Jamal Tuschick
14.04.2017 | 18:47

Superpartner_in

Literatur Alice ist gut zu Fuß und hart im Nehmen - In ihrem Fall kollidieren konventionelle Annäherungswünsche mit dem Begehren der Stalkerin, die das Objekt ihres Begehrens ...

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jamal Tuschick

„Man kommt in seiner Familie an ... und im Raum findet schon seit vielen Generationen vor der eigenen Ankunft ein Gespräch statt.”

Die bewusstseinserweiternde Feststellung ragt aus einer Abbildungswüste aller möglichen Zeitgenossenschaften. Die Zugangs- und Pulswörter inszenieren sich als Textmarken. Sie erinnern den Leser an seine unvollendete Twitter- und Facebook-Existenz - eine Brache. Unter dem Emoticonmond gewinnen Wörter ihre Zeichenhaftigkeit zurück. Hieroglyphe, Design und Signal überlagern den wieder unbegriffenen Schub eines autonomen Fortschritts, gegen den man als Verweigerer suizidal Stellung beziehen müsste wie gegen ein Terrorregime.

Inzwischen gibt es hundert mit Facebook verknüpfter Romane, denen die Verknüpfung nichts genutzt hat. Nun also the first Instagram novel, so Josephine Livingstone in New Republic. Die Journalistin vermutet eine neue irdische Weltraumgrenze, die junge Pioniere der Gegenwart mit Informationen aus der Zukunft vermessen. Man hält die Frontiers für Natives, obwohl Autochthone oft Slumbewohner sind.

Sudjics erster Roman beginnt mit einem Ausschluss, den jeder kennt. Man blockiert vorsätzliche und andere Verkenner der eigenen Vorzüge, Leute, die einem zwanghaft blöd kommen, Parias, die sich in der Gesellschaftsetage geirrt haben und das nicht merken, Jäger, die Fotos von ihren Strecken publizieren, langweilig gewordene Telefonsexpartner_innen und aufgegebene Geliebte. Die Vorstellung eines Schlosses liegt doppelt nah. Das universelle Zugangsverweigerungssymbol ist ein Schloss. Erzählerin Alice Hare, 23, ein Produkt zersetzter Familienverhältnisse, britisch, graduiert, verstrolcht und abergläubisch auf die aktuelle Art, erlebt die Zugangsverweigerung als Liebesentzug. Allerdings kollidieren konventionelle Annäherungswünsche in ihrem Fall mit dem Begehren der Stalkerin, die das Objekt ihres Begehrens, eine japanische Schriftstellerin, lange wie eine Nackte auf der Datenautobahn verfolgen konnte. Mizuko Himura unterrichtet literarisches Schreiben an der Columbia University. Sie dramatisiert Leute mit einem Japanhau, ihre Beine sind so glatt, als hätten sie nie eine Rasur nötig gehabt. Alice versenkt sich in Mizuko, sie fasst die Geliebte auf wie ein Studium. Sudjics Schilderungen einer ungesunden Leidenschaft ergänzen ältere Bekenntnisse. Die Japanerin als geisterhafte Erscheinung mit bondagekompatiblem Fetischcharakter erhält ein Genre. Alice kongt neben Mizuko, sie ist außerdem gut zu Fuß und hart im Nehmen. In New York wohnt sie bei Oma Silvia. Oma kippt allmählich aus den Latschen, Alice versucht ihr mit Einläufen Erleichterung zu verschaffen. Auf ihren Expeditionen entdeckt sie das angeblich älteste Lebewesen der Stadt. Der Tulpenbaum soll schon seinen Platz auf der Welt eingenommen haben, als sich New York in der niederländischen Siedlung New Amsterdam erst ankündigte.

Der Klappentext verlötet „Identität und Liebe im digitalen Zeitalter” mit Supersymmetrie, einem Wissenschaftsbegriff, der den Romantitel ansteuert: „Jedes Partikel besitzt ein sympathisches Gegenpartikel, das es auf ewig anzieht.” Mizuko taugt leider nicht für die Rolle der Superpartnerin. Siehe Wikipedia: „ Die Supersymmetrie ist eine hypothetische Symmetrie der Teilchenphysik, die Teilchen mit ganzzahligem Spin und Teilchen mit halbzahligem Spin ineinander umwandelt. Dabei werden Teilchen, die sich unter einer Supersymmetrie-Transformation ineinander umwandeln, Superpartnerinnen genannt.”

Alice reagiert auf die Reserve des Idols mit Realitätsverlust. Es gibt auch sonst keinen, der die Adoptierte in die große Gleichung eines gelingenden Lebens bringen könnte. Wie gesagt: „Man kommt in seiner Familie an ... und im Raum findet schon seit vielen Generationen vor der eigenen Ankunft ein Gespräch statt.” Für Alice Hare wie Hase gilt das nicht. Sie hat keine Leute, denen sie angehört nach den Regeln von Blut ist dicker als Wasser. Zum Ersatz baut sich Alice in ihren Rechner ein - der Computer als Hasenhöhle und künstliches Paradies aka Wunderland.

Olivia Sudjic, Sympathie, Roman, aus dem Englischen von Anna-Christin Kramer, Kein & Aber, 496 Seiten, 24,00.-

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