Spiritueller Hartkäse

Tibet Die Gardist*innen aus den Reihen der chinesischen Besatzer*innen ignorieren das bewährte Bäuerinnenwissen der Tibeter*innen. Die landwirtschaftlichen Experimente der ...
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Viehzucht in großer Höhe

Die Gardist*innen aus den Reihen der chinesischen Besatzer*innen ignorieren das bewährte Bäuerinnenwissen der Tibeter*innen. Die landwirtschaftlichen Experimente der Usurpator*innen sind zum Scheitern verurteilt. Verordnete Pflanzungen verkümmern. Alpine Weidelagen bleiben ertraglos unter dem Pflug. Ein Fluch liegt auf den Neuerungen. Man zwingt Halbnomad*innen, „ihre Tiere Kollektiven zu überlassen, die sie nicht am Leben erhalten können, und Land zu bebauen, auf dem nie etwas gedeiht“.

„Auf einstigen Weiden liegt nach erfolglosen Anbauversuchen die nackte Furche bloß, schutzlos den Winden ausgeliefert, die über die Hochebene fegen und nur noch Staub aufwirbeln. Die kommunistischen Kader wollen nicht einsehen ...“

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Ratsang Wangchen

Maos Langer Marsch interpretieren Strateg*innen als einen Weg zum Sieg durch Vermeidung von Schlachten. Diese Deutung verschluckt den Bürger*innenkrieg, der sich mit den Absetzbewegungen verband. Die revolutionäre Kuli-Armee fraß den Kleinstwiderstand bäurischer Abwehr. Sie war ja nicht nur auf der Flucht vor den Soldaten des Generals Chiang Kai-shek. Vielmehr exekutierte sie einen Feldzug mehr oder weniger auf heimischem Boden. In Lumpen und am Ende erreichte eine Abteilung Tibet. Da stellte man sich den Usurpatoren entgegen. An die Spitze des Widerstands befahl sich Ratsang Wangchen. 1935 errangen Tibeter unter seinem Kommando den einzigen Sieg gegen die vagabundierende Rote Armee.

Delek Wangchen

Der große Tibeter stirbt zu seinem Glück, bevor die Dinge eine katastrophale Wendung nehmen. Anfang der 1950er Jahre greifen chinesische Kader in die tibetische Landwirtschaft ein, und der kaum schulreife Sohn des Berühmten begreift in kindlicher Weisheit, „dass Maos Reformen scheitern (müssen). Die (Funktionäre), die die Tibeter anleiten sollen, haben keine Ahnung von Viehzucht und erst recht nicht vom Ackerbau in derartigen Höhenlagen.“

Barbara Demick, „Buddhas vergessene Kinder. Geschichten aus einer tibetischen Stadt“, Droemer-Knaur, 22,-

Gleich mehr.

Tibetischer Triumph

Ratsang Wangchen starb beizeiten. Man schaffte den Leichnam auf einem Yak zum Kloster und Bön-Schrein Amchok Tsenyi* – einer Marke des tibetischen Triumphs in der Abwehr der bewaffneten Vagabund*innen aus dem Reich der Mitte.

*„1977 wurde der Bön von der tibetischen Exilregierung und vom Dalai Lama offiziell als fünfte spirituelle Schule des Tibetischen Buddhismus anerkannt.“ Wikipedia

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In den 1970er Jahren notierten Lehrer*innen Termine in ihrem Mao-Kalender, der, glaube ich, im Rotbuch Verlag erschien. Lächelnd verbreiteten sie martialische Binsen. Ich erinnere Maos Wort von der Macht aus den Gewehrläufen. Der Lange Marsch gehörte zu den Heldenerzählungen im Unterricht. Da waren, in der Lesart linker Lehrer*innen, nur Entbehrungen, die mit einer unvorstellbaren Leidensbereitschaft gemeistert wurden. Barbara Demick transformiert die historische Trotzreaktion, die Strateg*innen als Sieg durch Vermeidung von Schlachten interpretieren. Sie erzählt von einem Bürger*innenkrieg. Die revolutionäre Kuli-Armee fraß das Land kahl. Sie war ja nicht nur auf der Flucht vor den Soldaten des Generals Chiang Kai-shek. Vielmehr exekutierte sie einen Feldzug, der die Bevölkerung ins Elend stieß. In Lumpen und am Ende erreichte eine Abteilung Tibet. Man stellte sich den Usurpatoren entgegen. An die Spitze des Widerstands befahl sich Ratsang Wangchen. 1935 errangen Tibeter unter seinem Kommando den einzigen Sieg gegen die vagabundierende Rote Armee.

Barbara Demick, „Buddhas vergessene Kinder. Geschichten aus einer tibetischen Stadt“, Droemer-Knaur, 22,-

Das wollte ich gar nicht erzählen. Mein Punkt war eben ein anderer. Ratsang Wangchen starb beizeiten. Man schaffte den Leichnam auf einem Yak zum Kloster und Bön-Schrein Amchok Tsenyi* – einer Marke des tibetischen Triumphs in der Abwehr der bewaffneten Habenichtse* aus dem Reich der Mitte.

