Institutionalisiertes Stalking

Feminismus Gefördert werden Arrangements, in denen Sex als Gegenleistung keine Schranken berührt.
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Weiter aus „Das weibliche Kapital“ von Linda Scott:

Ghana - Von geschlechtsreifen Mädchen erwartet man, dass sie zu ihrem Unterhalt beitragen, wenn sie ihn nicht sogar gänzlich allein bestreiten müssen. Jedoch gibt es nicht viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Gefälligkeitssex ist (deshalb) an der Tagesordnung. Diese Praxis führt zu frühen Schwangerschaften. Sie perpetuiert ein Gewaltverhältnis, das von der ideologisch gepowerten Vorstellung profitiert, die Mädchen träfen ihre Entscheidungen in einem Rahmen der Gleichrangigkeit, auf der Basis von Angebot und Nachfrage. Die Autorin exponiert eine gesellschaftliche Erwartung, die sich auf eine rasche Selbständigkeit der weiblichen Jugendlichen richtet. Gefördert werden Arrangements, in denen Sex als Gegenleistung keine Schranken berührt.

„Mütter, Tanten und Großmütter berichteten uns, es würde erwartet, dass die Mädchen sich männliche Partner suchten, die sie unterstützten – vor allem, falls sie weiter die Schule besuchen wollten.“

In dieser Konstellation liegt es in der Macht der Männer, von ihnen schwanger gewordene Mädchen zu heiraten, oder sie, in der Verweigerung einer Ehe, dem Elend auszusetzen. Folglich können die Mädchen auf eine modern-vereinfachte Weise (in die Armut) verstoßen werden.

Linda Scott, „Das weibliche Kapital“, Hanser, 409 Seiten, 26,-

„Eine Studie an 50.000 Schulmädchen in zehn afrikanischen Ländern zeigte 2012, dass ein Drittel der 16-jährigen Mädchen bereits zum Sex gezwungen worden war.“

Sobald Mädchen die Geschlechtsreife erreichen, sehen sie sich Verfolgern ausgesetzt. „Diese Art von Stalking“ vollzieht sich im Ornat gesellschaftlicher Akzeptanz – unter euphemistischen Überschriften, die den Übergriffcharakter übermütig dementieren und ihn zugleich auf eine gar nicht so klandestine Weise feiern. Heiratet die Verfolgte den Täter: gehorcht sie einem Gesetz der Väter. So „bereinigt“ sie die Angriffe, denen sie ausgesetzt bleibt. Sexuelle Aggression erachtet man als „Teil des Alltags“, während die korrespondierenden Traumatisierungen übergangen werden.

„Schicke Kleider und coole Smartphones“

Scott registriert „einen überwältigenden Druck, sich auf sexuelle Beziehungen einzulassen“. Sie erkennt an der Stelle den Ausgangspunkt eines volkswirtschaftlichen Schadens. Die Ableitung geht schlicht so: Wo die Menstruation beginnt, da endet die Bildung.

Dieser Zusammenhang muss ausgehebelt werden.

Übrigens verschleiert die Generalerzählung die Vergewaltigungspraxis mit Beispielen für Täter-Opfer-Umkehr. Der Volksmund tradiert die Schulabbrüche und frühen Ehen als Resultate weiblichen Wollens. Angeblich wollen die Mädchen „schicke Kleider und coole Smartphones“, die den Traumatisierten zur Verkleisterung der Machtverhältnisse angetragen werden. Die offizielle Statusmeldung zeigt Kaugummi kauende, in Displays versunkene Kinder in irgendeinem Trallala, die vor lauter Freiwilligkeit überlaufen, und unterschlägt die Seelen vernichtende Alltagsgewalt.

Institutionelle Gewalt zwischen Tristesse und Folklore

Eingebetteter Medieninhalt

Wie funktioniert gesellschaftliche Gewalt? Ein Wetterleuchten der Macht sieht man in folgender Szene. Linda Scott klappert in Süd-Ghana Dörfer ab. Ihr Scout, George Appiah, informiert die Chiefs stets vorab. Zur Begrüßung singen und tanzen Frauen. In den Gremien entscheiden Männer.

Man will die Steine ins Rollen bringen und besteht bei einer Gelegenheit auf weibliche Partizipation.

„Also versammelten sich die Frauen unter einem anderen Baum.“ – Und zwar weit weg vom Versammlungsort des Ältestenrates. Scott interveniert und interveniert bis zum Kollaps der angestammten Ordnung. Endlich sprechen Frauen über ihre Angelegenheit mit dem Mandat von Entscheiderinnen, während sich die ursprüngliche Allgewalt, ein antiker Greisenkreis, von Peinlichkeit berührt, einer offensiven Interessenwahrung enthält.

Kleine Ursache, große Wirkung

Es geht um Hygieneartikel, von deren Verfügbarkeit Quantifizierungs- und Qualifizierungsmerkmale weiblicher Bildung abhängen. Länger zur Schule geht unter Umständen, wer Binden zur Bewältigung der Monatsblutungen in seinem Vorrat hält. In der europäischen Perspektive erscheint das als trivialer Faktor. In Afrika entscheiden Binden über Lebenserwartungen. Insofern haben sie die Funktionen einer Universallösung.

Dies begreift man auf der Folie folgender Betrachtung. Sobald die Menstruation einsetzt, betrachtet die Gemeinschaft Mädchen als „reif“. Das bedeutet sowohl „heiratsfähig als auch sexuell verfügbar“. Väter wollen nun das Brautgeld einstreichen, das regelmäßig den Gegenwert einer Kuh übersteigt.

„Der gängige Preis für eine Frau betrug damals um die fünfhundert Dollar. Dafür konnte der Vater eine Kuh kaufen und hatte noch hundertfünfzig Dollar übrig.“

Da eine Verheiratete ihre Ressourcen dem Gattenklan-Portfolio beimengt, ergibt sich für die Ursprungsfamilie kein Vorteil aus dem töchterlichen Wissen. Jeder erweiterte Schulbesuch entspricht einer potentiellen Verbesserung der Renditeerwartungen von Fremden, insofern sich aus dem Verkehr der Schwiegereltern keine gemeinsamen Investitionsplattformen zu ergeben scheinen. Jedenfalls verstehe ich Scott so.

Gleich mehr.

Aus der Ankündigung

Die westlichen Länder wurden zu wirtschaftlichen Supermächten, als verheiratete Frauen im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts zunehmend berufstätig wurden. Männer sind die Grundlage jeder Volkswirtschaft, weil fast alle von ihnen in Vollzeit arbeiten, doch wenn alle männlichen Arbeitskräfte ausgeschöpft sind, kann es – außer durch eine Revolution der Produktivität – in diesem Bereich kein zusätzliches Wachstum geben. Frauen blieben traditionell zu Hause, vor allem, wenn sie verheiratet waren. Ihr Potential, bezahlte Arbeit zu leisten, wurde also nicht ausgeschöpft. Werden die ihnen auferlegten Beschränkungen aufgehoben, strömen sie auf den Arbeitsmarkt. Das Ergebnis ist ein stetiger Aufwärtstrend des BIP. Die westlichen Länder machten diese Erfahrung alle im gleichen Zeitraum, nämlich beginnend in den 1970er-Jahren. Seit damals wurde der Zusammenhang zwischen der Berufstätigkeit von Frauen und dem BIP mit Daten aus 163 Ländern belegt. Auch ein Vergleich gegenwärtiger Maßnahmen zur wirtschaftlichen Stärkung von Frauen mit dem BIP des jeweiligen Landes zeigt deutlich, dass hier ein Zusammenhang besteht.

Zur Autorin

Linda Scott hat mitDas weibliche Kapitalihr Lebenswerk vorgelegt. Die emeritierte Professorin für Entrepreneurship und Innovation an der Universität Oxford ist für ihre jahrzehntelange Forschung zur wirtschaftlichen Rolle der Frauen – der XX-Ökonomie – rund um den Globus vom Prospect Magazine zweimal unter die Top 25 of Global Thinkers gewählt worden. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit berät sie UN-Panels, Think Tanks und international tätige Unternehmen.

06:52 17.10.2020
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