Vierschrötige Behäbigkeit

Stefan Zweig „Jüdische Erzählungen und Legenden“ - Eine Fußnote hilft bei der Datierung der Geschichte ...

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Mittelalterliche Architektur verlieh dem vorindustriellen Gepräge deutscher Städte eine „vierschrötige Behäbigkeit“. Stefan Zweig verbindet die feine Beobachtung mit einem organischen Urbanitätsbegriff.

„Die Stadt (nahe der polnischen Grenze) liegt wie ein einziges mächtiges Wesen im tiefen Schlaf.“

Da kommt ein Reiter von der Landstraße. Schlaftrunken lässt der Torwächter ihn ein und übernimmt für einen Obolus das Pferd eines offenbar Ortskundigen.

Stefan Zweig, „Jüdische Erzählungen und Legenden“, herausgegeben von Stefan Litt, Jüdischer Verlag, Suhrkamp, 26,-

Den Eiligen zieht es in die Agonie einer Gegend, die wie abgetrennt scheint vom nächtlichen Heilschlaf und täglichem Trubel; „als hätte sie nie eine frohe, in Lust überschäumende Festlichkeit gekannt, als hätte nie eine jubelnde Freude diese erblindeten, versteckten Fenster erbeben gemacht, nie ein leuchtender Sonnenschein sein schimmerndes Gold in den Scheiben gespiegelt“.

Stefan Zweig (1881 - 1942) schildert so den „engen Komplex der Judenstadt“. Sein Held hält vor dem besten Haus, das auch als Synagoge dient. Er vernimmt den Glücksgesang des Chanukkafestes. Die übergeordnete Instanz erinnert an das Wesen der Feier aus dem Geist des „Sieges der Makkabäer“. Es ist „ein Tag, der das vertriebene, schicksalsgeknechtete Volk an seine einstige Kraftfülle erinnert“.

Jetzt ahnt man es, der Reiter zu Fuß ist ein Bote; der Überbringer übler Kunde. Ja, so muss es sein, sagt er doch geschwind aus: „Die Flagellanten sind in Deutschland erschienen, die wilden … Männer, die in korybantischer Lust und Verzückung ihren eigenen Leib mit Geißelhieben zerfleischten, trunkene, wahnsinnswütende Scharen, die Tausende von Juden hingeschlachtet und gemartert hatten“.

Eine Fußnote hilft bei der Datierung der Geschichte. Die von Pogromen begleitete Massenbewegung der Geißler blieb weitgehend ein Phänomen des 13. Jahrhunderts. Im 14. Jahrhundert trat sie exzesshaft im Zusammenhang mit der Pestepidemie von 1348 - 1349 auf.

Zweig erwähnt einen siebenarmigen Leuchter (Menora), obwohl die einschlägige Chanukkia genutzt wurde, die acht oder neun Lichterhalter trägt.

Weiter im Präsens der Panik, die sich rasch ausbreitet angesichts der Störung, die von Zweigs Helden ausgeht. Doch bald erkennt man ihn als einen der Gemeinschaft Zugehörigen, namentlich als Josua, dem Bräutigam von Lea. Das Paar „umfängt“ sich.

Sie haben sicher bemerkt, dass mich Zweigs gesetztes Deutsch zu einer Parforcejagd der sprachlichen Gemütlichkeit einlädt.

Das Mittelalter irrlichtet labyrinthisch durch Zweigs Erzählgegenwart. „Im Schnee“ erschien 1914 nicht zum ersten Mal. Der Autor stand mit seinem Pazifismus allein auf weiter Flur. Interessanterweise zweifelte er an seinem Verstand, angesichts der Kriegsbegeisterung kluger Kollegen.

Im nächsten Augenblick wird Josua als Fremder angesprochen. Ein Erzählpatzer. Josua berichtet vom Pogrom in seiner Stadt. Die Zuhörerinnen und Zuhörer fragen nach Angehörigen.

