Soziales Moos

Hila Blum hat einen großartigen Roman geschrieben - "Der Besuch"
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„Ein Drama aus Metall“ geht als Jaguar in Frankreich auf die Erzählstrecke. Ein größeres Drama droht, wenn Nili ihre Wohnung verlässt. Vor „der Drohung am Ende des Korridors“ fürchtet sie sich jeden Morgen. Entgegen geläufiger Wahrnehmung, lokalisiert sie die Wohnungstür nicht am Anfang der Häuslichkeit. Vielmehr verlieren an dieser Tür alle Garantien ihre Gültigkeit. Das ist die Matrix von Hila Blums erstem Roman „Der Besuch“. Das Debüt handelt von der hereinbrechenden Welt und ihrer zerstörerischen Kraft. Einem unberechenbaren und grundsätzlich feindlichen Außen setzt Blums Heldin Nili Schoenfeler Wohnung & Familie ausdrücklich als Panzerungen entgegen. Die Rede ist von zwei Tagen im Sommer – Jerusalem kollabiert in der Hitze eines Backofens und ein Junge kommt nicht nach Hause. Eine gewaltige Suggestion steckt in diesem Romananfang. Das Foto des verschwundenen Kindes füllt den Texthorizont bis zum Ende. Der sorgsam von einer eingewanderten Mutter gezogene Scheitel soll den Sohn aus der Zweifelhaftigkeit seiner fernen Herkunft in die fremde Mitte der israelischen Gesellschaft befördern. Seht her, sagt der Scheitel, ich bin eure akkurate Zukunft. Die Suchmeldungen spornen Nilis Befürchtungen an. Die Befürchtungen sind schwarz. Ihr Familienpanzer fährt mit stotterndem Motor. Gerade da, wo die Dinge feststehen und Unwägbarkeiten keine Rollen spielen sollen, strudelt alles im Fluss. Eine Tochter wäre nach einem Anfall beinah gestorben, sprachlos kam sie aus der Umnachtung. Die Schwester ist verrückt, die Mutter dement. Der Mann könnte ein Verhältnis haben, es gibt eine hochbegabte Tochter aus Natis erster Ehe. Die erste Ehe birgt Rätsel für die zweite Frau. Das ist ein Kessel Buntes, aber kein Panzer. Wie soll so ein Verein Schutz bieten? Darauf besteht Nili gleichwohl, zweifellos im Auftrag der Autorin.

Nili repräsentiert gehobenen Mittelstand. Sie arbeitet in einem Verlag an der Grenze zur Unterhaltungsliteratur als Übersetzerin. Sie kümmert sich um ihre Mutter im Heim, sie sorgt sich um ihre verreisten Kinder. Die epileptische Tochter saugt bei der irren Tante Uma „Sonne aus der Luft“ am Strand von Eilat. Stieftochter Dida besucht ihre Mutter in Amsterdam. Nili fürchtet Natis Untreue, obwohl sie selbst eigene Wege beschreitet. Der Roman lässt offen, wie weit Nili geht. Er präzisiert jedoch einen Punkt: Sex gehört in Nilis Kosmos zur sozialen Kompetenz. Sie erwartet und liefert stetig frische Buketts der Hingabe. Ausflüge in die Gleichgültigkeit beleidigen sie. Einem Gähnen des Gatten vor vielen Jahren folgen Nachspiele bis zur Handlungsgegenwart.

Nili rollt die Charaktere der Angehörigen und Assoziierten retrospektiv aus. Aufgegebene Lieben wirken nach, ein Verflossener „lauert auf eine Lücke in ihrem Leben“. Einmal im Jahr geht sie mit ihm essen. Männer, die sich zur Verfügung halten, sind vielleicht auch nur ein Mädchenmärchen, denke ich. Da schreibt eine ihre Biografie schön. Warum auch nicht?

Das Sprechen über die Familie und ihre Anlagerungen, das soziale Moos aus gescheiterten und gar nicht erst zustande gekommenen Ehen, aus Verwandten und Rivalen und Anschlägen, wäre uferlos, säße es nicht fest in einer Kathedrale, so wie Diamanten über ihren Ringen in Kathedralen einspannt sein können. Eine Form der Fixierung auf der Basis von Kunst & Handwerk - Hila Blum beherrscht sie.

Ein Anruf wird zum Stein des Anstoßes. Der Anruf führt das Ehepaar zu einem Fehler in seinem Betriebssystem. Zu einer überspielten Dissonanz. Zu einer Bindegewebsschwäche ihrer Beziehung. Man hält die Irritation so sorgsam voreinander verborgen, dass Nili & Nati in dieser Angelegenheit zu Bauchredner werden. Das Paar steht vor einer Krise, da Jesaja Duclos der Anrufer war. Er hat sich einmal so hilfreich wie überheblich vor den Schoenfelers aufgespielt, im Pariser Edelschmeck „La Soupière d’Or“. Damit war eine erotische Aufladung verbunden, zum Nachteil von Nati. Er nahm mit Beischlafsverweigerung als einziger Maßnahme hin, dass seine Braut von Duclos affiziert wurde. Affiziert von der Omnipotenz eines Big Spender. Kein Mann möchte hinter diesen Vorhang sehen, Hila Blum reißt ihn trotzdem auf.

Zur Verlobung hatte Nataniel Schoenfeler, Computergenie mit Kutscherhänden, Nili in Paris schick eingeladen. Als es im „La Soupière d’Or“ ans Bezahlen ging, fehlten ihm die Scheine. Sein Portemonnaie war weg, jahrelang glaubte er, es in der Oper liegengelassen zu haben. Er lief sofort Gefahr, seinen Kredit bei Nili zu verspielen. Der peinliche Klimax markierte Nati als Versager. Das macht den „Besuch“ großartig: Nicht gnädig, sondern grausam ist Nilis Perspektive, wenn der Verlobte am Superformat seiner Balz (der Besuch eines viel zu teuren Lokals) scheitert. Das schildert der Roman ohne fromme Floskeln. Das frische Paar sitzt am Tisch wie zu Gericht (über seine Verfassung) es ist der letzte Abend in Paris, Nili & Nati leben über ihre Verhältnisse zur Beschwörung einer segensreichen Zukunft … und dann das, Nati kann nicht geradestehen für sich und Nili. Duclos springt ihm bei. Jedenfalls legt der Anschein diese Deutung nah. Mehr wird nicht verraten.

Hila Blum, „Der Besuch“, Roman, Berlin Verlag, 413 Seiten, 22.99 Euro

04:30 07.08.2014
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