Soziale Strangulation

Misogynie Kate Manne sieht in dem alten weißen Mann keinen von der Geschichte Abgeurteilten auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Ihre Abrechnung "Die Logik der Misogynie" ...
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Denn obwohl Misogynie häufig einen persönlichen Ton anschlägt, ist es am produktivsten, sie als politisches Phänomen zu begreifen.

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Nichts zeigt deutlicher das Ende einer Epoche an, als jene Frauenbilder, die in meiner Generation zur Identifikation einluden. Ich rede von Marilyn Monroe und Jayne Mansfield, deren Ikonografie in der gegenwärtigsten Lesart herabsetzenden und längst vom Markt genommenen Zuschreibungen geschuldet sind.

Der letzte Schrei von gestern verhallt nicht als geachteter Ladenhüter im kulturellen Gedächtnis so wie zum Beispiel religiöse Vorschriften, die durch Jahrtausende geschleppt und bis auf den heutigen Tag nicht ausgemustert wurden.

Kate Manne, „Down Girl. Die Logik der Misogynie“, aus dem Englischen von Ulrike Bischoff, Suhrkamp 497 Seiten, 32,-

Die Radikalität der Verhältnisse, die das Jetzt definieren, lässt sich daran erkennen, dass sie die Vergangenheit einfach abstoßen und alle Anschlüsse verweigern.

Auf den Klippen der Zukunft sieht man bereits die bleichen Gebeine jener weißen alten Männer, für die Frauen bloß Unter-Gebene waren. Die gebende Frau, die sich nicht unverfroren zeigen darf, ist eine von Kate Manne untersuchte Figur der institutionalisierten Degradierung. Die Gebende legitimiert sich dienend und erfüllt so die Erwartung von Männern, die sich von Frauen Trost versprechen und das Versprechen aus einem Anspruch ableiten.

Manne sieht in dem alten weißen Mann keinen von der Geschichte Abgeurteilten auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Vielmehr steckt, so die Autorin, in seinem Portfolio die Macht an den Hashtagbarrieren der neuen sozialen Bewegungen vorbei, Forderungen durchzusetzen. Eine misogyne Struktur unterstützt seine Suprematie und schmälert die Möglichkeiten von Frauen, Wirkungen der Misogynie öffentlich darzustellen. Manne, die Moral- und Sozialphilosophie lehrt, beschäftigt sich mit sozialen und physischen Strangulationen. Die Täter kommen aus dem gesellschaftlichen Nahbereich ihrer Opfer, oft sind es Intimpartner. Sie üben eine schwer beweisbare Gewalt aus.

Darum geht es Manne.

Die Strangulierte wird in dem Vakuum der Rechtlosigkeit zum zweiten Mal Opfer. Manchmal geht diese Krise ohne Katharsis wie ein Schauspiel über die Gesellschaftsbühne – und zwar sowohl zur Belehrung als auch zur Abschreckung. Öffentlich gemachte Übergriffe wie Vergewaltigungsvorwürfe, die gegen den Ehemann erhoben werden, erscheinen vor Gericht so hinfällig, dass ihre Dementierung sich beinah von selbst versteht.

Die Misogynie sitzt im Recht und auf jedem Amtsträgerstuhl. Sie ist ein Allgemeinplatz in ihrer alltäglichen Banalität. Sie beruft sich selbst ein, wenn die Ordnung gestört wird, indem ein Mächtiger unter Druck gerät, weil eine Angegriffene, die ihr Heil in der Anzeige sucht, nicht gleich alles wieder zurücknimmt und das Gegenteil behauptet.

Manne beschreibt, wie absurd und pervers solche Volten sind. Sie zielen überhaupt nicht darauf, dass zunächst angezeigte Geschehen unglaubwürdig wirken zu lassen. Die Rücknahme wird als Reaktion auf die Machtverhältnisse interpretiert. In der Bestätigung der Verhältnisse erschöpft sich die Funktion der Rücknahme. Das macht es so schwer, zu unterscheiden, was sich von Misogynie unterscheiden lässt.

Darauf weist Manne hin.

Ist die feministische Untersuchung gerechter/neutraler als der untersuchte Gegenstand, wird die Untersuchung dem Gegenstand nicht gerecht. Ein gutes Beispiel dafür liefert der 2014er-Isla-Vista-Exzess von Elliot Rodger. Rodger tötete sechs und verletzte dreizehn Personen, bevor er sich umbrachte. Da unter den Toten mehr Männer als Frauen waren, tendierte die allgemeine Bewertung dahin, Misogynie als Motiv auszuschließen. Manne beschreibt, wie die Gesellschaft zum Gaukler wird, sobald sich ihr eine Gelegenheit bietet, Misogynie unter den Teppich zu kehren und ein anderes Motiv aus dem Camouflage-Hut zu zaubern.

Rodger, der sich zurückgesetzt und übergangen fühlte, wollte „am Tag der Abrechnung … (zuerst) die heißesten Bräute“ töten und dann jeden, der ihm vor die Läufe kam. Er war nur deshalb von seinem Vorhaben teilweise abgehalten worden, weil das Verbindungshaus für weibliche Studierende, das er zuerst angesteuert hatte, von ihm nicht betreten werden konnte.

Manne erklärt, dass in der Verrechnung des Amoklaufs als unspezifische Hasstat eine misogyne Strategie steckt.

08:39 01.04.2019
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