Strategien der Unschärfe

Ängst Konferenz „Ohne die Frauenbewegung würde Jens Spahn noch im Gebüsch ficken.“
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Tarik Tesfu

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„Ohne die Frauenbewegung würde Jens Spahn noch im Gebüsch ficken.“

Diese Bemerkung einer Aktivistin illustriert die Befürchtung, das Rad der Geschichte könne mit schicken Formulierungen und mondän gecovertem Faschismus zurückgedreht werden. Inzwischen tagt die Arbeitsgruppe „Wie die Sprache nicht verlieren? Literarische Strategien gegen rechtes Denken und Sprechen“ seit vier Stunden. Während eine Fraktion den feministischen Fortschritt für unkündbar und die Welt des alten weißen Mannes für grundsätzlich erledigt hält, sehen andere die Restauration in neuen Verkleidungen am Werk.

Früher waren Nazis einfach zu erkennen.

„Die neuen Nazis sehen leider gut aus.“

Sie integrieren diverse Looks in ihr „Nordisches Mami Bloggen“ und starten White Baby Challenges. Sie verbinden Merkmale, an denen sie sich erkennen, mit Accessoires, die ihre Überzeugungen unsichtbar machen.

Alte Begriffe werden neu besetzt und reaktionäre Redeweisen wiederbelebt. Deklariert sich Spahn als „schwul und wertkonservativ“, so die Aktivistin, verleugnet er die Stifterinnen seiner Freiheit. Er füllt sein Portfolio mit Elementen des linken Kulturkampfs und preist sie als Errungenschaften Kohl’scher Bürgerlichkeit. Solche Appropriationen lassen sich auch als Auszehrungsstrategien einsetzen. Man demobilisiert den Gegner, indem man sein Emanzipationsvokabular neu rahmt und den Enteigneten in seiner außerparlamentarischen Unbeweglichkeit erstarren lässt.

Das ist eine Beobachtung: Plötzlich erlebst du dich neben Rechten, die halb getarnt in linken Zusammenhängen auftauchen und da kulturrevisionistische Inhalte bohème-strategisch platzieren. Das ist die kleine Fontäne zu Spahns Bugwelle.

Jünger des gesenkten Daumens

Nazis rücken mit Begriffen der Mitte in die Mitte. Sie beweisen Kreativität in zunächst unverdächtig erscheinenden Kombinationen. „Ethno-Pluralismus“ bedeutet bleib in deinem Land N… Eine staatlich betreute Rückführung firmiert unter dem Tarnnamen „Remigration“. „Skeptiker“ beschwören die Gefahren eines Megaaustauschs, der „die weiße Rasse“ auf Anordnung eines geheimen Rates zum Verschwinden bringen soll. Alle Ideenparks der Skeptiker sind antisemitisch begrünt. Diese Informationen performt Tarik Tesfu in der Nazis-und-Goldmund-Abendschule. Tesfus Lektion trägt den Titel Hate Side Story. Tesfu wird als feministischer Apostel gefeiert. Er selbst nennt sich lediglich Gender Love Messias. http://www.bento.de/autor/tarik-tesfu/ Berühmt wurde er mit kurzen Botschaften, auf die seine Feinde im You Tube Universum überlang reagieren.

Tesfu erklärt, wie Hass im Netz funktioniert. Animateure führen Jünger des gesenkten Daumens an. Sie füttern Chat-Gemeinschaften, die der Wunsch vereint, rassistisch und sexistisch auf die Kacke zu hauen. Die Angebote, die Tesfu ihnen macht, können sie nicht ausschlagen.

„Wir müssen über Zivilcourage im Netz reden.“

Strategien der Unschärfe

Die Temperatur der öffentlichen Hassdebatte hat den Grad tödlichen Fiebers erreicht. Die Erregung zirkuliert im maximalen Bereich. Kathrin Röggla kommt nach Tesfu mit einer Geschichte aus dem Bekanntenkreis auf die Bühne.

White Baby Challences

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Kathrin Röggla

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Was tun?

Da ist einer, den hielt man lange für clean nach den eigenen Maßstäben. Nun erfährt man via Facebook, dass er der „Droge Rechtspopulismus“ verfallen ist und nicht zu knapp AfD nimmt. Es gibt Gründe, den Kontakt nicht ganz schleifen zu lassen. Das ist ein Hölzchen des Vortrags, zum Stöckchen wird „der NSU-Prozess als Lehrstück über eine staatliche Strategie der Unschärfe“. Diese Unschärfe beherrschen auch Privatpersonen bei der Verklappung ihrer antisemitischen Ansichten.

Der NSU-Prozess habe zu einer sekundären Viktimisierung der Opfer im Justizlabyrinth geführt.

Es ist schon spät, ich verliere immer wieder den Faden. Röggla sagt: „Es muss eine rote Linie gezogen werden, um nicht ständig einer Verschiebung des Diskurses mit den Methoden der Unschärfe und Weichspülung ausgesetzt zu sein.

Wohl um zu bleiben, wer man bis eben war. Bevor der an sich linke Nachbar mit der Deutschlandfahne auf den Balkon kam.

„Der rechte Diskurs ist paranoisch. Er reduziert die Wirklichkeit und unterliegt dem Phantasma, es gäbe eine herrschende Elite, die Sprechverbote erteilt und zur Unschärfe erzieht.

Wie soll man den AfD-Neuwähler aus dem Bekanntenkreis annehmen?

Man könnte poetisch eskalieren.

Wird fortgesetzt.

09:26 16.06.2018
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