*„1977 wurde der Bön von der tibetischen Exilregierung und vom Dalai Lama offiziell als fünfte spirituelle Schule des Tibetischen Buddhismus anerkannt.“ Wikipedia

Mir ging es nur um die „traditionelle Himmelsbestattung“.

Man tranchiert den Leib und überlässt die Einzelteile den Geiern. Demick hat völlig recht, wenn sie die Methode ökologisch astrein findet. Der Körper geht rückstandslos in den ewigen Kreislauf. Man überlässt ihn den Elementen, „ohne das Land aufzugraben, Wasser zu verschmutzen oder für die Verbrennung einen Baum zu fällen“.

*
„Ratsang Wangchens Sohn Amdo Delek (wird) am 15. August 1949, sechs Wochen vor der Proklamation der Volksrepublik China, in Meruma geboren.“
Seine Mutter pilgert jahrelang zu den Knochen ihres Gatten. Der Weg zieht sich, zumal rituelles sich-auf-den-Boden-schmeißen die Sache dramatisch in die Länge ziehen.
Delek kommt bei einer Oma unter. Demick schreibt elegisch: „Nachts (teilte er) das Bett mit seiner Großmutter und nuckelte an ihren verschrumpelten Brüsten.“

Prinzessin Gonpo greift nach den Sternen

Die Bohnengang

Schon als Baby beweist Prinzessin Gonpo ein starkes Autonomiebestreben. Sie robbt bei jeder Gelegenheit davon. Die Kinderfrau bindet dem herrschaftlichen Nachwuchs eine Glocke um, dass ihr die Kostbare nicht abhandenkommt. Sonst wäre sie wohl vom König eigenhändig geköpft worden. Wir schreiben das Jahr 1958, man ist noch sehr mittelalterlich im Hochland von Tibet. Später führt Prinzessin Gonpo eine Gang von Halbwüchsigen an, die im königlichen Garten widerrechtlich Bohnen erntet. Geleitet von einem starken demokratischen Impetus, gräbt Gonpo ihrem Überfluss einen Kanal hin zu den Armen.

Prinzessin Gonpo kennt keinen Dünkel und erscheint trotzdem erhaben.

Sie spielt Fußball mit Mönchen, auch mit solchen, die man für reinkarnierte Superspreader der Spiritualität hält. Besonders gern mag sie einen, der „alsTulku, als Wiedergeburt eines Lamas“ gilt. Erwachsene behandeln ihn „mit großem Respekt“, das dynastische Superbewegungstalent kennt keine Scheu.

Einsiedlerkönigreich

Lange war Tibet das heimlichste Land der Welt. Es existierte im mythischen Abschluss in einer exemplarischen Landschaft von erdgeschichtlicher Wucht.

„Über Jahrhunderte hinweg wurde Tibet als ein Einsiedlerkönigreich bezeichnet, als ein Land, dessen Wunder ...“ So eröffnet Barbara Demick ihren wunderbaren Reportage-Reigen. Doch gleich darauf stellt sie fest: In Ngaba, einer tibetischen Stadt mit 15 000 Einwohnern und einem von ungefähr 73 000 Bürger*innen bevölkerten Landkreis, halten die chinesischen Streitkräfte fünfzigtausend Soldat*innen in Bereitschaft.

Ngaba liegt 3300 Meter über dem Meeresspiegel. „Das Zentrum besteht lediglich aus einer schmalen, städtisch angehauchten Schneise durch endloses Grasland.“ Chinesische „Fortschrittshörigkeit“ stempelt Ngaba.

Demick berichtet, wie sie die Himalaya-Perle zum ersten Mal in räumlicher Ferne wahrnimmt. Im nächsten Augenblick fokussiert sie eine Szene in historischer Ferne. Die Journalistin erzählt von der tibetischen Prinzessin Gonpo, die 1958, kaum siebenjährig, auf Marken der Fremdherrschaft stößt. Neun Jahre nach Mao Tse-tungs Durchmarsch sind Feldlager der Volksbefreiungsarmee keine Seltenheit im Hochland.

Prinzessin Gonpo ist die Tochter eines Mannes, der in seiner Gesellschaft die Rolle des „ehrwürdig-unerschütterlichen Erleuchteten“ spielen sollte. Ihre Familie stellte in vierzehn Generationen den Regenten von Ngaba im Königreich Mei. Dynastisch erkaltet, gehört die theokratische Einheit nun der volksrepublikanischen Provinz Sichuan an. Die Okkupanten machen sich sogar auf dem Anwesen der Aristokraten breit.

Gonpo wächst nicht in einem Palast auf, sondern in einer Festung; „in Bodenhöhe (sind) die Wände bis zu drei Meter dick und (verjüngen) sich im Innern zum Dach hin, damit sie im Fall eines Erdbebens besser (standhalten).“ Die Prinzessin trägt das Gebaren eines unbändigen Jungen zur Schau. Man rasiert ihr beinah den Schädel, während die Frisur ihrer Mutter ein Kunstwerk ist, an dem Bedienstete zwei Tage arbeiten.

