Streckbank der Selbstkritik

#DailyStorytelling Mǎlíngshǔ entgeht dem rhapsodischen Brandungsrauschen neben ihr an einen Tresen, dessen Holz sie noch nie gestreichelt hat
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Gamja Eastwood lebt nach der Hemingway’sche Formel „Man kann zwar vernichtet werden, aber man darf nie aufgeben“.

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In den 1960er Jahren fielen der Kulturrevolution einmal auch sämtliche Klaviere eines Konservatoriums zum Opfer. Der als Volkserhebung inszenierte Staatsterror zwang die Direktorin auf eine Streckbank der Selbstkritik. Man ermutigte die bourgeoise Koryphäe mit öffentlichen Demütigungen. Sie erlag und überlebte.

Im Untergrund schwor sie der Kunst ab. Sie wählte den Nom de Guerre Mǎlíngshǔ Tāng. Mǎlíngshǔ glückte die Flucht nach Amerika. Als Hommage an die Klaviere absolvierte sie eine Schreinerinnenausbildung in Memphis.

In den Siebzigerjahren

Eines Abends kommt Mǎlíngshǔ in ihre Stammkneipe; einer Institution, eingelassen im Souterrain von Mary Carr Moores Geburtshaus. Mǎlíngshǔ kriegt, was sie will, ohne ein Wort zu verlieren. Wieder erfreut sie der Tresen als solide Tischlerinnenarbeit. Neben ihr streicht einer seine Zeitung glatt, vielleicht ein wenig zu gravitätisch im Gegenlicht der vor Ort herrschenden Zustände. Der Stutzer gibt dem zweifelhaften Bedürfnis nach, sich politisch zu äußern. Er verkündet die Tagesschlagzeile, den Fall Saigons. Die Evakuierung der letzten Amerikaner:innen läuft auf Hochtouren. Nordvietnamesen durchkämmen die südvietnamesische Hauptstadt. Der Flughafen steht unter Beschuss. Große Maschinen können nicht mehr eingesetzt werden.

Präsident Gerald Ford verkündete bereits das Ende des US-Engagements.

Der Zeitungsleser erzählt, was er in der Zukunft gesehen hat. Mǎlíngshǔ will mit dem Kaschemmenpropheten nichts zu tun haben. Ihr fehlt der politische Standpunkt. Der Zorn, den man von ihr erwarten könnte, wüsste man denn, was ihr widerfuhr, steht ihr nicht zur Verfügung. Mǎlíngshǔ wurde der Schneid abgekauft. Ihr Bestreben erschöpft sich in dem Bemühen, einer großen Müdigkeit nicht nachzugeben. Dazu kommt ein Suchtproblem.

Mǎlíngshǔ entgeht dem rhapsodischen Brandungsrauschen neben ihr an einen Tresen, dessen Holz sie noch nie gestreichelt hat. Ohne Vorlauf verliebt sie sich in einen Seemann auf der Durchreise, um ihm fast auf der Stelle an ein Ende der Welt zu folgen. Zwanzig Jahre später rutscht Mǎlíngshǔ ihrer Tochter Gamja durch die Finger und stirbt als Spielball eines Hurrikans. Das hausgemachte Unglück, man hat sich zu spät in Sicherheit zu bringen versucht, Gamjas Vater Maraqabaradhada Wallace Eastwood, ein halsstarriger Shrimpsfänger, hatte sämtliche Evakuierungsfristen verstreichen lassen, schmiedet die Überlebenden an den Hass. Die nächste Heimsuchung zerstört das Band. Maraqabaradhada zählt zu den ersten Opfern eines Blowouts im Golf von Mexiko. Eine Ölpest bedroht weit und breit alles. Das beschäftigt Gamja mehr als der ausgeschiedene Vater.

Die Tochter einer Konzertpianistin und Komponistin, die sich auf einem Traumatrip selbst zur Schreinerin degradiert hatte, und eines bildungsgleichgültigen, amusischen Texaners, für den John Wayne den Maßstab seines Lebens setzte, wurde in einer Gemeinschaft sozialisiert, die frei von Pathos biblische Gleichungen annimmt. Gamja lebt nach der Hemingway’sche Formel „Man kann zwar vernichtet werden, aber man darf nie aufgeben“.

Grandios in den Seilen hängende Typen bevölkern die Şūrʙokartoşka Bay. Die von Zypressenwäldern verdunkelte Marsch westlich des Mississippi Deltas entspricht als Landschaft einem Meskalinrausch. In den alten Tagen des französischen Südens war sie ein Rückzugsraum des Piraten Jean Lafitte. Immer noch lädt der Sumpf zu Verbrechen, maßlosen Erwartungen und Autonomiebehauptungen ein.

Obwohl Gamja auf der Ideallinie einer stoischen Existenzform balanciert, ist sie auf eine introvertierte Weise explosiv. Die Natur liefert ihr die Richtschnur. Alligatorinnen und Schlangen sind ihre Lehrmeisterinnen. Zum ersten Leben ihrer Mutter fehlt ihr fast jeder Zugang. Manchmal aber fällt ihr ein, wie Mǎlíngshǔ in versunkenen Augenblicken ein Barpiano übernahm und von Strawinsky zu Fats Domino wechselte.

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12:32 04.08.2021
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