Josua erklärt:

„Sie kennen kein menschliches Leid mehr.“

*

Todesfurcht schmiedet die Charaktere zusammen. Keine(r) denkt an Kampf. Alle streben zur Flucht. Zweig problematisiert das verständnisvoll. Er skizziert die psychologische Krise. Wofür hat man den Aufwand getrieben, der jetzt nicht mehr Ertrag bringt als zum allerelendesten Entweichen nötig? Zweig schildert den überstürzten Auszug allegorisch. Eine Abreise im Schnee. „Myriaden Flocken, die übermütige Figuren (tanzen), sich in den Kleidern (verstecken).

In Frost und Not

Der große Moment ist Josuas Auftritt in der Synagoge. Er ist ein Selbstermächtigter. Er geht als Christ durch. Unbehelligt drang er in sein Getto vor, während der Mob wütete. Der Anschein bewahrte ihn vor einem tödlichen Spießrutenlauf.

Zweig erzählt das nebenbei. Der Jude, der sich in einer feindlichen Umgebung frei bewegen kann, wird spät erst im Getümmel - und zwar von einem Reiter - angegangen.

Seit wann reiten Flagellanten? Vermutlich ist der Reiter ein vom Ausschreitungsfieber erfasster Trittbrettfahrer des Furors. Josua reißt ihn vom Pferd, schwingt sich in den Sattel und prescht los, um Bedrohte zu warnen. Anders gesagt, Josua versäumt es, sich in Sicherheit zu bringen. Stattdessen reiht er sich schließlich in einem Tross der Wehrlosigkeit ein. In Frost und Not treckt die Gemeinschaft gen Polen.

*

Auch in der nächsten Geschichte, „Die Wunder des Lebens“, findet der Einstieg in einem sakralen Raum statt. Dazu morgen mehr.

Aus der Ankündigung

Stefan Zweig ist einer der erfolgreichsten Autoren deutscher Sprache. Berühmt wurde er durch seine romanhaften Biographien, aber sein Werk zeichnet sich besonders durch eine Vielzahl an Novellen aus, die bekannteste ist wohl die Schachnovelle, sein letztes Werk, die posthum 1942 in Brasilien erschien.

Auch wenn Zweigs jüdische Herkunft in seinen Werken keine prominente Rolle spielt und er den jüdischen Kontext in seinen Werken nie besonders herausgestellt hat, darf dessen Bedeutung für Zweigs Schaffen nicht unterschätzt werden. In den sechs hier versammelten Novellen und Legenden »Im Schnee«, »Die Wunder des Lebens«, »Untergang eines Herzens«, »Rahel rechtet mit Gott«, »Buchmendel« und »Der begrabene Leuchter« gelingt es Zweig, die jüdische Thematik immer wieder subtil aufscheinen zu lassen.

Die Texte stammen aus den Jahren 1901 bis 1936 und sind teils als eigenständige Publikationen, teils in Sammelbänden erschienen. In dieser Form werden sie hier erstmals gemeinsam veröffentlicht.

Zum Autor

Stefan Zweig, wurde am 28. November 1881 in Wien geboren und starb am 23. Februar 1942 in Petrópolis bei Rio de Janeiro. Er studierte Philosophie, Germanistik und Romanistik in Berlin und Wien, reiste viel in Europa, nach Indien, Nordafrika, Nord- und Mittelamerika. 1938 emigrierte Zweig nach England, ging 1940/41 nach New York, dann nach Brasilien, wo er sich 1942 das Lebennahm.

»Er war in seiner Zeit weltweit einer der berühmtesten und populärsten deutschsprachigen Schriftsteller. Seine unter dem Einfluß Sigmund Freuds entstandenen Novellen zeichnen sich durch geschickte Milieuschilderungen und einfühlsame psychologische Porträts aus, in denen die dezente, doch unmißverständliche Darstellung sexueller Motive auffällt. Seine romanhaften Biographien akzentuieren die menschlichen Schwächen der großen historischen Persönlichkeiten.« Marcel Reich-Ranicki

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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