Strategien gegen die Vereinzelung

Lesung Wir erzählen unsere Geschichte selbst - Schwarze Perspektiven in der Neuköllner Werkstatt der Kulturen
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Als sich einmal wieder Mozarts Geburtstag zu einem Jubiläum verzopfte, fand im Rahmenprogramm eine Zeitgenossin des Genies Erwähnung, die lange ignoriert worden war. Josephine Soliman kam 1772 als Tochter des “Hofmohren” Angelo Soliman in Wien zur Welt. Ihre Biografie zählt zur “Verschütteten Geschichte” der Stadt. Entdeckt und dokumentiert wurde sie von einem Rechercheteam um Evelyn Johnston-Arthur, Belinda Kazeem und Claudia Unterweger. Josephine Soliman musste es hinnehmen, dass der Leichnam ihres Vaters präpariert und exponiert wurde. Die Tochter setzte sich gegen die Verdinglichung zur Wehr. Ihr Widerstand erscheint den Promoter_innen schwarzer Emanzipation vorbildlich. Die Avantgarde benannte eine Wiener Gasse symbolisch in Josefine-Soliman-Straße um, um die schwarze Diaspora zu bezeichnen. Das berichtete Unterweger einem konzentrierten Publikum in der Neuköllner Werkstatt der Kulturen. Da stellte die Journalistin ihr jüngstes, bei Zaglossus erschienenes Buch “Talking back” im Rahmen einer doppelten Premiere vor. Neben ihr trat die Autorin SchwarzRund mit dem Berlinroman “Biskaya” an.

Angelo Soliman habe immer als “österreichischer Toleranzpokal” und als Protagonist einer unglaublichen Aufstiegslegende mit der Dignität des edlen Wilden in der Freimaurerloge herhalten müssen. Ausgestopft wurde er trotzdem. Die Wiener verweigerten die Einsicht in ihren Rassismus. “Talking back” listet Strategien einer anderen Geschichtsschreibung. Die Alternativen sind Angriffe auf die Deutungshegemonie der Mehrheiten. Sie zeigen die Folgen entwertender Darstellungen und decken die rassistische Gewalt in der Sprache auf. Sie schildern Möglichkeiten der Ermächtigung und kollektiven Bewusstseinsbildung. Sie lehren Abwehrtechniken gegen Vereinzelung. Weiße Europäer wehren sich oft unbewusst mit Exotisierungen, Kriminalisierung und Fremdzuschreibungen gegen schwarze Landsleute. Unterweger lässt daran keinen Zweifel: Weiße definieren Schwarze. Ihre Fantasien lasten sie realen Menschen an. SchwarzRund: “Es gibt keinen schwarzen Rassismus - weil das mit struktureller Macht zusammenhängt. Schwarze Personen haben keine strukturelle Macht gegenüber weißen Personen.”

Die Parole des Abends lautete: “Wir schreiben unsere Geschichte selbst.

” SchwarzRund erzählt in ihrem “afropolitanen” Roman von einer queeren schwarzen Sängerin. Tue Millow hat Probleme mit ihren Haaren und dem Rassismus ihres Schlagzeugers.

Claudia Unterweger, “Talking Back - Strategien Schwarzer österreichischer Geschichtsschreibung”, Zaglossus, 19.95,-

SchwarzRund, “Biskaya - afropolitaner Berlin-Roman”, Zaglossus, 340 Seiten, 14,95,-

11:31 01.03.2017
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