Supersünder

Georges Bataille porträtiert einen „Schwachkopf“; einen ebenso selbstherrlichen wie zwanghaften Verschwender. Gilles de Rais vernichtet eines der größten Vermögen Frankreichs.
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Ohne Sünde ergibt das Christentum keinen Sinn. Deshalb erfüllt die fehlende und büßende Sünderin eine mit ihrer Delinquenz kaum verbundene, paradigmatische Funktion. Die Erbsünde garantiert, dass niemand außen vor bleibt. Alle dürfen auf Vergebung hoffen. Alle müssen darum bitten. Ich fasse so ein Fazit von Bataille kurz und grob zusammen. Batailles Auseinandersetzung mit dem lange unantastbaren Serienmörder Gilles de Raisgipfelt in dessen ungetrübter Paradieserwartung kurz vor der Hinrichtung, so wie in der Charakterisierung des Delinquenten als Kind.

GdR zweifelt nicht an Gottes Gnade. Seine Morde setzt er in einen sakralen Rahmen. Er ist einfach nur der Supersünder.

Bataille widerspricht sich intelligent bei seinem Zusammenschluss von Kindheit und Monströsität. Kinder sind monströs und können es ihrer Konstitution nach gar nicht sein. Die Gesellschaft des 15. Jahrhunderts sockelt nicht auf rationalen Prämissen. Die Feudalherren führten „ein üppiges und unbeständiges Leben. Sie lachen, jagen und führen Krieg, unaufhörlich an den Feind“ denkend. Sie langweilen sich selten und arbeiten nie.

„Sie trachten nicht nach Vernunft.“ Sie feiern das Chaos und waten im Unbegreiflichen. Bataille listet „Berechnungen, Gewalttaten, gute Laune, blutigen Unfug“ auf, um den irrational-archaischen Charakter der Epochenbestimmer zu illustrieren.

Der Autor erkennt keinen Unterschied zwischen einem Grandseigneur und einem Freibeuter. Schon GdRs hochadeliger Großvater orientierte sich an Banditenbegriffen, ohne gesellschaftlich aus dem Rahmen zu kippen.

Ritualmordroutine

Im Mittelalter verdichtet sich unter Breton:innen die Mär von einem legendären Ungeheuer zum phantastischen Wesen aus Fleisch und Blut. Es qualifiziert sich mit monströser Überschreitungsbereitschaft. Den Gipfel seiner Verworfenheit erreicht es als Mörder in einer Kirche. Gilles de Rais, ein Mann von Adel und dramatischer Geltungssucht ...

„ihm voraus ritt eine königliche Eskorte, ein geistlicher Stab begleitete ihn. Ein Wappenherold, zweihundert Mann und Trompeten kündigten ihn an, eine Art Bischof (Chorknaben und Singschüler) bildeten das ... von reichsten Ornamenten strahlende Gefolge“ ...

begeht unter schwachen Auflagen der Diskretion eine grausige Menge unsanktionierter Lustmorde; während vorsichtig anzeigende Verwandte der Opfer vernichtende Repressionen erwarten.

Georges Bataille beschreibt de Rais als „besinnungslos leidenschaftlich (und) maßlos unruhig“.

Er gibt „enorme Summen für (Geisterbeschwörer:innen) aus, die den Teufel für seine Ziele einspannen sollen … (Seine) Diener entführten Kinder ... die er in seinen Schlössern … foltert und dann ermordet ... Seine erstaunliche Unantastbarkeit ...“ Wikipedia

Die Eltern der Abgeschlachteten fürchten sich im Schatten von Festungen, deren Ruinen, so sagt es Bataille treffend, von uns als Touristenattraktionen wahrgenommen werden. Der Autor spricht von einem sich steigernden „stummen Entsetzen“. Gleichzeitig leidet der Mörder die Not, mit seinen Verbrechen nicht lauter prahlen zu können. Er hält sich für „ein Wesen von eigener Art, dem Gott und Teufel beistünden“. GdR wähnt sich in einem Zustand der Gnade.

Als Batailles Buch über einen Kindermörder Ende der 1960er Jahre zum ersten Mal auf Deutsch erschien, donnerte der Spiegel:

„Sie kämpften und siegten gemeinsam für ihren König Karl und starben beide durch Henkershand. 1431 verbrannte das Bauernmädchen Jeanne d'Arc auf dem Scheiterhaufen in Rouen. Neun Jahre später wurde Sire Gilles de Rais, Marschall von Frankreich, in Nantes am Galgen aufgehängt und den Flammen übergeben.“ Quelle

Bataille deklariert eine Herausforderung der (bis zur Abscheulichkeit gesteigerten) Sünde als christliche Sendung. „Das Christentum rechnet mit der Gewalt.“ So was las man gern als Pubertierende(r). Eine Kasseler Meinungsfürstin hatte MDN (kurz Dicle) und mir Bataille empfohlen. Es gab den wertsteigernden Hinweis auf eine Verbindung zu Walter Benjamin. Vor allem ließ sich Batailles erzählende und theoretische Prosa leicht lesen. Der Autor schildert GdR als eine historische Figur, die der Aufklärung entgegensteht.

Mit GdR gäbe es keine Aufklärung. Die Vernunft wäre abgeschafft. Eine Raserei der Sinne bestimmte den Lauf der Dinge.

Bataille erinnert an die Gegenaufklärung und den resilienten Katholizismus von Mont Saint-Michel. Die kaiserliche Restauration des französischen 19. Jahrhunderts kassierte das ideologische Tafelsilber des Konvents. Bataille fischt in einem rückwärts fließenden Bewusstseinsstrom.

