Spaltprodukt des Unbehagens

Urlaub/Migration Vielleicht war es nur eine Ferienlaune; das Spaltprodukt des Unbehagens an der eigenen, in ihrem Wohlstandsfett lächerlich eingepackten ...
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Vielleicht war es nur eine Ferienlaune; das Spaltprodukt des Unbehagens an der eigenen, in ihrem Wohlstandsfett lächerlich eingepackten, an Smartphone-Zitzen saugenden Familie. In den letzten Tagen hatte es sachte Kontaminationen mit archaischem Elend im Rahmen holzig-bäurischer Ensembles gegeben. Jetzt war man auf der Heimreise. Die Überfahrt versprach einiges. Seit Tagen nahm Austin Abstand von seinem Prinzessinnenverein auf dem Erbsenball. Er suchte nach einem inneren Ausweg.

Austin war der Held einer Wiederholungsgeschichte. Das war die Dublette eines schon einmal geführten Lebens, in der nur er gealtert war. Niemand hatte ihm vorausgesagt, wie hoch der Preis dafür sein würde. Seine in der Elmstädter Nachbarschaft zusammengefaltete, in reduzierten Verhältnissen abgestellte Ex hielt sich als Yoga-alerte Solistin unerwartet gut. Sie verstand sich weiterhin mit ihren Töchtern, die vom Erzeuger(das war ein gemeinsames Wort der Töchter) nichts mehr wissen wollten. Als Papa dieser Monster hatte Austin eine große Zeit der Bewunderung gehabt. Er vermisste die Inbrunst des Einundalles. Wie gesagt, Austin hatte das alles noch einmal aus dem Boden gestampft, wenn auch nicht nur noch mit halben Erektionen und unausgesprochenen Zweifeln. Wie alle Männer, die gesehen haben, wie Steine zerspringen, weil da ein Wille ist, blieb er in seinen Formbegriffen unbestechlich. Immer noch verführte ihn die höchste Qualität, ob beim Spargel oder bei Marmor. Er gehörte zu jenen, die glauben, das Beste sei gerade gut genug. Die selbstverständlich viel jüngere zweite Ehefrau war Austin zunächst wie etwas erschienen, dass ihm zustand, eben so wie der beste Spargel im Besonderen und ein unbeschwerter Luxus im Allgemeinen. Jedenfalls fühlte sich Austin mit der Armut der Anderen nicht verbunden.

Er beobachtete eine Geflüchtete. Er ging der offensichtlich blinden Passagierin nach. Er versorgte sie bald in ihrem Versteck. Eines Tages stand die Geflüchtete vor ihrem Wohltäter in Elmstädt. Es war Dezember. Mit allem hatte Austin gerechnet, nur nicht mit jener fordernden Selbstverständlichkeit, die ihm wie ein Angriff entgegenschlug. Schlagartig begriff Austin seinen Fehler. Er hatte sich hinreißen lassen. Er war verstrickt. Nun würde er um Selbstverständlichkeiten kämpfen müssen.

Harndrang - Was zuvor geschah

„Die Schönheit der Formulierung eines barbarischen Tatbestands enthält Hoffnung auf die Utopie.“ Bertolt Brecht

Der aus Kassel gebürtige, in Elmstädt an der Eder wohlbestallte Neurologe Austin Nakamura sieht im erholten Kreis seiner Familie dem Ende eines sardinischen Sommers entgegen. In Erwartung einer Fähre, alarmiert von Potenzstörungen und andauerndem Harndrang - und schwankend zwischen väterlicher Sorge und familiärem Behagen - zitiert Austin zum Trost und nicht ohne Trotz Tolstoi: „Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.“

Dem familiären Publikum fehlt jedes Interesse, um zu ergründen, wie Austin den Anfang von Anna Karenina auf seine Verhältnisse münzt. Unter anderem ist da die viel jüngere Schwester Kerstin Nakamura; gefangen in der Rivalität mit Austins zweiter Frau Lilja Virtanen-Nakamura; einer Krankenschwester, die als Ehezerstörerin in diesem Stück auf dem Sims leichter Lebensart balanciert. Liljas Unbeschwertheit trifft manche Leute härter als die schlimmste Beleidigung. Sie können ihr auf den Kopf zu sagen, dass sie sich in ein (nicht für sie) gemachtes Nest gelegt hat. Mehr als ein Achselzucken werden Sie nicht ernten.

Austin leidet darunter, Lilja gegenüber nicht mehr der Mann zu sein, den er seiner ersten Frau Tashima zugemutet hat. Austin strunzte lange als doppelt promovierter Penisprotz und Porschepilot (mit mehr Haaren auf der Brust als andere auf dem Kopf tragen) durch die Welt. Die im Augenblick abwesende, insgesamt aber noch sehr präsente Tashima beneidet ihre Nachfolgerin nicht um den tropfenden Trottel.

Bald mehr.

08:01 11.12.2020
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