Sterbende Eichen

Literatur Edward St Aubyn, „Dilemma“ - Olivia und Francis kennen sich noch nicht lange, finden aber zügig Begründungen für das tiefe Vertrauen, dass sie spontan auf einer ...
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Olivia und Francis kennen sich noch nicht lange, finden aber zügig Begründungen für das tiefe Vertrauen, dass sie spontan auf einer Konferenz füreinander entwickelt haben.

„… Der Abend war klar und trocken, und Olivia hatte beschlossen, von ihrem Verlag aus zu Fuß zu gehen. Sie hatte hart verhandeln müssen, um die generationsübergreifend traumatisierten Mäuse einbauen zu dürfen, aber ihr Lektor hatte verstanden, weshalb es ihr wichtig war und diese Korrektur in den Fahnen noch vorgenommen werden musste. Ihr Wochenende mit Francis hatte sich auf vier Nächte ausgedehnt, und sie hatte sich erst an diesem Morgen auf die Mäuse konzentrieren können, im Zug ihm gegenüber, die Beine unter dem Tisch verschränkt …“

Olivia Carr wuchs behütet auf. Die einzige Leiche im Keller ihrer Biografie ist die leibliche, im Leben der Tochter abwesende Mutter. Francis lernt die komfortablen und hyperherzlichen Familienverhältnisse seiner neuen Freundin kennen, und so auch Olivias älteste Freundin Lucy Russell. Eben wurde die Unternehmensberaterin von einer Krebsdiagnose überrascht. Behandelt wird sie im National Hospital am Londoner Queen Square.

“The National Hospital for Neurology and Neurosurgery ... is the UK's largest dedicated neurological and neurosurgical hospital.” Quelle

Edward St Aubyn, „Dilemma“, Roman, auf Deutsch von Ingo Herzke, Piper, 24,-

Francis holt für Lucy Medikamente aus der Apotheke. Er verkörpert das Fußvolk im Alleingang. Ein ganz anderes Kaliber verschießt Supermann Hunter, der als Lucys Arbeitgeber mit der Gravitation eines Erdteils ins Spiel kommt.

Edward St Aubyn wählte einen sprechenden Namen, als er einen High Potential der Typhoon-Klasse Hunter taufte.

Hunter schnappt sich nobelpreiswürdige Arbeitsergebnisse direkt von der akademischen Werkbank. Das ist seine, enormen Reichtum stiftende Spezialität. Der Reichtum gibt ihm die Aura eines Unberührbaren. Deshalb freut er sich, wenn es jemand wagt, ihm zu widersprechen.

Lucy zeigt sich vorderhand unbeeindruckt von Hunters Master-of-the-Universe-Appeal. Die Doppelbödigkeit ihrer Beziehung zu Hunter zwingt sie zu interessanten Manövern.

Trophische Kaskaden - Was zuvor geschah

Da sind Francis und Olivia. Kompetent und hoch gestimmt im Überschwang jäher Zuneigung besprechen die ökokriegerische Wissenschaftlerin und ihr Komplizen-Kollege auf einer Weltrettungskonferenz den Untergang der Menschheit.

„Sie sind sich einig: Das Anthropozän (wird) wahrscheinlich eher den Sturz als den Triumph seines dummdreisten Protagonisten“ herbeiführen.

Olivia und Francis verachten die Routinen des Hedonismus; die immergrüne Leier in immer neuen Jetztzeitkostümen. So anspruchsvoll beide ihre aktivistischen Rollen interpretieren, die Anziehungskraft erzwingt eine Poesie der schnellen Entschlüsse. Der Diskurs muss mit der Magie Schritt halten.

Bald schon reist Olivia aus Oxford an, um den Konferenzsex von neulich bei Francis daheim zu evaluieren.