Ihn beschäftigt die Gleichsetzung des diabolischen Barons mit dem sagenhaften Blaubart; obwohl die Blaubart-Legende bereits kursierte, bevor GdR die Bühne betrat und zum Stifter volkstümlicher Begriffe wurde. Sein wüster Durchmarsch fusionierte im kollektiven Gedächtnis mit dem Archaischen und Mythischen in der Gestalt eines Wiedergängers. Noch vierhundert Jahre nach seiner Hinrichtung führte man Volkskundler:innen in Räume, „in denen er für gewöhnlich die kleinen Kinder umgebrachte“.

Das ewige Präsens der Erzählung und die Aufhebung der Differenz zwischen Wahn und Wirklichkeit erzeugen eine anspruchsvolle Totalfiktion. Sie bestätigt GdR in seiner grandiosen Selbstwahrnehmung. GdR lässt nichts zu wünschen übrig, wenn man das Böse wie ein Denkmal betrachten möchte. Alle möglichen volkstümlichen Marken gesellen sich zu marienwunderartig-satanischen Phänomen, die GdR zugeschrieben werden. Die gemarterten Kinder etabliert eine perverse Transition da, wo ein vielleicht nur vorgetäuschter Aberglaube des Serienmörders sie ursprünglich verortete - in einer religiösen Dynamik.

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Bataille porträtiert einen „Schwachkopf“; einen ebenso selbstherrlichen wie zwanghaften Verschwender. Gilles de Rais vernichtet eines der größten Vermögen Frankreichs. Bataille nennt GdR in zivilen Belangen „zerstreut“.

Archaisch und naiv zugleich

Halb Kind, halb Krieger, verkörpert GdR sich selbst in einer kolossalen, auch kolossal grausamen Inszenierung. Die Mächtigen schätzen seinen Mut vor dem Feind. Jeanne d'Arc wünscht ihn sich an ihrer Seite. Man macht aus ihm den Marschall von Frankreich*. Das Amt wäre ihm nicht angetragen worden, hätte GdR politisches Talent erkennen lassen. Ihn qualifiziert seine effektive Beschränktheit. Als Erfüllungsgehilfe des durchtriebenenGeorges de La Trémoillereüssiert GdR in der Rolle des nützlichen Idioten.

*„Der Rang Marschall von Frankreich, frz. Maréchal de France, war das militärische Stellvertreteramt des Kronfeldherrn (Connétable von Frankreich).“ Wikipedia

„La Trémoille drängte (GdR) in den Vordergrund. Aber was politisch im Sinn von Berechnung war, behielt er sich vor.“ Wäre der Haudrauf zudem ein begnadeter Intrigant gewesen, hätte ihn sein Mentor nicht zum Marschall avancieren lasssen.

Ritualmordroutine/Gewöhnliche Grausamkeit

Kein Großamt der Krone schanzt seinem Inhaber mehr Prestige zu. Bataille gräbt tief, um die Schlucht zwischen gesellschaftlichem und geistigem Rang im Fall von GdR als Grand Canyon auszuweisen.

In seiner Ritualmordpraxis tritt GdR als beinah legitimer Herr über Leben und Tod auf. Die gemarterten, geschändeten und geschlachteten Kinder haben nicht allein in den Augen der Komplizen keinen höheren Stellenwert als Nutztiere. Jedenfalls bleiben in diesem aus Bediensteten und Kumpanen zusammengesetzten Mördermilieu sämtliche Akteure frei von Unrechtsbewusstsein.

Bataille rückt die perversen Akte neben Kriegshandlungen von (nach den Epochemaßstäben) gewöhnlicher Grausamkeit. Der Autor macht deutlich, dass GdR vor allem deshalb seine Spielräume verliert, weil er „kein Gefühl für neue Notwendigkeiten“ entwickelt.

Ohne Sünde ergibt das Christentum keinen Sinn. Deshalb erfüllt die fehlende und büßende Sünderin eine mit ihrer Delinquenz kaum verbundene, paradigmatische Funktion. Die Erbsünde garantiert, dass niemand außen vor bleibt. Alle dürfen auf Vergebung hoffen. Alle müssen darum bitten. Ich fasse so ein Fazit von Bataille kurz und grob zusammen. Batailles Auseinandersetzung mit dem lange unantastbaren Serienmörder Gilles de Rais gipfelt in dessen ungetrübter Paradieserwartung kurz vor der Hinrichtung, so wie in der Charakterisierung des Delinquenten als Kind.

GdR zweifelt nicht an Gottes Gnade. Seine Morde setzt er in einen sakralen Rahmen. Er ist einfach nur der Supersünder.

Bataille widerspricht sich intelligent bei seinem Zusammenschluss von Kindheit und Monströsität. Kinder sind monströs und können es ihrer Konstitution nach gar nicht sein. Die Gesellschaft des 15. Jahrhunderts sockelt nicht auf rationalen Prämissen. Die Feudalherren führten „ein üppiges und unbeständiges Leben. Sie lachen, jagen und führen Krieg, unaufhörlich an den Feind“ denkend. Sie langweilen sich selten und arbeiten nie.

„Sie trachten nicht nach Vernunft.“ Sie feiern das Chaos und waten im Unbegreiflichen. Bataille listet „Berechnungen, Gewalttaten, gute Laune, blutigen Unfug“ auf, um den irrational-archaischen Charakter der Epochenbestimmer zu illustrieren.

Der Autor erkennt keinen Unterschied zwischen einem Grandseigneur und einem Freibeuter. Schon GdRs hochadeliger Großvater orientierte sich an Banditenbegriffen, ohne gesellschaftlich aus dem Rahmen zu kippen.

15:14 13.07.2021
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