geschichte zu rücken. Schritt für Schritt tastet er sich vor. Der Schlüssel zur Überbietung, sprich Überwindung Maos steckt in einem gigantomanischen Personenkult.

Xi Jinping kombiniert Kommunismus mit Konfuzius. Auch so emanziert er sich von Mao, der als Feind des Konfuzianismus auftrat und seine Garden auf die Erb:innen des Weisen hetzte. Xi Jinping verweigert sich der Einsicht nicht, dass im Kommunismus chinesischer Prägung der Mandarin-Feudalismus eine Fortsetzung auf dem Plateau institutionalisierter Ungleichheit findet.

Xi Jinping will massenhaften Wohlstand mit einer daoistisch-antiken Firnis im Teebeutelstil. Die ewig staatsbestimmenden Denkschulen und Kaderschmieden sind in aktuellen Deutungen Hohlmäntel für die Doppelladung Patriotismus & Pflichterfüllung. Die ideologischen Manöver erzielen die erwünschten Ergebnisse. Jüngere Chines:innen stehen wieder sehr viel loyaler zu ihrem Staat als ihre Eltern es taten/tun.

Wohlstand erzeugt Stolz. Eine stetig breiter werdende Mittelschicht bedankt sich mit beseeltem Konformismus für eine gedeihliche Gegenwart und die guten Aussichten als künftige Nummer Eins auf allen Weltspielfeldern.

Erstunkene Legenden

Sieger:innen schreiben die Geschichte. Eines der lehrreichsten Beispiele dafür, wie Geschichte aus Fakten und Fiktionen hergestellt wird, liefern Aust und Geiges. Unter anderem gelangen die Autoren zu der Feststellung, dass man beim Aufbau des Personenkultes um Mao auf die Wahrheit weitgehend verzichtete. Zum Mythenkranz als Rahmen der Heldenverehrung gehört die Mär von Maos persönlichen Einsatz im Kampf gegen die japanischen Usurpatoren.

„Doch den Krieg gegen die japanischen Besatzer führte vor allem die nationalistische Guomindang.“

Mao befahl seinen Revolutionär:innen Zurückhaltung. Er spekulierte auf die Schwächung des innerchinesischen Gegners. Maos Fazit lässt sich an Zynismus nicht überbieten:

„Hätten die Japaner nicht große Teile Chinas besetzt, wären wir heute noch in den Bergen.“

Mao erpresste die Bäuer:innen. Er entzog den Produzent:innen die Arbeitsleistung über das Existenzminimum hinaus, um in den sozialistischen Schwester- und Bruderländern Getreide und Fleisch gegen militärisches Know-how einzutauschen.

„Ganze Dörfer starben aus.“

„‚Die Toten sind nützlich‘, erklärte Mao … ‚Sie können den Boden düngen‘.“

Revolutionärer Hotspot

Die Altgenoss:innen der Kommunistischen Partei kümmern sich kaum um Verschleierungen dynastischer und feudaler Aspekte ihrer Herrschaftlichkeit. Die Veteranen der Gründer:innengeneration um Mao, Deng Xiaoping und Xi Zhongxun, deren Schwur in der Partisanenhochburg Yan‘an* auf ewig Gültigkeit besitzen soll, betrachteten die Jiang Zemins und Hu Jintaos als Figuren des Übergangs und der Vorläufigkeit.

*Im Norden der Provinz Shaanxi auf dem Löß-Plateau liegt Yan‘an am Gelben Fluss. Die Stadt ist ein revolutionärer Hotspot seit den Tagen des Zweiten Sino-Japanischen Krieges. Siehe ferner: Quelle

Wie ihre aristokratischen Vorgänger:innen sind die Repräsentant:innen der Gerontokratie aus der Steinzeit des chinesischen Kommunismus besessen von Langlebigkeit.

Aust und Geiges bezeichnen Longävität als „den höchsten traditionellen chinesischen Wert“.

Man dehnt die persönliche Spanne. Darüber hinaus überlebt man in seinen Nachkommen. Deshalb zählt für die greise Avantgarde „Blutsverwandtschaft mehr als Ideologie“.

„Ihr Vermächtnis (erfüllt) sich nur dann, wenn die nächste Führungsgeneration aus ihren eigenen Kindern besteht“.

Das bringt Xi Jinping ins Spiel. Seine ersten Sporen verdient er sich als Provinzfürst.

Roter Uradel - Auf dem Vorfeld der ersten Bewährung geht der Debütant durch die Hölle

Der Dynast Xi Jinping (Jahrgang 1953) ist ein Produkt der Kaderschmieden des roten Uradels. Führungspersönlichkeiten des Langen Marsches residieren fern des Volkes in einem abgesperrten Bereich des Palastbezirks in (der im Übrigen allgemein zugänglichen) Verbotenen Stadt.

Xi Jinping Vater „kämpfte als Guerillaführer ... an der Seite Maos“. Auch mit Xi Zhongxun verbindet sich „der Gründungsmythos des sozialistischen Chinas“. Die Mutter reklamiert den Veteraninnenstatus für sich. Sie war bereits als maobibelfeste Kindersoldatin im Einsatz. Später engagierte sie sich in der linientreuen Bildungsarbeit.

Seine Bilderbuchkarriere bewahrt Xi Zhongxun nicht davor, vorübergehend in Ungnade zu fallen. Um zu überleben, überbietet der Sohn eines Konterrevolutionärs alle Konkurrent:innen auf dem Feld des vorauseilenden Gehorsams.

„Sobald er den Mund öffnet, spricht Mao.“

Xi Jinping entgeht dem Terror der Roten Garden trotzdem nicht. Man sperrt ihn ein. Mit fünfzehn landet der vormalige Eliteschüler in der landwirtschaftlichen Produktion von Shaanxi, weit weg von seiner Heimatstadt Peking.

„Häuser stehen hier keine. Er zieht in eine Höhle ein.“

Autoritäres Krisenmanagement - Was zuvor geschah

„Die Revolution braucht nur zwei Instrumente, das Gewehr und die Gehirnwäsche.“ Ungefähr Mao

*

„Deutschland verzeichnet … siebzehn Mal so viele (Corona-)Tote wie China.“

In China deklariert man die Differenz als Triumph der Kommunistischen Partei. Um die Welt gehen Bilder, die zeigen, wie binnen Tagen „Krankenhäuser aus dem Boden gestampft werden“. Der serbische Präsident Aleksandar Vučić küsst aus Dankbarkeit wegen Hilfslieferungen die chinesische Flagge. Virologe Drosten lobt den chinesischen Regierungskurs. Das autoritäre Management in Kombination mit einer radikalen Digitalisierung sei geeignet, dem Virus Klarekante zu zeigen.

Das war doch der stärkste Eindruck, nachdem wir begriffen hatten, dass das Virus nicht auf China fixiert ist. Dass wir die Orwell’sche Dimension einer gleichgeschalteten Gesellschaft niemals erreichen würden, weil unterwegs (gemeinsam mit der Verfassungsessenz) das gute Deutschland auf der Strecke geblieben wäre.

Das Wort gewordene Achselzucken

Den Gipfel der Belanglosigkeit feiert der Volksmund in der Wendung: „Was juckt es uns, wenn in China ein Sack Reis umfällt.“

Das Wort gewordene Achselzucken überschreibt den Einstieg der Aust/Geiges-Analyse, die sich auf allgemein zugängliche Quellen stützt. Folglich ist die Rede von einer Fleißarbeit. Eine Antwort auf die rhetorische Floskel, in der sich eine anachronistische und ex-imperialistische Zentralperspektive verbirgt, lautet nach Aust und Geiges:

„Heute kann es die ganze Welt erschüttern, wenn in China jemand hustet.“

Die westlichen Asienstandardbegriffe haben zwei Wurzeln: den Exotismus und den Kolonialismus. Beide Hebel funktionieren nur auf dem Sockel der Suprematie. Der westliche Überlegenheitssockel besitzt musealen Charakter. Wir sind Spielfiguren auf dem chinesischen Brett.

Die Macht im Haus der Welt gehört China. Sie personalisiert sich in Xi Jinping. Die Autoren haben recht, wenn sie darauf hinweisen, dass die meisten Westler:innen bereits am Namen des neuen Master of the Universe scheitern. Sie halten den Vornamen für den Familiennamen.

Alles hätte auch anders kommen können - Pandemische Frühphase

Xi Jinpings Omnipotenz beweist sich in der Tatsache, dass er einen in westlichen Augen tödlichen Fehler politisch mühelos überlebt hat. Er unterwarf den pandemischen Informationsdiskurs der Staatsräson. Kein westlicher Regierungschef wäre mit diesem Kurs so einfach durchgekommen wie der Rote Riese.

Aust und Geiges skizzieren den Ausbruchsverlauf auf den Virusstartbahnen von Wuhan. Sie erinnern an eine gegängelte und dann auch wieder alleingelassene Bevölkerung in der pandemischen Frühphase. Jede, die Aufklärung betrieb, geriet in die Rolle einer Dissidentin. Nicht jede überlebt.

Das volkstümliche Korrektiv zu der offiziellen Kanonenrohrlinie, die jede Kritik als Insubordination verdammte, lässt sich kaum als demokratische Druckwelle darstellen. Die der Wahrheit verpflichteten Ärztinnen liefen Gefahr, alles zu verlieren, sobald sie der Partei widersprachen.

Xi Jinping ist die Person gewordene Partei in der zweiten Morgenröte der chinesischen Revolution. Der Konsum funktioniert als kapitalistischer Weichmacher einer Diktatur, die vom Geschichtsverlauf bestätigt und angehoben erscheint. In diesem Kanonisierungskonzept bleibt die Wahrheit eine Variable.