Der Biologe Francis lebt seit acht Jahren in jenem Haworth, das die Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë auf die literarische Landkarte setzten. Er steckt in einem „Wildnis-Experiment“ in seiner unmittelbaren häuslichen Umgebung. Als der Roman losgeht, inspiziert Francis die Pilze vor der Haustür. Um ihn herum starben Eichen einen landwirtschaftlichen Tod, bis die drastische Renaturierung, „Wilding“ genannt, dem Zerstörungswerk Einhalt gebot. In den gestoppten Prozessen des Niedergangs erscheinen die ehemaligen Baumleichen bizarr. Unterversorgte Kronen provozieren (bei mir) eine Phantasie von Skulpturen manischer Holzbildhauer:innen.

Ein Traumjob zweifellos

Die Landschaft wandelt„sich allmählich zu einer Art englischer Savanne: offenes Grasland, durchsetzt von Büschen und Bäumen“. In diesem Paradies fällt Francis die wunderbare Aufgabe zu, „die Wiederkehr verschwundener Spezies zu verfolgen“.

Die Trennung von Arbeit und Leben erscheint idealtypisch aufgehoben auf diesem „Hotspot für Nachtigallen und Turteltauben ... Rotwild und Damwild,Tamworth-Schweinen, English-Longhorn-Rindern und ...Exmoor-Ponys“.

Akademischer Platzhirsch

Oliva reist auf dem Ticket eines Forschungsstipendium. Sie arbeitet sich an einem zum Ritter geschlagenen Professor ab, der in Oxford den akademischen Platzhirsch so spielt, als sei das XX. Jahrhundert noch nicht zu Ende. Die Verführungsroutine des seelisch erodierten Altenweißenmannes belastet die Aufstrebende. Rasch finden Olivia und Francis eine Gelegenheit, ihr Entzücken in der Offline-Kapsel, die Francis bewohnt, auf die erste Alltagsprobe zu stellen.

Zeitnah koksen sich zwei Koryphäen in Kalifornien zu.

Hunter und Saul nehmen Drogen auf einer Ranch namens Apocalypse Now. Schroff zum Pazifik hin, fallen „goldene Bergkuppen“ vor dem Panoramafenster ab. Saul beruft sich auf Matthieu Ricard. Er beneidet den französischen Mönch um dessen Alpha-Zustand, während er selbst extrem hippelig ist.

Saul ist Professor für Chemische Verfahrenstechnik, Künstliche Intelligenz und Realisierung menschlichen Potenzials am California Institute of Technology.

Aus der Ankündigung

Literarische Liebesgeschichte und sardonischer Gesellschaftsroman

Mit ihrem neuen Geliebten Francis und der Ankunft ihrer engsten Freundin Lucy in London erweitert sich Olivias Horizont schlagartig. Vor allem die Beziehung zu Francis, einem leidenschaftlichen Umweltaktivisten, der fernab der Metropole in Sussex lebt, erfasst sie mit verwirrender Wucht. Bevor sie noch die beiden miteinander bekanntmachen kann, erhält Lucy eine bestürzende Nachricht - und es ist fraglich, ob sie die nächsten Monate überleben wird. Damit setzt Lucy eine Kette von Ereignissen in Gang, aus denen keiner von ihnen unverändert herauskommen wird.

„Dilemma“ ist ein kühner Gesellschaftsroman und ein hoch intelligentes Buch um die Frage, was wir selbst bestimmen können und wie wir auf die Entscheidungen des Schicksals reagieren.

Zum Autor

Edward St Aubyn wurde 1960 in England geboren und wuchs dort und in Südfrankreich auf. Er ist Vater von zwei Kindern und lebt in Notting Hill, London. Als Schrifsteller etablierte er sich bislang vor allem mit der Melrose-Saga unter den großen englischen Autoren seiner Zeit. Ihr Anfang, „Schöne Verhältnisse“, ist das Buch, mit dem St Aubyn auch hierzulande über Nacht bekannt wurde; es folgten „Schlechte Neuigkeiten“, „Nette Aussichten“ und „Muttermilch“. Der Abschluss, „Zu guter Letzt“ erschien 2012 im Piper Verlag, genau wie die Taschenbuchausgabe von „Muttermilch“. Außerdem liegt von Edward St Aubyn auf Deutsch bislang der Roman „Ausweg“ vor; „Am Abgrund“ erschien in England erstmals 1998.

13:51 02.09.2021
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