Kindergarten-Avanturen

#Leben Wenn ich nämlich ganz tief grub, fielen mir Kindergarten-Avanturen ein, bei denen Susi sehr wohl eine Rolle gespielt hatte.
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Sie nannten ihn Sitzfleisch. Stefan war in den guten Zeiten Geschäftsführer geworden. Anfang der Neunziger hatte man ihn gefragt, ob er sich vorstellen könne, wenigstens drei Tage in der Woche im Büro die Stellung zu halten.

Damals bedeutete das, Anrufe von Leuten entgegen zu nehmen, die sich entweder verwählt hatten oder annahmen, die KSZ sei eine kommunale Anlaufstelle, etwas Städtisches und so offiziell wie das Liegenschaftsamt oder die Industrie- und Handelskammer mit ihren Existenzgründungsseminaren.

Stefan legte jedes Blatt Papier ab, das ihm in die Finger geriet. Das brachte ihm den Ruf ein, der Gewissenhafteste von allen zu sein, die im Dezember 1989 noch in deralten Löwengrubezu einer Vereinserweiterung entschlossen waren, namentlich Dani, Fanni, Q, Verena, Knolle, Walli, Susi, Augenthaler, Muck, Walter, Orhan, Giesbert, ich und eben Stefan ohne ph alias Sitzfleisch.

Stefan wurde mit einer Zeitung nicht langweilig. Ihn unterhielt jede Wurfsendung. Er war von Haus aus wenig zupackend. Körperlicher Arbeit ging er konsequent und angewidert aus dem Weg.

Mit seiner Freundin Susi hatte Stefan einträchtig sämtliche prä- und vollpubertären Stadien in einer Stadtrandgegend zwischen Dorf und Neubausiedlung absolviert.

Rückgriff auf die einfache Vergangenheit

Auch ich drehte da meine Runden. Man kam nicht in die Stadt. Der Kindergarten, die Schule, der Verein, der Blockflöten-, der Gitarren- und der Konfirmationsunterricht sowie alles andere vom Bäcker bis zum Pfadfinder:innenstützpunkt befanden sich vor Ort. In der Enge erschien jede lokale Eigenart universell. Man sprach Dialekt und glaubte, Leute, die anders sprachen, wüssten es nicht besser.

Susi war ewig verpennt und erkältet. Überfordert, angespannt, ausgekühlt bis auf die Knochen. War einerseits und andererseits; jederzeit bereit, sich auf eine Brotscheibe dick Butter zu schmieren und darauf mit einem Wiegemesser kleingemachten Schnittlauch zu streuen. Sie brachte ausgelassenes Gänsefett mit und sagte bei keiner Salamistulle je nein.

In den verdächtigen Zuständen äußerster Unscheinbarkeit schlichen Susi & Stefan durch die Schule. Wie aus der Luft gegriffen so plötzlich und unerwartet hatten sie das Zeug zum Abitur. Da war so viel Simsalabim, dass ich den Überblick verlor und fortan aus dem Staunen nicht herauskam, wenn Susi & Stefan es völlig normal fanden, bei jeder Gelegenheit zutraulich wie kleine Tiere auf mich zuzukommen und mich einzubeziehen. Nicht abzubringen waren sie von einem Nähe-Phantasma, das sich aus ihren Begriffen von unserer gemeinsamen Kindheit ergab.

Atmende Erinnerung

Susi & Stefan klebten am Mutterkuchen des Ursprungs wie Pech und Schwefel, während ich mich selbstverständlich in der Welt umsah. Folglich sah ich die beiden höchstens noch zweimal im Jahr; jedenfalls immer dann, wenn ich es einrichten konnte, an der jährlichen KSZ-Weihnachtsfeier teilzunehmen. So wurden Susi & Stefan für mich so etwas wie der Weihnachtsmensch im Plural.

Zwanzig Jahre reagierte ich belustigt auf die Fiktion von unserer gemeinsamen Kindheit. Dann war ich ein paar Jahre gerührt von den Weißt-du-noch-Einfältigkeiten. Irgendwann war ich sogar so weit, zu glauben, mir selbst Wesentliches unterschlagen zu haben. Wenn ich nämlich ganz tief grub, fielen mir Kindergarten-Avanturen ein, bei denen Susi sehr wohl eine Rolle gespielt hatte. Vielleicht war etwas Überwältigendes dabei gewesen. Ich gab mir keine Mühe. In einer Nacht auf Sumatra splitterte die Abschirmung ohne erkennbaren Anlass.

In der Gegenwart von Damals

Es kommt, wie es kommen muss. Susi & Stefan erleben sich als beste Freunde, zwischen denen erst mal nichts läuft. Beide sind Kumpeltypen, wie freiwillig, das weiß keine(r). Ich meine, zwei, drei Schnittmusterfehler und du landest bei den verworfenen Bögen auf dem Boden. Im nächsten Durchgang tröstet man sich mit dem Spatz in der Hand. Das geht leicht, solange die Träume von den Tauben auf dem Dach intensiv sind. Ich bin so eine Taube und das weiß ich auch. Es bedeutet nichts. Trotzdem gibt es diesen Moment auf der Kirmes. Da passiert es zwischen Schiffsschaukel und Anhänger. Auf einem Fahndungsplakat wird ein junger Mann zum Mitreisen gesucht. Wir sind noch in der Draußen nur Kännchen-Welt.

Im Jetzt von heute

Für Susi war der Kirmessex ein Erlebnis, das heute noch zum Kernbestand ihres Daseins zählt. Sie redete nicht nur mit Stefan darüber. Vielmehr baute sie die Episode in ihre erotische Narration ein. Ich war auf eine ernsthafte Weise präsent im Leben von Leuten, die sich aus meiner Wahrnehmung weitgehend verflüchtigt hatten. Die späte Erkenntnis erreichte mich erschütterungsfrei. Sie fiel zusammen mit anderen Erkenntnissen im Zuge einer weitreichenden Entwertung meiner Erinnerungen. Ich bin erstaunt, dass ich das eben so easy zur Verfügung hatte, als Ausflug in eine atmende Erinnerung.

Gleich mehr.

16:52 12.05.2021
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