Die große Depression von Wuhan als Dystopie-Vorzeichnung

Was wahr ist entscheidet die Partei; alle Grenzen überschreitend. Im Kampf um die Deutungshoheit verlieren Aufrechte an Boden. Eine so moderate Autorin wie die Ur-Wuhanerin Fang Fang wurde isoliert und kaltgestellt. Aust und Geiges zitieren Fang Fang. Sie beschrieb die Situation nach der Abriegelung am 23. Januar: „Stille und Leere, als habe man auf die Stopptaste gedrückt“.

„Wuhan wurde angehalten.“

Die Stadt fällt in Agonie und Depression. Eine Dystopie zeichnet sich ab.

Eine Abschweifung im Dystopie-Präsens von Damals:

So stelle ich mir das Grauen vor. Auf der Suche nach einem freien Bett irren Infizierte von einem Krankenhaus zum nächsten. „Sie tragen das Virus überall hin.“ In welchem Horrorfilm haben wir das schon gesehen?

Der Shutdown stellt elf Millionen Bürger:innen schlagartig unter Quarantäne. Ich konsumiere den Vorgang als TV-Nachricht. Obwohl die Katastrophenolympiade meinen Horizont übersteigt und ich keinen Vergleich anstellen kann, stellt sich noch nicht einmal Ratlosigkeit ein. Ich ordne das Virus-Drama dem globalen Süden zu und verknüpfe die Seuchensuada unspezifisch mit Defiziten, die wir nicht haben. Dabei sehe ich im Fernseher Leute, deren qualifizierter Opfermut in meiner Umgebung ohne Beispiel ist.

Fang Fang, „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann, Hoffmann und Campe, 380 Seiten, 25,-

Fang Fang memoriert „all die unnötig Gestorbenen, all die traurigen Tage und Nächte“.

Die Chronistin fängt immer wieder von vorn an, sich im Virusland zu verorten und zu etablieren. Sie stützt sich ab und geht in die Schonhaltung kaum noch brauchbarer biografischer Gewissheiten. Ja, Fang Fang hat fast ihr ganzes Leben in Wuhan verbracht „und die Stadt nie mehr verlassen, seit ich als Zweijährige mit meinen Eltern von Nanjing hierhergezogen bin“.

Sie zieht den Kindergarten und die Grundschule heran. Sie erwähnt eine Zeit als Packerin im Viertel Baibuting. Seufzend sehnt sie sich nach dem unspektakulären Alltag zurück, der sie Jahrzehnte in der Spur hielt. Sie besingt den patriotischen Konformismus und das Glück, „an buchstäblich jeder Straßenbiegung Bekannte zu treffen“.

„Die Wurzelfasern (ihrer) Erinnerungen sind in (städtischen) Tiefen“ verankert.“

Das beschwört Fang Fang.

*

Aus der Ankündigung

Xi Jinping – der mächtigste Mann der Welt

Der lächelnde Unbekannte

China wächst weiter unaufhaltsam, ist aus der Corona-Pandemie sogar noch gestärkt hervorgegangen. Der Westen hingegen versinkt in Krise und Chaos. Mächtigster Mann der Welt ist heute nicht mehr der Präsident der USA, sondern Xi Jinping, Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Staatspräsident Chinas. Wie funktioniert der Funktionär, der eine Machtfülle auf sich vereint wie vor ihm nur Mao? Welche Rolle spielt seine Frau Peng Liyuan, Chinas bekannteste Volkssängerin und Sonderbotschafterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO)? Wie wurde er, wer er ist? Was hat er vor? Wie hält er es mit der Ökologie? Warum schafft er eine neue Seidenstraße? Was bedeuten seine Pläne für uns? Stefan Aust und Adrian Geiges zeichnen das faszinierende Porträt einer Persönlichkeit, die unser aller Leben beeinflusst.

Zu den Autoren

Stefan Aust, geboren 1946, ist einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands. Er begann bei der Zeitschriftkonkretund arbeitete dann viele Jahre beiPanorama, wo sein Bericht über ein verschwiegenes Todesurteil, das der Marinerichter Filbinger im Zweiten Weltkrieg gefällt hatte, zu dessen Rücktritt als Ministerpräsident führte. Er gründeteSpiegel TVund war 12 Jahre lang Chefredakteur desSpiegel, später Mitinhaber des Fernsehsenders N24 und Herausgeber derWelt. Er ist Autor zahlreicher Dokumentationen und Bücher. Sein BuchDer Baader-Meinhof-Komplex, erstmals 1985 erschienen, gilt als „Klassiker“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).

Adrian Geiges, 1960 in Basel geboren, berichtete als Fernsehkorrespondent aus Moskau, Hongkong, New York und Rio de Janeiro. In Shanghai leitete er die Tochterfirma eines großen deutschen Unternehmens. Dann war er viele Jahre Peking-Korrespondent des „Stern“. Er hat Chinesisch studiert, ist mit einer Chinesin verheiratet, sie haben zweisprachig aufwachsende Töchter und leben heute in Hamburg. Er ist Autor zahlreicher Bücher.

08:05 05.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare