Talking about Texas

Poesiefestival 2019 Es ist so viel los in Berlin, dass ich kaum nachkomme. Vorgestern trat Eileen Myles beim Poesiefestival in der Akademie der Künste auf. Für sie hängt Sexualität und ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Jayrôme C. Robinet

Eingebetteter Medieninhalt

Es ist so viel los in Berlin, dass ich kaum nachkomme. Vorgestern trat Eileen Myles beim Poesiefestival in der Akademie der Künste auf. Für sie hängen Sexualität und Poesie zusammen. Die Libido ist Texterin.

„Ich war mir stets sicher, eine Dichterin zu sein, aber ich war mich lange nicht sicher, ob ich lesbisch sein wollte.“

In ihrer Jugend schwankte Myles zwischen Hippie und Punk und so war die New Yorker Szene. Die akademische Kunst erschien Myles steril, das Interessante passierte auf der Straße – und es war politisch. – Und es war rough, richtig heiß und gefährlich, wie Edmund White an einer anderen Stelle ergänzte. In der Regie von Deniz Utlu trafen sich White und Jayrôme C. Robinet auf der Studio Я Bühne des Maxim Gorki Theaters. Ich habe schon erzählt, wie die Gay-Ikone White New York in den frühen Siebzigern erlebte, als einem die Ratten in die Bars folgten, die Miete mit drei Kellnerschichten in einer Mafiakaschemme eingefahren werden konnte, und Sex einfach zu haben war. Man fühlte sich herausgehoben und auserwählt. Trotzdem ging Myles nach Texas … talking about Texas means the Western Poems … und White ging nach Paris.

White fühlt sich der Wahrheit verpflichtet. Erfindungen haben in Biografien nichts zu suchen, sagt er. Immerhin dürfe eine memorierte Figur so bizarr sein wie man selbst.

„Heterosexuelle erleben wenig. Deshalb experimentieren sie mit der Form, um wenigstens originell zu wirken.“

Für die jungen Homosexuellen der White-Generation war alles neu. Ihre Realität war originell. Auf den literarischen Schlachtbänken verblutete die Exzentrik. Man kreierte Typen mit einem halbwegs gemäßigten Repertoire, weil die Wahrheit unglaublich war. Hatte einer siebzehn Liebhaber, machte man der Glaubwürdigkeit wegen sieben daraus.

Jayrôme C. Robinet beschreibt in seinem annähernd autobiografischen Text „Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund“ seine Transition. Im Gespräch vermied er Angaben zum fiktiven Gehalt. Ich habe das Buch als Bericht gelesen. Robinet erlebte wie das ist, von der eigenen Mutter nicht erkannt zu werden.

Er kam mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt und beobachtete an sich von klein auf eine ambivalente Wahrnehmung der vorgezeichneten Geschlechtsrolle. In der Pubertät gab er sich offensiv feminin. Er genoss den Flirt im Fokus männlicher Aufmerksamkeit.

In Frankreich ist der Flirt „eine Art Höflichkeitsform, (er) gehört zum netten sozialen Umgang, (er) ist quasi Pflicht.“

Jayrôme C. Robinet, „Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund“, Hanser, 210 Seiten, 20,-

Der als Mädchen und junge Frau „gelesene“ Robinet erschien der Welt weiß und begehrenswert. Er fühlte sich zu Frauen und Männern hingezogen, jenseits der Kategorien von gleich- und gegengeschlechtlicher Anziehung. Vermutlich erleben die meisten Menschen eine Zeit der Uneindeutigkeit, bis die Würfel fallen. Ich glaube, dass die Ausbildung der Präferenzen davon abhängen kann, in wen man sich verliebt. Man vergisst die ursprüngliche intrinsische Variabilität in der postadoleszenten Praxis. Es ist unpraktisch, divers zu sein. Überschreitungen der Norm werden auf allen Feldern sanktioniert. Devianz nach Kräften zu vermeiden, ist normal. Fällt die Vermeidung aus, öffnet sich das Spektrum der Möglichkeiten und die Umgebung reagiert irritiert und mitunter gereizt.

Robinet schildert die Hürden auf dem Weg zur Maskulinisierung der eigenen Person. Die Diagnose Transsexualismus ist an Haltungsnoten und Ergebenheitsadressen gekoppelt. Das nicht-binäre Potential wird wie ein Reaktor nach dem GAU in einen psychiatrischen Betonmantel gegossen. Solche Diversifizierungen sind gesellschaftlicher Sprengstoff. Eine Debatte auf der von Robinet angedeuteten Differenzhöhe verschöbe die Parameter jeder Fortpflanzungsgemeinschaft.

Robinet legt Wert auf die Feststellung, nicht „im falschen Körper geboren“ zu sein. Die Wendung ist ein Ausdruck der unbeholfenen Zurechtweisung. Sie fasst die Transition als Korrektur auf.

10:31 17.06.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare