Herrschaftssprache

Migration Saphire war siebzehn, als sie auf der Flucht Brandenburg erreichte
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eingebetteter Medieninhalt

Im Handgemenge der Zeit

„Es war das Nahen des zweiten Flugzeuges, das haigleich über die Freiheitsstatue hinwegglitt: Das war der entscheidende Augenblick, der alles klar werden ließ. Bis dahin glaubte Amerika, es sei lediglich Zeuge der schlimmsten Luftfahrtkatastrophe in der Geschichte gewesen; nun hatte es einen Begriff von der ungeheuerlich aggressiven Energie, die sich gegen das Land richtete.“ Martin Amis

*

Die Herrschaftssprache bleibt eine Herausforderung. Saphire war siebzehn, als sie auf der Flucht Deutschland erreichte. Sie kannte nur drei deutsche Wörter: Mercedes. Scheiße. Berlin. Die Erweiterung des Repertoires traumatisierte die Einwanderin. Die deutsche Grammatik spaltete ihre Persönlichkeit. Die Umlaute gaben ihr den Rest. Saphire hält sie immer noch für steinzeitliche Relikte.

Saphire wuchs im Sprachkosmos des Romanes auf. Englisch wurde die Sprache ihrer Freundschaften. Deutsch ist für die Künstlerin eine Sprache der Vernunft.

Romanes blockt als Prüfstein der Zugehörigkeit jeden Anschleichversuch. Zweige der Familie leben seit sechshundert Jahren in Deutschland.

In Deutschland geriet Saphire zuerst in einen brandenburgischen Landkreis, in einen verwandtschaftlich eingefassten, nach eigentümlichen, für die Fremde vollkommen undurchschaubaren Spielregeln ebenso vergatternden wie ausschließenden Alltag.

Saphire wurde nicht schlau aus den Leuten.

Waren das Abgedrängte, Abgehängte, der realsozialistischen Gesellschaft in Mimikry Verlorengegangene, die vor dem Fall der Mauer in ihrem eigenen Beat geschwommen waren?

Nehmen Sie zum Beispiel Andrea. Sie wuchs in einer weitgehend ungeschorenen Gegend an der Havel auf; in lange vor der DDR-Gründung festgefügten Verhältnissen; in einem Maximum an Zugehörigkeit sowie im Spiegel starker Freundschaften. Die Erwachsenen ihrer Kindheit feierten immerzu.

Andreas Leben war ein Grillnachmittag. Sie angelte, trödelte und huckleberryte an den Havelgestaden im Bund der Spießgenoss*innen. Saphire fand die Gesellschaft lächerlich eng.

Der Fundamentalismus ist ein bourgeoises Phänomen

Als Navid Kermani zum ersten Mal in Kairo war, fand er da mehr Beispiele für individuelle Freiheit aka sexuelle Selbstbestimmung als in seiner Geburtsstadt Siegen. Diese Erfahrung steckt zwar in einem Eisblock der Vergangenheit. Egal, ob Somerset Maugham auf Sumatra, Jörg Fauser in Istanbul oder Paul Bowles in Tanger – sie alle erlebten Emanationen der Transsexualität und andere Phänomene des queeren Kosmos in einem heimlichen Kontext der Selbstverständlichkeit. Aber auch Saphire kannte aus ihrer Ursprungsheimat eine größere persönliche Freiheit, als sie an der Havel für möglich gehalten wurde.

Darüber konnte sie mit keinem reden. Schon gar nicht auf Deutsch.

Gleich mehr.

06:06 21.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare