Stumme Scham

Literatur Erste Bemerkungen zu Stacey Halls Roman „Die Verlorenen“ - Ich dachte an Abes stumme Scham ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Vertrautes Grauen
London 1754 - Bess Bright, Tochter eines erbärmlichen Krabbenfischers, aufgewachsen in der Hafengosse, findet sich von einem Moment zum anderen in einem Alptraum wieder, der noch viel grauenhafter ist als das vertraute Grauen von Geburt an.
*
Noch keine vierundzwanzig Stunden auf der Welt ist Clara, als ihre Mutter sie weggibt.
*
London 1754. Auf dem Thron sitzt ein Deutscher aus Hannover. Horace Walpole, IV. Earl of Orford, prägt das Wort vom Glück der unbeabsichtigen Entdeckung. In Schottland gründet man den Royal & Ancient Golf Club und bringt dazu ein erschlagendes Regelwerk heraus. In Pennsylvania taktet der Siebenjährige Krieg mit Interventionen britischer Milizen unter dem bravourösen Anführer George Washington auf. David Hume legt den ersten Band seiner Geschichte Englands vor. Isaac Newton steigt in den akademischen Ring. William Bligh kommt ahnungslos zur Welt. Seine Rolle auf einem Dreimaster namens Bounty steht noch in den Sternen.
Stacey Halls, „Die Verlorenen“, Roman, auf Deutsch von Sabine Thiele, Piper, 22,-
London steckt voller Punks. Die Armut grassiert wie ein tödliches Fieber. Die Prekären leben mehr oder weniger auf der Straße und vermehren sich da in dürftig arrondierten Arrangements. Stacey Halls schildert die erschütternde Alltäglichkeit von Notzucht und Liebe. Der Straßenkot empfiehlt, jedes Geschäft im Stehen zu verrichten. In allen Winkeln finden Stoffwechselprozesse statt. Ein Stutzer nimmt die Tochter eines Krabbenhändlers für sich ein. So kommt Bess Bright zu einer Tochter, die sie Clara nennt. Noch am Tag der Geburt überlässt die von tausend Nöten zerrissene Mutter Clara der karitativen Obhut im Foundling Hospital.
Sechs Jahre später will Bess das Kind zurück. Man legt der Analphabetin ein Dokument vor, um ihr den Inhalt mündlich auseinanderzusetzen. Danach hat Bess ihre Clara keine vierundzwanzig Stunden nach der Abgabe im Findlingsheim erfolgreich zurückgefordert.
Aus der Ankündigung

London 1754: Die junge Bess Bright, die in bitterer Armut, im Schlamm und Dreck des Londoner Hafens aufgewachsen ist, findet sich von einem Moment zum anderen in einem Alptraum wieder. Vor sechs Jahren musste sie ihre gerade zur Welt gekommene Tochter Clara ins Waisenhaus geben, außerstande, sie zu ernähren. Jetzt, da sie Clara endlich zu sich holen kann, sagt man Bess, dass ihre Tochter schon längst abgeholt wurde. Aber von wem? Im Kampf um Clara muss Bess die gesellschaftlichen Schranken ihrer Zeit überwinden ... um durch Stärke und Liebe schließlich zu sich selbst zu finden.

Zur Autorin

Stacey Halls, geboren 1989, wuchs in Rossendale, Lancashire auf. Neben einem Studium in Journalismus schrieb Halls u.a. für denGuardian,PsychologiesundThe Independent. Ihr erster Roman war in England das meistverkaufte Debüt 2019 und gewann den Betty Trask Award. Schon jetzt wird Stacey Halls als neue Stimme des authentischen historischen Romans gefeiert. „Die Verlorenen“ ist ihr zweiter Roman.

17:26 02.03.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare