Starke Argumente für das globale Wir

#DieWeltneudenken Sabine Hark und Jan Plamper über die Notwendigkeit, den Plural der Gemeinsamkeit so weit wie möglich zu fassen
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Wir wissen es: Wer andere ausschließt, schließt sich schon länger nicht mehr sichernd ein, sondern vollkommen ungesichert aus. Auch Sabine Hark liefert einem neuen Wir starke Argumente.

Sabine Hark bezieht sich auf Bernice Johnson Reagon, die in der Keimzeit von Reagans Präsidentschaft Anfang der 1980er Jahre bereits wusste:

„Niemand könne (im Sinn von solle) mehr davon ausgehen, dass wir nur mit jenen Menschen zusammenleben ... die so sind wie wir selbst.“

Sabine Hark, „Gemeinschaft der Ungewählten. Umrisse eines politischen Ethos der Kohabitation“, edition suhrkamp, 1771 Seiten, 15,-

Mit Verweis auf Douglas Crimp, bezeichnet Hark Aids als Menetekel und Dekaden-Marke auf dem Weg zu der Erkenntnis, dass Separatismus und Liberalismus Merkmale heruntergekommener und entsprechend anfälliger Systeme sind. Die Analyse ergab sich auf einer Folie des Turbo-Thatcherismus mit seinen neo-liberalen Hochämtern. Die Autorin zaubert ein Licht aus dieser nationalstaatlichen Nacht. Mit Andreas Cassee* spricht sie von einem „moralischen Recht auf globale Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit“.

*Aus der Verlagsvorschau

„Jeder Mensch sollte frei entscheiden können, in welchem Land er leben will, Einwanderungsbeschränkungen sind nur in Ausnahmesituationen zulässig. Diese kontroverse These vertritt der Philosoph Andreas Cassee in seinem luziden Buch. Er gibt einen fundierten Überblick über die migrationsethische Debatte der letzten 30 Jahre und bezieht zugleich Stellung für eine Position, die die individuelle Selbstbestimmung über den eigenen Aufenthaltsort ins Zentrum stellt. Ein ebenso aktuelles wie wichtiges Werk.“

Wir hatten das Thema zuletzt mit Jan Plamper und seiner Darstellung „Das neue Wir. Warum Migration dazugehört: Eine andere Geschichte der Deutschen“ in der Tuschicks Textland-Debatte.
Hier mein Fazit:

Individuelle und kollektive Identität schließen einander nicht aus. Das behauptet Jan Plamper in seinem Buch „Das neue Wir – warum Migration dazugehört. Eine andere Geschichte der Deutschen”. In einer euphorischen Schreibweise und Lesart oszillieren in dem staatsbürgerlichen Plural Plusdeutsche zwischen den Herkunftskulturen der Eltern und bundesrepublikanischen Chancen.

Falsch sei es, Migrationsgeschichte als „Problemgeschichte“ zu erzählen. Das wüsste bedingt auch der konservative Paternoster am Schalthebel. Das Fachkräftezuwanderungsgesetz künde von einer gewissen Weitsicht. Das erklärte Jan Plamper in der Moritz-Buchhandlung. Obwohl Plamper zu den Propheten des akuten Jetzt - und insofern zu einer visionären Phalanx zählt, die sich einer rückwärtsgewandten Geschichtsschreibung entgegenstemmt, entfaltete der Kreuzberger Termin am Samstagabend keine Anziehungskraft auf #dieVielen.

Wikipedia weiß: Jan Plamper (* 1970 in Laichingen) ist ein deutscher Historiker und seit 2012 Professor für Geschichte am Goldsmiths College der University of London. Seine Forschungsgebiete sind unter anderem Osteuropäische Geschichte, Emotionsgeschichte, Sinnesgeschichte und Migrationsgeschichte.

Radikal anders

Das neue Wir ergibt sich aus Differenzerfahrungen. Es schafft weitere Klammern, in die zunehmend mehr Diversität passt. Entsprechend breit spannt Plamper sein Narrativ. Es beginnt mit dem Exodus der weit über zwölf Millionen Vertriebenen, die in das zerschlagene Reich hineingedrückt - und da als „radikal anders wahrgenommen“ wurden. Zur Ur-Fama des geteilten Nachkriegsdeutschlands gehört die angeblich reibungslose Integration der peripheren Deutschen. Ihre Einkehr war in den meisten Fällen keine historische Heimkehr im Geleit einer Willkommenskultur. Ihre Integration veränderte die konfessionelle Landkarte Deutschlands nicht zuletzt.

Plamper unterscheidet zwei Hauptzeitschnitte in seiner narrativen Soziologie: 1945 und 1989.

Plampers „Neues Wir“ ist das Resultat eines Versuchs, für ein breites Publikum verständlich darzustellen, wie das Territorium einer Auswanderungsgesellschaft zum Einwanderungsland avancierte.

Lange ging es in Deutschland nur um Auswanderung. Amerika war ein deutscher Traum. Auch im Kolonialkontext gab es eine auf die Ferne und das Fremde gerichtete Chancenerwartungsautomatik. Fürstliche Ansiedlungskampagnen waren mit einem Rattenschwanz an Vergünstigungen für Einwanderer verbunden. Nach dem Edikt von Nantes* rieben sich deutsche Landesherren die Hände. Ab griffen sie die protestantischen High Potentials, auf die ein französischer Ludwig glaubte verzichten zu können.

Wikipedia weiß: Ludwig XIV. hob 1685 das Edikt von Nantes aus dem Jahr 1598 auf. Dieses sollte den Hugenotten die Ausübung ihrer Religion in Frankreich garantieren. Da Ludwig für die Sicherung seiner Macht auf die katholische Kirche setzte, wurden die Nichtkatholiken, vor allem die Hugenotten, vertrieben.

Das prägte sich dem Deutschen ein. Wer zurückblieb, klebte am Boden. Ihn regierten Beharrungskräfte. Der hielt aus und durch und sah in seiner Umgebung nichts anderes als Eichenknorz.

Dass am deutschen Wesen die Welt genesen könne, war auf einem Hof in der Rhön oder im Hundsrück nicht absehbar. In gewisser Weise lebte man gegen die Zukunft, eingekleidet von pessimistischen Vorstellungen. So etablierte sich eine Mentalität der unwillkürlichen Abwehr. Nach dem Krieg setzte ein transformativer Prozess ein, eine kollektive Umschulung und Neudeutung der nationalen Position im europäischen Gefüge. Man war so unheimlich schnell wieder wer. Die Verlierer sahen wie Sieger aus. Vertriebene organisierten sich in Heimatverbänden; nun waren sie Deutsche von Geburt und Schlesier in der Gnade Gottes. Der Heimatverlust führte zu einer Glorifizierung und schlug sich nieder in einer breiten Restauration. Adenauer kassierte das Pfund. Mit der Offenbarung grüner Bürgerlichkeit in der jüngsten Gegenwart ging eine konservative Rechnung aus der Steinzeit der Republik auf. Letztlich sind auch die Grünen nur eine Abfangvorrichtung in jenem Geist, der J. Fischer den Weg des O. Schily gehen ließ.

Plamper erzählt von seiner in St. Petersburg geborenen Tochter Olga, die ohne amerikanische Staatsangehörigkeit in den Vereinigten Staaten zur gefühlten Bürgerin des Landes wurde, während sie sich in Deutschland trotz des deutschen Passes als „Ausländerin“ fühlt.

Warum ist das so? fragt Plamper.

Auch Olgas postmigrantischen Freund*innen empfinden sich als „Ausländer*innen“, obwohl sie deutsche Staatsbürger*innen sind.

Plamper erinnert daran, wie Roland Koch mit einer Kampagne gegen den „Doppelpass“ föderativ Wahlsieger werden konnte. Der Referent erwähnt auch die „Leitkultur“ als verhängnisvolles Partizip zwischen Minderheiten und der sogenannten Mehrheit, die bei Licht betrachtet, selbst super divers ist, so wie es jede Dorfgemeinschaft in jedem fabelhaften Damals war. Die wahre Trennlinienvirulenz zeigt sich doch überhaupt erst da, wo ethnische Differenz keine Rolle spielt und die sozialen Unterschiede triumphieren.

Plamper erkennt in seinem Buch, wo der Hase im Pfeffer liegt. In Deutschland schmiedet man aus den Pflugscharen der doppelten Staatsangehörigkeit die Unterstellung der doppelten Nicht-Zugehörigkeit. Man stellt Forderungen, anstatt Angebote zu machen. Alle sichtbaren Minderheiten stehen unter irgendeinem Verdacht.

Plamper hält dem entgegen: „Wir leben viele Identitäten, die sich ständig wandeln.“

Permanent Performance

Wir leben die verdichtete Unterschiedlichkeit in einem permanent drängenden Jetzt.

*

Aus der Ankündigung

Frei ist, wer an der sozialen Praxis einer Gemeinschaft teilhat und sich als Teil eines »Wir« in der Welt beheimaten kann. Ein in unserer Gegenwart vielfach bestrittenes Menschenrecht. Doch ein gutes Leben ist nur das mit anderen geteilte Leben. In diesem Essay erzählt Sabine Hark die Geschichte von Zugehörigkeit und Gleichheit, ausgehend von den Leben jener, deren Gemeinschaften mit Gewalt zertrennt werden, deren Hoffnungen auf ein gutes Leben an den Grenzzäunen der Macht zerschellen, deren Stimmen unerhört bleiben und deren Gleichheit mit Füßen getreten wird. Hark entwirft in einer zwischen Theorie und Dichtung oszillierenden Sprache ein machtsensibles politisches Ethos für ein plurales, demokratisches Zusammenleben, das Räume zum Atmen für die Vielen entstehen lässt.

Zur Autorin

Sabine Hark, geboren 1962, ist Soziolog:in und Professor:in für Gender Studies. Hark ist Mitherausgeber:in der Zeitschrift Feministische Studien und leitet das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) an der TU Berlin.

18:13 14.09.2021
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