Synästhetische Volte

#Leben Ysabeau gibt nach und stößt vor, ich möchte sagen, in einem Reigen mit gesichtslosen Fremden. Aber das sind keine Gesichtslosen.
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„Du wirst dich hier nie einleben.“

So weist die körperlich überragende, dramatisch gutaussehende Platzhirschkuh eine vor Ort lediglich verweilende Geometerin zurück, die in den Revieren der Nacht auf die Pirsch geht. Ysabeau Zarminah simst Frauen und Männern ihre Telefonnummer. Der Vorgang entspricht einer stereotypen Gebärde, der Ysabeau nur selten Nachdruck verleihen muss. Sie positioniert sich an den Schmalseiten der Tresen und macht ihre Beobachtungen. Ohne Eifer. Ohne Zorn, um einmal wieder einen alten Titel anzuspielen.

Ysabeau novelliert ihre Erfahrungen in Aufzeichnungen. Mitten im Freikampf der ungebundenen Geschlechter nimmt sie eine combatologisch-poetische Position ein. En garde. Ysabeau schildert ihre Stopover-Kopulationen in den Begriffen des Close Range Combats: Opening, Balance, Finishing.

Ysabeau führt das nicht aus. Ich erkläre es euch. Man öffnet den Feind mit einer schneidenden Bewegung, dann stört man sein Gleichgewicht, bevor man die Sache beendet. Das lässt sich auch ins Passiv setzen. Dann verschließt man sich dem Feind und erzwingt so Öffnungsversuche, die selbstverständlich von einem rigorosen Scheitern begleitet werden sollen.

Für Ysabeau ist Sex Chisao und insofern Training. Sie gibt nach und stößt vor, ich möchte sagen, in einem Reigen mit gesichtslosen Fremden. Aber das sind keine Gesichtslosen. Ysabeau reagiert nur auf Gesichter. Sie schaut dir in die Augen, um in einer synästhetischen Volte deinen Point of no return zu spüren.

Ysabeau nennt jedes Bett, in das sie sich mit einer Person legt, Feld. Sie ist dann im Feld. Da folgt sie dem ersten Hauptsatz jedweder Selbstverteidigung:

To control your opponent is the basic.

Ysabeau träumt von Antagonist*innen, die sich nicht einfach manipulieren lassen. Sie registriert, wenn jemand noch besser angezogen ist als sie. Sie erkundet, ob jemand einem Plan folgt. Wie breitbeinig eine an der Bar lauert. Ob die Routine einer Akteurin lediglich die große Schwester der kleinen Lächerlichkeit ist.

Déjà-vu Sex

Ich fokussiere eine Szene und beginne mit der Frage: Warum hat Ysabeau nicht eine unbeholfenere, seelisch lebhaftere Gegnerin angelockt; diese pflockt nicht mehr als die Simulation von Interesse an. Sie heißt Bente. Ysabeau schmeichelt ihr und gibt ihr Sicherheit, so wie Ysabeau ihr Feuer geben würde, wäre noch irgendwer Raucherin. So wie Ysabeau aus- und voranschreitend, Bente gleich die Türen aufhält, bis sie im Feld angekommen sind.

Ysabeau ist ready für eine Runde Chisao.

Alles ist Ritual.

Ysabeau weiß, dass sie sich an Bente nur wiederholen wird. Der Wein und das Essen vorhin, alles erschien bereits wie schon einmal genau so geschehen. Ysabeau beobachtet die Wirkungen gekonnter Beliebigkeit, einer wie aus Seidenpapier geschlagenen Gewöhnlichkeit; einer in Samt und Seide hochstapelnd verpackten Belanglosigkeit. Und doch, und nur deshalb erzählen wir euch das, geht da was mit Bente.

Versteht mich nicht falsch, Ysabeau genießt jedes Detail in Bentes seelischem und räumlichen Singlehaushalt. Dann sitzt sie in einem anderen Land im Café, am Nachbartisch orgelt ein junger Mann auf seinem Rechner.

Ysabeau läuft täglich. Wir sehen sie vor großen Spiegeln im gymnastischen Rausch. Ysabeau fühlt sich so gut in der europäischen Flüchtigkeit. Einchecken, auschecken, weiter. Doch immer wieder öffnet die Reisende ein Sehnsuchtsfunke, den Bente gezündet hat. Bentes Zurückhaltung erweist sich als Totalität. Sie reagiert auf keinen Fernmeldekontaktversuch. Ysabeau schießt sich wie eine Rakete zurück in Bentes Habitat. Das ist eine Stadt wie Hannover, nur in Schweden.

Gleich mehr.
08:04 10.02.2021
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