Gonpo reitet selbstständig von Geburt an. Sie hat selbstverständlich ihr eigenes Pferd. Wie angegossen sitzt sie im Sattel; vielleicht sogar ein bisschen hochmütig. Wer will es ihr verdenken: bei der Herkunft.

Gonpos königlichem Vater spielen die Chinesen übel mit. Maos Soldaten schwärmen auf tibetischem Territorium aus.

Perlen so groß wie Trauben

War er Oberst? Jedenfalls hieß er Younghusband*. 1903 expandierte er über die nordindische Grenze und überzog Tibet mit dem Schrecken, den koloniale Expeditionscorps weltweit verbreiten. Younghusband scheiterte als Eroberer. Die Intervention erinnerte das erschlaffte chinesische Imperium an seine tibetischen Interessen. Die militärisch ausgebrannte Qing-Dynastie sah sich gerade noch zu einer Invasion in der Lage, die dem hochländischen Mündelstaat die letzten Freiheiten raubte. Man bestellte den alten Zhao Erfeng zum Kommandanten. Dessen Soldaten legten eine Brandspur. Sie verheerten sakrale Anstalten. Der Dalai Lama installierte sich wieder im System, übrigens in der Gesellschaft von Sven Hedin, der als tibetischer Hirte auftrat. In einem Interview erklärte der schwedische Weltmann: „Derzeit befindet sich Tibet in den krampfartigen Händen der chinesischen Regierung.“ Es gab ein Hin und Her, am Ende enthaupteten Marodeure aus den Reihen der Besatzungsarmee ihren Oberbefehlshaber Zhao. So endete vorübergehend die chinesische Herrschaft in Tibet. Ziemlich genau ein halbes Jahrhundert später erlebt Prinzessin Gonpa im zarten Alter von sieben Jahren ein Usurpationsremake.

*Sir Francis Edward Younghusband (* 31. Mai 1863 in Murree, Indien; † 31. Juli 1942 in Lytchett Minster, Dorset, Vereinigtes Königreich) war ein britischer Forschungsreisender, Offizier, Religionsphilosoph und Sachbuchautor. Wikipedia

Prinzessin Gonpo trägt Perlen so groß wie Trauben. Zuhause ist sie in einem Lehmziegelschloss, dessen Foyer tausend Mönchen Platz gibt - bei Zeremonien zu Ehren ihres königlichen Vaters Palgon Rapten Tinley.

Der gute Mann herrscht über das Volk der Mei im tibetischen Hochland.

In einer berittenen Nacht des Jahres 1958 kehrt die süße Aristokratin von einer Reise heim, um indigniert vor ihrem Schloss Soldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee zur Kenntnis nehmen zu müssen. Stellen Sie sich das einmal vor. Sie als Prinzessin kommen von einem langen Ritt heim und auf dem Hof lärmen lauter kommunistische Anti-Tibeter*innen.

Prinzessin Gonpo erleidet das Schicksal einer Deportierten und Degradierten. Man isoliert sie in den entlegensten Winkeln und zwingt sie zu den schwersten und niedrigsten Arbeiten. In einem Weiler an der Grenze zur Sowjetunion erfriert sie beinah.

Ankündigung

Die preisgekrönte Journalistin und China-Kennerin Barbara Demick erzählt von Tibets Schicksal unter der chinesischen Herrschaft. Sie gibt ergreifende wie verstörende Einblicke in das Alltagsleben von acht Menschen, deren Leben die Geschichte eines ganzen Volkes und dessen Wunsch nach Freiheit widerspiegeln. Sich selbst verbrennen oder nicht? Der Junge hadert. Sein bester Freund hat es bereits getan – aus Protest gegen die chinesische Regierung, die Tibetern jeglichen gesellschaftlichen Aufstieg verwehrt, ihre Freiheit beschneidet und ihre Kultur zerstört. Barbara Demick schildert in ihrer bewegenden Reportage das Schicksal von acht Menschen, die in der ost-tibetischen Stadt Ngaba leben – einer Stadt, die als Zelle des Widerstands gilt und nicht zuletzt wegen der vielen Selbstverbrennungen besonders unter chinesischen Repressalien leidet. Die berührenden Lebensgeschichten geben tiefe Einblicke in den tibetischen Alltag abseits der touristischen Sehnsuchtsorte. Es ist ein Alltag, der geprägt ist vom Kampf zweier Kulturen, vom Ringen Tibets um politische Selbstbestimmung und kulturelle Identität, von Unterdrückung und Gewalt, von verborgenem Leid und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Eine eindrückliche Hommage an die Menschen in Tibet.

Zur Autorin

Barbara Demick ist eine renommierte amerikanische Journalistin, die ab 1986 für "The Philadephia Inquirer" tätig war, unter anderem als Korrespondentin im Nahen Osten. 2001 ging sie für die "Los Angeles Times" nach Seoul, von 2007 bis 2016 arbeitete sie als Korrespondentin in Peking. "Im Land des Flüsterns" wurde mit dem Human Rights Book Award ausgezeichnet. Bei Droemer ist von Demick zudem das aufrüttelnde Buch "Die Rosen von Sarajevo" erschienen.

05:25 02.02.2021
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