Tadellos außerehelich

Michael Rutschky Nachtrag zu Michael Rutschkys „Gegen Ende“ – Die alimentierte Rivalin - In den persönlichsten Aufzeichnungen beweist Rutschky, wie klein seine Welt ist. Als Nordhesse …
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In den persönlichsten Aufzeichnungen beweist Rutschky, wie klein seine Welt ist. Als Nordhesse in Berlin erscheint er exemplarisch für den Sprung aus der Provinz in die Großstadt, auch wenn er das einschlägige Programm kolossal überbietet. In der Gegenwart von Kathrin Passig und Thomas Palzer und in Thomas Braschs Stammlokal „Ganymed“ am Schiffbauerdamm konstatiert er „sexuelle Appetitlosigkeit“.

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„Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben.“ Titus Maccius Plautus

„Old age ain‘t no place for sissies.“ Bette Davis

Er beobachtet „Techniken der permanenten Aufmerksamkeitserhaltung“ bei Karin Graf und Joachim Sartorius. Einer Inderin sagt er nach: Sie begann „als lesbisch-feministische Anarchistin und mutiert(e) … zur Begleiterin“ des Dichters als alter Mann. Sein Blick ist ungetrübt, das Alter macht ihn nicht zottelig-nachsichtig. Er bleibt sich selbst erhalten.

Michael Rutschky, „Gegen Ende. Tagebuchaufzeichnungen 1996-2009“, zusammengestellt von Michael Rutschky und Kurt Scheel. Mit einem Nachwort von Jörg Lau. Berenberg Verlag, 360 Seiten, 24,-

In Zürich klaut man ihm die Reisetasche, Rutschky empfindet Bewunderung für die versierte Kaltblütigkeit des Diebes. Er bedauert kaum sich auflösende Freundschaften. Jörg Lau droht er mit Liebesentzug, nun „plane er nicht mehr fest“, Lau als Nachlassnehmer zu privilegieren. Rutschky konstatiert die Vermeidung großer Gattenkräche und erbaut sich an einer „tadellos“-außerehelich zustande gekommenen Erektion. Seine Frau erlebt er auch als alimentierte Rivalin. Ein Infarkt trennt ihn spontan vom Nikotin, nicht aber vom Alkohol. Eine Weile limitiert er sich mit privater Ungastlichkeit, doch

„bald war das häusliche Weißweinregiment restauriert.“

Da Katharina Rutschky, „wenn sie Trost“ sucht, „ihren gesamten Schmuck auf der Bettdecke“ auslegt(e), begreift er die Schmucksucht der Tanten. Rutschky skizziert die kindliche Perspektive: den prunkgewaltigen Aufmarsch im Persianer mit drei- und vierreihigen Zuchtperlenketten und dem ganzen Gelb- und Weißgoldbukett.

Die Dominanz habe ich auch zur Verfügung. Ich hatte wenigstens fünfzig Tanten und Großtanten, von denen die Hälfte bei jeder festlichen Gelegenheit unwirklich herausgeputzt auftrat, sonst aber in der Kittelschürze (geistig bedürfnislos) existierte.

Der Gegensatz wird von Rutschky leider nicht auf die Spitze getrieben … dann hoben zwei meiner Großtanten ihre Kleider und pissten auf den Parkplatz gegen die Reisebusreifenmäntel, ohne das Gespräch zu unterbrechen.

Rutschky bringt das bramarbasierende „Wasser abschlagen“ der Männer an. Die Frauen hatten in der Welt meiner Großmütter unterschiedlich „hohe Wasserfälle“. Das gehörte schlankweg zur Erotik vermutlich solange, bis alle Nylonstrumpfhosen trugen und die Gebärde des hochgeschlagenen Rocks neu eingerahmt wurde.

Rutschky beklagt seine „Verarmungsangst“ und gesteht (sich) eine abenteuerlich-abergläubische Geldwirtschaft. Einerseits rentiert sich keine Vermögensbildung, andererseits droht die Wahrheit des Witzes:

Nach der Untersuchung fragt der Arzt den Künstler:

„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche wollen Sie zuerst hören?“

„Die gute.“

„Sie haben noch ein halbes Jahr zum Leben.“

Fragt der Künstler:

„Von was denn?“

Wird fortgesetzt.

17:59 23.06.2019
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