Stiller Sommer

Literatur Literarisches Colloquium Berlin - Gestern Abend lasen die LCB-Stipendiat*innen Rasha Khayat, Elise Schmit und Pascal Richmann aus ihrer akuten Produktion.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Literarisches Colloquium Berlin - Gestern Abend lasen die LCB-Stipendiat*innen Rasha Khayat, Elise Schmit und Pascal Richmann aus ihrer akuten Produktion. Das war so großartig, dass ich nicht alles auf einmal überliefern will. Heute also nur mein Eindruck von Khayats superbem Manuskriptvortrag.

Pascal Richmann, ein Genie ohne Allüren

Eingebetteter Medieninhalt

Die letzte Dekade vor der Jahrtausendwende verpasst Dortmund im Koma. Schon lange ist die Stadt „ausgelaugt, leer und abgehängt“. Kohle zieht nicht mehr, der Strukturwandel greift nicht. Der Pott-Mythos verkommt zum Rentnergeschwätz. Die alten Leute erinnern sich gegenseitig daran, wie dunkel vom Kohlestaub einst ihr Habitat war. Gegen den Dreck hatte die Sonne keine Chance. Jetzt ist alles anders. Wer die Kraft hat, sich zu bewegen, räumt das Feld. Die Migration läuft rückwärts. Die Wanderer zwischen den Welten lachen über den stotternden deutschen Wirtschaftsmotor.

Zurück bleiben alte Frauen und Kinder mit sozialschwachen Eltern. Die Eltern bleiben auch zurück, aber anders als ihre Kinder und die Alten mit ihrem Malocher-Stolz und den Erinnerungen.

Johanna erlebt 1990 einen besonders stillen Sommer nicht zuletzt in der Gegenwart einer Komatösen. Sie vergleicht ihr Leben mit „einem Film ohne Tonspur“.

Gleichwohl stellt die Erzählerin fest: „Auf einer Ladefläche rattern Wellblechstücke.“

So stellen sich die Verhältnisse in einer Geschichte dar, die Rasha Khayat gestern Abend im LCB vorlas. Die in Dortmund geborene, da und in Saudi-Arabien aufgewachsene Autorin gestattete dem zahlreichen Publikum einen Blick in ihre Schreibwerkstatt. Dem Text steht die Veröffentlichung noch bevor. Noch wälzt er sich und gräbt sich ein … und gräbt sich das Bett seines Verlaufs.

Das ist natürlich spannend, die Produktion zu erleben, der Literaturentstehung beizuwohnen.

„Die alten Frauen bleiben alle paar Meter stehen.“

Johanna beteiligt sich täglich an einem Wohlfahrtserholungsprogramm für „Zuhausebleiberfamilien“.

Der kulturellen Armenspeisung fehlt das Unterhaltsame. Im Grunde ist das Ganze doch nur eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für einen oder zwei heruntergekommene Sozialarbeiter*innen, die noch nicht mal als Animateure zu kurz gekommener Kinder ihre Defizite verbergen können.

Sie sind so schlecht wie die Angebote in der Dortmunder Agonie.

Khayat findet im Gespräch mit Thorsten Dönges Gelegenheit, „weiblichen Erfolg“ in Saudi-Arabien zu melden. Sie spricht von einer „umgekehrten Migrationsbewegung“ und einer „weinerlichen“ Darstellung oder Wahrnehmung gesellschaftlicher Prozesse. In einer rasenden Welt wird gemeinsam mit Dortmund Deutschland abgehängt.

„Ich wollte sofort weg nach dem Abitur.“

Inzwischen pflockt Khayat eine „nostalgische Liebe“ an einen Ort des langen Unbehagens.

„Als Kind habe ich mich in Dortmund immer nur unwohl gefühlt.“

Die Idyllen im Schatten der Zechen sind mit den Zechen geschlossen worden. Johanna weiß gar nicht, wovon die Greise reden, wenn sie ihr Ruhrgebiet beschwören. Seit der ersten Klasse hat die Tochter einer „Rumtreiberin“ einen Haustürschlüssel.

„Schlüsselkind“ funktioniert als Herabsetzung auf dem Schulhof. Schön ist es, das Duftbukett im Frisiersalon von Tante Flora zu inhalieren.

Ihren aktuellen Namen erhielt die Heldin am Wannsee. Ein Persönlichkeitswandel ergab sich aus der Namensänderung.

„Am Wannsee stellte sich Klarheit ein.“

Khayat, die vor zwei Jahren mit dem Roman „Weil wir längst woanders sind“ debütierte, illustriert anschaulich und angenehm rough Szenen eines Diskurses, der zumal von dem englischen Soziologie-Journalisten Paul Mason griffig gemacht wurde. Mason beschreibt Leigh als eine Hochburg der Labour Party, die in der Thatcher Ära der „fremdenfeindlichen Rechten“ in die Hände fiel.

„Einige haben die Kultur des Widerstands gegen das Kapital durch eine Kultur der Revolte gegen Globalisierung, Zuwanderung und Menschenrechte ersetzt.“

Dortmund ist ein anderes Leigh. Der halbe Kontinent rostet im Verein mit Dortmund und Leigh. Mason erinnert daran, wie Foucault Thatcher und Reagan ankündigte: als Industriezerstörer. Die strategische Spaltung der Arbeiterklasse in Traditionalisten und Abtrünnige diente in erster Linie einer Schwächung der Gewerkschaften (Mason). Fortan war jeder „Unternehmer seiner selbst“ (Foucault).

Khayat zeigt die Wirkungen des neoliberalen Furors. Sie beschreibt lauter Implosionen. Der Niedergang einer Industrieregion geht ohne Lärm über die Bühne. Die Verluste durch Verslumung signalisieren einer aufgegebenen Klasse ihre Bedeutungslosigkeit. Auf dem Gipfel der Bedeutungslosigkeit (Wertlosigkeit) hat man keinen Ort mehr vor der Schanze. Man fürchtet den Gerichtsvollzieher und kommt nicht weiter als bis zur nächsten Pfandleihe.

Das erzählt Khayat frei von Sentimentalität: Wie aus einem Ort ein Unort wird. Johannas Generation kennt nichts anderes mehr als den Unort.

09:11 23.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare