Sozialer Karies

Literatur Julian Barnes lässt in seinem jüngsten Roman „Die einzige Geschichte“ den Studenten Paul im Kreisverkehr einer Sommerferienaffäre an den Ausfahrten vorbeirauschen.
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Blick auf den Bodden morgens um sechs

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Ihre Töchter sind älter als der neunzehnjährige Liebhaber. Susan Macleod lebt mit einem Ehemann, den sie „Mister Elefantenbuxe“ nennt, auf einem Feldherrenhügel unter den Londoner Einflugschneisen. Ihre Gegend verstärkt in jeder Hinsicht das konservative Lager. Ein Laden, der kontinentale Lebensmittel anbietet, erscheint im Village bemerkenswert. In diesem Milieu dreht sich alles darum, die Regler der Zugehörigkeit nicht zu verstellen.

Julian Barnes, „Die einzige Geschichte“, aus dem Englischen von Gertraude Krueger, Kiepenheuer & Witsch, 303 Seiten, 16,99 Euro

Man bewahrt sich seine Vorurteile. Da ist die Kraft, den Nachwuchs auf einen schmalen Kurs des richtigen Verhaltens zu zwingen. Die Rebellion der Jugend wird von reaktionären Bestimmern kleingehalten.

Eine Distinktionsfrage lautet: Golf oder Tennis?

Die Auswahl ist größer, man könnte als Debütant auch beim Kricket stümpern. Paul entscheidet sich für Tennis, obwohl sein Vater golft. Er betritt die Club-Arena mit einem „guten Händchen“, einem beachtlichen Siegeswillen und einer ungehobelten Manier. Bald darauf ist er in Susans festen Händen.

Barnes nimmt einen langen Anlauf, in dem das Paar bereits praktiziert und zugleich den Rahmen seiner Liebespraxis zurechtzimmert. Der Autor zieht der erinnerten Gegenwart des Anfangs eine lange Linie. Fast dreißig Jahre Altersunterschied prägen ein Verhältnis, in dem Susan und Paul „quasi jungfräulich“ zueinander Vertrauen fassen. Paul hatte seine Initiation im universitären Kontext, „Susan war, obwohl sie zwei Kinder hatte und seit einem Vierteljahrhundert verheiratet war, nicht erfahrener als ich“. Das unterscheidet Susan von Mrs. Robinson, die den Collegeabsolventen Benjamin Braddock in der „Reifeprüfung“ kaltherzig und erfahren bis zum Überdruss verführt.

Trotzdem liefert die „Reifeprüfung“ Barnes „Geschichte“ eine Koloritvorlage. Man sieht den sozialen Karies einer Klasse; ihre bröckelnden Gewissheiten vor glänzenden Fassaden. Die letzte Stunde der uneingeschränkten Herrschaft des alten weißen Mannes ist angebrochen. Pauls juvenile Perspektive zeigt das zumal in der Wahrnehmung des gehörnten Hausherrn Gordon Macloud. Paul wird nicht müde, den Garanten einer versinkenden Welt gleichermaßen lächerlich und überlegen zu finden.

Er beschreibt lange zurückliegende Ereignisse. Ein Greis bedenkt eine vergangene Hybris. Das Alter selbst entspricht einer Schändung nach Art der Partialwüstungen. Davon weiß der Student nichts, der im Kreisverkehr einer Sommerferienaffäre an den Ausfahrten vorbeirauscht. Gordon konfrontiert ihn auf hinterhältige Weise mit den Konsequenzen des Vergnügens.

Die „Ehebrecherin“ und ihr „Gigolo“ erscheinen bald als aus dem Village Verbannte in schäbigen Verhältnissen, noch vor der Gentrifizierung einer abgerockten Gegend von London, aber schon mit Kebab im Angebot der Buden. Paul gerät in Bedrängnis, Susan lässt ihn mitunter vor ihren Türen stehen. Mit ihrem gewalttätigen Gatten verbindet sie mehr als sie zuzugeben bereit ist.

Nun wechselt Paul zwischen Ich und du. „Du weißt,“ dass Susan mit Joan (der Schwester ihrer Jugendliebe) Gin und Sherry trinkt (und sich dann ans Steuer setzt), und „du weißt“, dass Susan nicht immer bei Joan war, wenn sie das behauptet. „Du weißt“, dass Susan Gefallen am Alkohol gefunden hat. Schließlich erzählt Paul auch in der dritten Person: ich, du, er - sie kommt nicht mit, sondern verfällt.

Barnes lässt Paul nicht begreifen, dass Susan das Opfer für ihre gemeinsamen Überschreitungen und Durchbrechungen der Village-Ordnung mehr oder weniger allein bringt. Paul schreitet aus.

10:08 26.03.2019
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