Superriotwomen

#Leben Man begegnete sich in den miefig-gediegenen Verhältnissen von Eingewanderten, die in London bürgerlich angekommen waren.
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Man begegnet sich in den miefig-gediegenen Verhältnissen von Eingewanderten, die in London bürgerlich angekommen sind. Charu Benisha lebt vorbildlich in formaler Strenge nach Geboten des Zarathustra. Die Musikerinnen, mit denen ihre Tochter Dayita, genannt D-Day, eine Band bildet, sollen ihren biografischen Background begreifen. Charu Benisha lässt das gepolsterte Familienfotoalbum herumgehen und erklärt: „Wir sind Parsen, unsere Vorfahren flohen vor tausend Jahren von Indien nach Sansibar.“

Ihre Zuhörer*innen staunen. Ihnen hatte D-Day weisgemacht, in London geboren zu sein. Die Superriotwomen ziehen ihre Sängerin auf, D-Day windet sich und findet Mama peinlich. Sie fühlt sich von ihrer Herkunft eingeengt. Die Vergangenheit soll ruhen. Was zählt, ist die glänzende Zukunft von Superriotwomen. Das ist eine Band mit Potential. Täglich gibt es auf dem Weg nach oben etwas zu feiern. D-Day verkündet, eine Namensänderung vorgenommen zu haben. Von jetzt an ist D-Day nicht mehr nur ein Spitzname, sondern als Doris-Day amtlich. So amtlich wie DeSoto.

Doris-Day DeSoto, was für ein Quatsch! Die Züge der Mutter entgleisen. Ihre Religion kennt keine Lockerungen. Der Zoroastrismus ist persischen Ursprungs. Seine indischen Anhänger nennen sich Parsen. Die Parsen auf Sansibar, wo Doris-Day DeSotos Mutter 1960 als Charu Benisha geboren wurde, mussten nach einer Revolution im Januar 1964 den oft besungenen Archipel vor dem afrikanischen Festland verlassen, mit nichts außer dem, was wir am Leib trugen, wie es in einer Weise heißt.

D-Day war erst kurz vor der Bandgründung aus einem indischen Internat zurückgekehrt. Sie war keine ihren ethnischen Ursprüngen entfremde Postmigrantin, deren Differenz sich in der Herkunft ihrer Eltern erschöpfte. Vielmehr schöpfte sie aus dem kulturellen Fundus ihrer Ahn*innen. D-Day hatte schon eine Menge von der Welt gesehen, als sie in London vom Goldfieber erfasst wurde und sich selbst neu erfand - im Zuge einer Verweigerung der Annahme von Implikationen und Komplikationen ihrer Abstammung. Diesen Kraftakt der Selbstschöpfung vollbringt sie ohne Zeug*innen, da keine begreift, was in D-Day vor sich geht. Ihr öffentliches Leben endet beim The-Future-is-Female-Festival an einem Wochenende im Juni 2000 im Wembley Stadion. Er begann und endete mit kolossalen Herkunfts- und Zukunftsbegriffen. Nach einer schlechten Zeit in Melbourne fand D-Day noch einmal ihre Hochform, eingedenk der Erkenntnis, gar nicht falsch singen zu können, wenn das Publikum erst einmal ergriffen ist. In Wembley kriegte die Ekstase Seriencharakter. Alles, was wir jetzt so stark spüren, war damals schon da. Unsere Mütter rockten den Rasen, wir waren heilige Töchter.

Gleich mehr.

05:16 18.02.2021
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