Staatsmännische Attitüde

Jane Jakarta Die Aktivist:innen stehen im Wettbewerb mit Putzkolonnen der Stadtverwaltung. Flüchtigkeit ist der zweite Name jeder lyrischen Intervention im öffentlichen Raum.
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„Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern“, Rilkes Grabsteininschrift

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“You’re never going to win. It’s all about avoiding loss. That’s all. There’s no win.” Aus einer YouTube-Kommentarspalte, Quelle: JimmyPage Morrison

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„Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles“, Rainer Maria Rilke

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„In das Herz der Bestie (Rassismus)“ soll ein Pflock getrieben werden. Das erzählt James Meredith Jahrzehnte später der Philosophin Susan Neiman. Merediths Militärpathos geht Neiman auf die Ketten. Sie darf auch nicht einfach gehen, sondern wird als Aufmerksamkeitsspenderin zur Geisel des Übersprudelnden.

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Die Stadt als Parcours

Die Aktivist:innen stehen im Wettbewerb mit Putzkolonnen der Stadtverwaltung. Flüchtigkeit ist der zweite Name jeder lyrischen Intervention im öffentlichen Raum. Jane Jakarta jagt wie die Teufelin hinter der armen Seele den Schriftbildern und deren Urheber:innen nach. Die in Frankfurt am Main geborene Tochter tscherkessischer* Eltern, so steht es geschrieben in einer ihrer Wahrhaftigkeit zum Trotz irreführenden biografischen Bemerkung, tarnt sich zurzeit als examinierte Citygroove-Moverin aka Climb & Jump Yoga-Populistin. Sie unterrichtet Interessierte in athletischen Auseinandersetzungen mit Betonbarrieren.

*Osmanische Sultane hatten eine Vorliebe für tscherkessische Odalisken. Die Sklavinnen wurden Stammmütter mächtiger Istanbuler Geschlechter. Die Gebirgsherkunft bleibt Jahrhunderte nach der Befruchtung mit dem fürstlichen Samen in physiognomischer Eigenart markant.

Janes Verehrer:innen vergleichen die Schöne stereotyp mit Schneewittchen; die Haut von Alabaster, das Haar so schwarz wie die Mähne von Jonon Khar; der Lieblingsstute des großen Khan.

Schong! Jemand stoppt die sich dramatisch inszenierende Alphaworldagentin in ihrem Lauf.

Wer wagt es?

Ich sehe eine gravitätisch gebeizte Person; eine gespreizte Hechtin in anachronistischer Southernrock-Ästhetik. Colonel Lintel Alabama sieht aus wie eine Schauspielerin, die nach der Premiere gern im Restaurant dröhnt. Ich stelle sie kurzerhand auf einen Grat zwischen schneidig und windig. Man ahnt die Schärfe eines blenderischen Parfums und eine kompakte Bereitschaft zur Durchstecherei. Lintel Alabama drückt Jane ein Ticket in die Hand. Die Agent:innenführerin befiehlt ihrer bezaubernden Spionin die Bildungsdelikatesse eines Tanztheaterabends.

Jane gähnt global.

La poésie est dans la rue

La Fille mal gardée entstand im Nachgang arkadischer Dichtung. Das 1789 uraufgeführte, Jahrzehnte später von Jean-Pierre Aumer und Ferdinand Hérold in eine reguläre Fassung gebrachte und bis Mitte des 19. Jahrhunderts im Repertoire gehaltene Ballett bedient sich bei der Pastourelle und dem Schäferstück. Es spielt in der französischen Landwirtschaft. Die alleinerziehende Bäuerin Marceline will ihre Tochter glänzend unter die Haube bringen, Lise verweigert sich zuerst den mütterlichen Absichten.

La poésie est dans la rue steht jetzt da, wo bis gestern noch Dem Wahren Schönen Guten stand. Das Fries zum Anachronismus wurde mit dem von der Zeit aufgerauchten Zitat entfernt.

Jane Jakarta langweilt sich in einem Gastspiel der Kopenhagener Kukkakaali Ballettkompanie im Faina Ranevskaya Theater. Seit zwei Jahren ist das FRT in einer Übergangslösung im Stadtschlossmuseum untergebracht. Seit Deutschland die Souvenirs seiner kolonialen Abenteuer zu Staubfänger:innen einer Wiedergutmachung erklärt und entsprechend expediert hat, verwaisen repräsentative Hauptstadtsäle.

Die bis auf den Grund entschlackte Jane weiß, dass die Beutekunst längst an vorgeblich private Sammler:innen weiterverscheuert wurde. Hinter den Aufkäufern steht Retiisi Juurikas. So was weiß Jane aus sicherer Quelle. Sie ist im Nachrichtengeschäft eine große Nummer. Doch am liebsten stretcht und entspannt Jane in der kolossalen Glasvitrine am John Lewis-Platz (vormals Kaiser-Friedrich-Platz). John Lewis war ein Vorbild von Obama und ein Freund von James Meredith, dem heißesten Anwärter auf die neue Namensgeber:innenschaft des Bismarck-Platzes.

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Sein Anlauf währt zehn Jahre. Solange übt James Meredith die staatsmännische Attitüde, mit der er in die Geschichte eingehen will. Zugleich soll ihn die gravitätische Pose vor direkten Übergriffen bewahren. Er orientiert sich an einem Heerführer, der sich von seiner Truppe absetzte, um nach einer Eroberung dem Publikum das Schauspiel eines solistischen Einzugs zu gewähren.

Jeder hätte den Mann töten können. Da kam nur ein reitender Vorläufer, aber der hatte eine Art, die damals sogar Eichhörnchen dazu brachte, zu salutieren. Meredith kultiviert die Insane/Opak-Performance eines allem Irdischen Entrückten. Nichts überlässt er dem Zufall. Beim Showdown auf dem Campus der Universität von Mississippi passt dann auch alles.

Wikipedia weiß: „Am 1. Oktober 1962 wurde Meredith der erste dunkelhäutige Student an der Ole Miss. Seine Einschreibung, die Gouverneur Ross R. Barnett verhindern wollte, führte zu Gewalt auf dem Oxford-Campus. Bundestruppen und US-Marshals wurden vom US-Präsidenten Kennedy an die Universität entsandt. Während der Gewaltausbrüche starben zwei Menschen, darunter der französische Journalist Paul Guihard. 48 Soldaten und 30 US-Marshals wurden verwundet.“

Meredith rechnet mit den Ausschreitungen. Er spekuliert auf Gewalt mit dem Ziel, die Vereinigten Staaten gegen die im Bundesstaat Mississippi parallelgesellschaftlich agierende White Supremacy in Stellung zu bringen. Der Aktivist will das Rassistenregime mit der „Macht der amerikanischen Militärmaschinerie zerschmettern“.

„In das Herz der Bestie“ soll ein Pflock getrieben werden. Das erzählt Meredith Jahrzehnte später der Philosophin Susan Neiman. Merediths Militärpathos geht Neiman auf die Ketten. Sie darf auch nicht einfach gehen, sondern wird als Aufmerksamkeitsspenderin zur Geisel des Übersprudelnden.

Meredith gefällt sich als schillernde Persönlichkeit. Er ist konservativ und kann gut mit Reaktionär:innen. Ihn charakterisiert die Grandiosität des Southerner-Bourgeois, der seine Vorzeichnungen in dem ausgedachten Feudalismus der in ihren Lustschlössern halluzinierenden Baumwollbarone bekam. In der Hochzeit der Bürgerrechtsbewegung repräsentierte Meredith eine Opposition zu Martin Luther Kings kraftvoller Gewaltlosigkeit, ohne deshalb mit Malcolm X einverstanden zu sein.

Vermutlich fehlte ihm Kings Disziplin. Neiman lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass der junge Meredith einen Coup landen und die Nationalgarde auf dem Campus sehen will, als er sich an der Ole Miss einschreibt. Er weiß, wie man ein großes Rad dreht. Also dreht er es.

Bald mehr.

08:29 11.07.2021
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