Taxi Driver

Literatur In Assaf Gavrons neuem Roman "Achtzehn Hiebe" bewährt sich ein Taxifahrer als Privatdetektiv.
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Das Nelson in Tel Aviv 1946. In der Bar treffen Jüdinnen britische Soldaten. Sie „träumen von einem zivilisierten, kultivierten Land jenseits des Meeres. Die Unseren sind Grobiane - aber die Briten, welche Gentlemen! Eddie erzählt von seinem Dorf in Irland, vom Regen, von den Seen und Wäldern.“

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Ein Ire wird in Tel Aviv begraben.

„Zufällig war er Jude.“

Das bemerkt die Frau seines Lebens nach der Beerdigung beiläufig in Eitan Einochs Taxi. Lotta Perl erinnert ein erotisches Erdbeben mit zwei Herden vor Jahrzehnten. Damals trug ihr Geliebter die Uniform der britischen Armee. Sie wies ihn als Gegner der jüdischen Milizen aus. Die Partisanen wehrten sich auch gegen eine spezielle Erniedrigung im Sanktionsrepertoire der Mandatsmacht – eine mit achtzehn Hieben auf den Hintern vollendete Prügelstrafe. Dieses Leibgericht gibt dem Roman von Assaf Gavron den Titel.

Achtzehn ist der Zahlenwert des hebräischen Worts für Leben. Ein Gebet der jüdischen Liturgie ist das Achtzehn Bitten Gebet. Achtzehn Taxis besitzt Eitans Kollege Morris. Achtzehn Jahre Gefängnis erwarteten einen minderjährigen Attentäter zu der Zeit, als auf Menachem Begin ein Kopfgeld ausgesetzt war, und Jizchak Schamir sich zu Ehren eines irischen Freiheitskämpfers Michael Collins nannte. Schamir, der 1983 Ministerpräsident wurde, engagierte sich gegen Großbritannien als Chef einer Irgun Sezession – der Stern Gang (Lechi).

Wikipedia sagt: „Lechi (Kämpfer für die Freiheit Israels) war eine radikal-zionistische, paramilitärische Untergrundorganisation in Palästina während des britischen Mandats. Die Briten bezeichneten sie nach ihrem Gründer Avraham Stern als Stern Gang.“

Einoch unterhält seine Kundschaft mit historischen Räuberpistolen. Er schwitzt und friert in der Aura einer glorreichen Vergangenheit. Eitan war mal wer. Der Mitvierziger hält sich in einem Boxkeller fit. Die von ihm geschiedene Mutter seiner Tochter Noga nimmt manchmal noch mit dem Ex vorlieb. Die Mutter einer Freundin von Noga nimmt gerade Maß, als das Verschwinden der greisen Perl Einoch zu Ermittlungen veranlasst. Sie führen ihn aus der amtierenden Gegenwart und schließen ihn an den Puls von 1946. Der künftige Staat Israel gewinnt seine Konturen in der Erkenntnis, dass Juden nirgendwo auf der Welt sicher sind. Sie brauchen einen eigenen Staat. Im Gründungsfuror fliegen die Fetzen. Freischärler ergreifen Soldaten und revanchieren sich im Auge-um-Auge-Modus für Demütigungen. Die ominösen achtzehn Hiebe erleidet auch Lottas Geliebter Eddie O‘Leary. Sein Hintern verrät den Peinigern nicht, dass sie einen Juden verdreschen.

Gavron nähert sich auf den Irrwegen der Liebe einem Horizont der weiten Betrachtung. Er untergräbt den patriotischen Indoktrinationstext, mit dem Kinder in Israel die richtige Heldenverehrung lernen.

Assaf Gavron, „Achtzehn Hiebe“, aus dem Hebräischen von Barbara Linner, Luchterhand, 416 Seiten, 22 ,-

08:35 15.05.2018
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